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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2010

Schüchternheit und Selbstzweifel

Nava Semel: "Liebe für Anfänger", Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2010, 113 Seiten

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Die Protagonisten können ihre Gefühle nicht immer gleich einordnen. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)
Die Protagonisten können ihre Gefühle nicht immer gleich einordnen. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)

Selbst im Zeitalter digitaler Medien, virtueller Erfahrungen und einem fast flächendeckenden Angebot von Informationen zu allem und jedem gibt es noch geschützte Areale, in denen man überraschende Erfahrungen machen kann.

Die Literatur selbst ist so ein Bereich und die "Liebe für Anfänger" – so der Titel einer Sammlung von sieben Geschichten der israelischen Roman- und Jugendbuchautorin Nava Semel – ebenfalls. Denn auch wer sich bevorzugt in Chatrooms aufhält, auf Facebook seine Freundschaften pflegt oder beim Twittern seine Gedanken mitteilt, wird beim ersten Verliebtsein plötzlich vielmehr auf seinen Herzschlag hören als auf den Signalton der neuesten SMS.

So jedenfalls ergeht es den Protagonisten in den Liebesgeschichten, die Nava Semel für Jugendliche geschrieben hat. Gleich, ob Junge oder Mädchen, erfahren sie häufig erst einmal Unsicherheit und Sprachlosigkeit. Ihnen geschieht etwas, das sie nicht sofort einordnen können, das sie tage- und nächtelang beschäftigt, das sie als Geheimnis mit sich herum tragen.

In einem Fall sogar ein ganzes Jahr und dann ein Leben lang: Da zieht ein amerikanischer Junge mit seinen Eltern in das Nachbarhaus der Ich-Erzählerin. Durch das Fenster beobachtet diese den Jungen. Mickey ist Elvis-Fan, kann kein Hebräisch, trägt Hawaii-Hemden und wird in der Schule gehänselt. Aber er löst ein "Bibbern und Tanzen" an der tiefsten Stelle im Körper der Ich-Erzählerin aus.

Während sie im Kreis der Freunde noch seinen Namen verhunzt, treffen sich ihre Blicke jeden Abend am Fenster. Zum Ende der Geschichte wird klar, dass Mickey wieder fortgezogen, die Ich-Erzählerin längst erwachsen ist und ihre Tochter nach dieser, ihrer ersten und nie realisierten Liebe benannt hat.

Die Autorin erzählt diese und die meisten anderen Geschichten in der ersten Person. Zumeist allerdings aus der Perspektive eines Jungen – und schreibt so dem "starken Geschlecht" liebenswerte Schwächen, Schüchternheit und Selbstzweifel, aber auch Humor und Selbstironie zu. In der Geschichte "Ein Liebesbrief" zeigt sie geschickt, wie das Gefühl, Anfänger in der Liebe zu sein, unabhängig vom Geschlecht ist, denn erst am Ende gibt sie dem Leser einen kleinen Hinweis, dass das Liebesobjekt kein Mädchen ist ...

In ihren Geschichten drückt Nava Semel überzeugend und einfühlsam die Gefühle der jungen Liebenden aus. Und doch schimmert in ihnen auch das Wissen der erwachsenen Autorin durch, ein leichtes Schmunzeln über die Anfänger, eine fürsorgliche Zärtlichkeit für sie. Es sind Geschichten, die man durchaus auch als Erwachsener lesen kann. Um sich zu erinnern, wie es war, Anfänger in Sachen Liebe zu sein.

Besprochen von Carsten Hueck

Nava Semel: Liebe für Anfänger
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Bebildert von Gerda Raidt
Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2010
113 Seiten, 14,95 Euro

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