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Im Gespräch | Beitrag vom 24.10.2020

Schubladendenken Über Sinn und Unsinn von Vorurteilen

Moderation: Katrin Heise

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Eine Frau hält ihre Hände in einer Abwehrhaltung weit vor sich gestreckt. (Symbolbild) (Getty / Moment RF)
Keiner will sie haben, jeder hat sie: Vorurteile. Doch nicht immer müssen sie schlecht sein. (Getty / Moment RF)

Keiner will sie haben, aber jeder hat sie: Vorurteile. Frauen mit Kopftuch sind unterdrückt, AfD-Wähler Rassisten. Blondinen sind dumm und Jungs besser in Mathe als Mädchen. Dieses Schubladendenken hat Folgen. Wie können wir damit aufräumen?

Ich Vorurteile? Nein, ich bin doch so liberal … von wegen. Wohl kaum jemand ist frei davon. Mit ihrer Hilfe lässt sich unser Alltag so schön einteilen: Porschefahrer sind dann schnell Macker, Vegetarier genussfeindlich, alte Menschen vergesslich. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Offenbar benötigen wir solche Schubladen im Kopf. Aber wozu? Und ab wann werden sie schädlich?  

"Wir sind Rudelwesen"

"Vorurteile sind manchmal ein durchaus nützlicher Kompass", sagt der Sozialpsychologe Jens Förster. "Zu wem gehöre ich, was sind meine Werte? Das ist ein System zum Formen meiner Identität." Dazu gehörten auch Schubladen, in die man andere Menschen sortiere. So fänden sich schneller Gleichgesinnte. "Wir sind Rudelwesen; wir beziehen einen Teil unseres Selbstwertes aus der Erfahrung in der Gruppe."

Hartnäckige Vorurteile hätten aber auch Folgen; zum Bespiel, dass Mädchen schlechter sind in Mathematik. Studien zeigten, dass sie weniger von ihren Lehrern drangenommen werden. Bei der Wohnungssuche schnitten Bewerber mit ausländisch klingenden Namen regelmäßig schlechter ab. Frauen wechselten nachts eher die Straßenseite, wenn ihnen ein dunkelhäutiger Mann entgegenkommt, als ein Weißer.  

Die Folgen für die Betroffenen

"Es senkt das Selbstwertgefühl herab. Opfer von Vorurteilen haben bedeutend mehr körperliche und psychische Krankheiten. Sie werden in ihrer Selbstverwirklichung behindert. Und es führt zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung: Ich kann das nicht." Diese Themen vertieft Jens Förster in seinem aktuellen Buch: "Schublade auf, Schublade zu. Die verheerende Macht der Vorurteile".

"Ich finde, Vorurteile sind nicht unbedingt schlecht", sagt die Journalistin Vanessa Vu. "Wichtig ist, damit umzugehen, reflektiert damit umzugehen und den Dialog mit den Menschen zu suchen." Nahezu täglich wird die Tochter vietnamesischer Flüchtlinge mit mehr oder minder direkten Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert. Gerade auch in der Coronazeit: "'Asiaten essen Fledermäuse, deswegen haben wir jetzt die Pandemie.' Das rufen mir Leute auf der Straße zu."

Kleine Nadelstiche

Sie erlebe auch die vermeintlich positiven Vorurteile: "Vietnamesen sind Mustermigranten; das wird besonders hervorgeholt, wenn es gegen Muslime geht, gegen den Islam. Aber diese sogenannten positiven Vorurteile sind genauso schlimm." Viele Deutsche mit Migrationsgeschichte erlebten täglich diese kleinen Nadelstiche. In der Summe seien sie schmerzhaft.

In ihrem Podcast "Rice and Shine" geht Vanessa Vu gemeinsam mit der Journalistin Minh Thu Tran auch spielerisch mit diesen Zuschreibungen um. Denn sie weiß: Auch Asiaten sind voller Vorurteile.

Schubladendenken – Über Sinn und Unsinn von Vorurteilen
Darüber diskutiert Katrin Heise am 24.10.2020 von 9.05 Uhr bis 11 Uhr mit der Journalistin Vanessa Vu und dem Sozialpsychologen Jens Förster. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de. Besuchen Sie uns auch auf Facebook, Instagram und Twitter!

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