Schröder: Europäisch-russische Beziehungen weiter ausbauen

Moderation: Norbert Wassmund und Ulrich Ziegler |
Altbundeskanzler Gerhard Schröder hat die Bundesregierung aufgefordert, bei der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2007 einen Schwerpunkt auf den Ausbau der europäisch-russischen Beziehungen zu legen. Schröder forderte insbesondere die Weiterentwicklung des deutsch-russischen Energiemarktes. Russland sei ein zuverlässiger Lieferant von Öl und Gas, betonte der Ex-Kanzler.
Deutschlandradio Kultur: Herr Schröder, letzte Woche waren Sie mit Ihrem Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste. Diese Woche hat Sie jemand überholt. Sie sind auf Platz 2 abgerutscht. Wissen Sie, wer Sie überholt hat?

Gerhard Schröder: Natürlich. Hape Kerkeling. Das gönne ich ihm auch, wirklich ein glanzvoller Komödiant. Meine Frau hat sein Buch gelesen und sagt, es sei durchaus interessant. Aber ich werde nicht pilgern.

Deutschlandradio Kultur: Der Titel des Buches ist ja "Ich bin dann mal weg", hätte ja auch der Titel Ihres Buches sein können, oder?

Schröder: Nein, sicher nicht. Ich habe über Entscheidungen zu schreiben gehabt, Entscheidungen, die ich getroffen habe in meiner Zeit als Bundeskanzler, auch ein paar Lebensentscheidungen davor. Und ich finde, dass in Zusammenarbeit mit dem Verlag dann ein ganz guter Titel gewählt worden ist.

Deutschlandradio Kultur: Dass Sie ein Buch geschrieben haben, das ist mittlerweile bekannt. Angenommen, Sie würden in nächster Zukunft einen Film drehen und der Titel hieße "Eine unbequeme Wahrheit", was wäre denn das Thema, das Sie dann bearbeiten würden?

Schröder: Ich drehe ja keine Filme und werde auch kein Drehbuchautor. Insofern ist das eine rein theoretische Frage. Es gibt sicher eine ganze Menge unbequemer Wahrheiten, besser unbequemer Entscheidungen, die zu treffen waren und die auch beschrieben worden sind, zum Beispiel Entscheidungen, die mit Krieg und Frieden zusammenhingen, aber auch innenpolitische Entscheidungen, die nicht leicht durchzusetzen waren.

Deutschlandradio Kultur: Wir dachten dabei an Al Gore zum Beispiel, der im Jahr 2000 ja fast Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden wäre. Der ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat kämpft weltweit für einen ökologischen Sinneswandel. Wäre das nicht auch eine Aufgabe für Sie?

Schröder: Daran arbeite ich, gar keine Frage. Ich setze mich sehr stark für erneuerbare Energieträger ein, also keineswegs nur für Öl und Gas mit einem Schwerpunkt beim Gas. Ich denke, dass wir alles dransetzen müssen, um Platz 1 in der Welt zu behalten bei der Erforschung und bei der Produktion von regenerativen Energieträgern, also von dem, was man erneuerbare Energien nennt. Denn was immer wir ansonsten leisten, wenn wir darauf keinen Schwerpunkt legen als entwickeltes Industrieland, dann wird Energiepolitik in Zukunft nicht sonderlich gut funktionieren und dann kann man keinen wirklichen Beitrag gegen den Klimawandel leisten – insofern etwas konkreter als Al Gore, aber durchaus nicht ohne Bezugspunkte.

Deutschlandradio Kultur: Das wäre für Sie dann auch so etwas wie ein sozialdemokratisches Erbe, das Sie weiter vorantreiben wollen?

Schröder: Ohne Zweifel ist das so. Ich versuche das ja auch im Ausblick auf künftige Zeiten deutlich zu machen. Wenn man kleine Kinder hat wie ich, dann beschäftigen einen in besonderer Weise Perspektiven, die für diese Kinder zur Verfügung stehen müssen. Und eine vernünftige Energieversorgung, die nicht ohne erneuerbare Energien in Zukunft möglich ist, ist eine solche Perspektive.

Deutschlandradio Kultur: Fast alle großen Staatsmänner haben ja irgendwann eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen. Es gibt die Gorbatschow-Stiftung, die Clinton-Stiftung, wird es denn auch so etwas wie eine Gerhard-Schröder-Stiftung demnächst geben?

Schröder: Das ist nicht geplant, aber ausschließen kann man das auch nicht. Aber ich habe ja viel Zeit. Schauen Sie, ich bin jetzt 62, bin wieder Anwalt geworden, muss was zu tun haben. Und die Kollegen, die Sie erwähnt haben, sind doch alle etwas älter als ich.

Deutschlandradio Kultur: Aber wofür würde es sich denn lohnen, seinen guten Namen, den Sie zweifelsohne haben, so richtig in die Waagschale zu werfen, so für die gute Sache?

Schröder: Ja, es gibt mehrere Dinge, die für mich interessant sind. Einmal interessiert mich – politisch jetzt – das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland, zwischen Europa und Russland. Das versuche ich ja auch deutlich werden zu lassen in dem Buch. Ich habe über erneuerbare Energien gesprochen, ein Thema. Und natürlich interessieren mich Fragen wie das Verhältnis der islamischen Welt zu Europa, insbesondere – und das ist ein Schwerpunkt auch der Vortragsarbeit, die ich mache – die Frage: Schafft es Europa die Türkei an sich zu binden, die Mitgliedschaft der Türkei ernsthaft anzustreben und die Verhandlungen dafür mit Dynamik fortzusetzen? Oder werden wir kleinmütig auf diesem Feld? Das sind eine Menge an Themen von großem Interesse.

Deutschlandradio Kultur: Über außenpolitische Fragen werden wir gerne später mit Ihnen reden, zunächst mal noch einen Blick in die Innenpolitik. Denn Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck und Sachsen-Anhalts Finanzminister Bullerjahn, beides gelernte DDR-Bürger und Sozialdemokraten der jüngeren Generation, haben letzte Woche ein gemeinsames Papier vorgestellt und sagen: "Der Sozialstaat alter Prägung hat ausgedient, jetzt geht es um den vorsorgenden Sozialstaat, um stärkere Eigenverantwortung, um gleiche Bildungschancen." Tritt da schon jemand in Ihre Fußstapfen?

Schröder: Ich hoffe, dass das so ist. Aber auch der Parteivorsitzende Kurt Beck hat sich über Leistungsträger in ähnlicher Weise geäußert. Das, was die beiden aufgeschrieben haben, ich habe es lediglich der Presse entnehmen können, das ist die Fortsetzung die Ausfüllung der Agenda-Politik, für die ich in besonderer Weise stehe. Und dass die in ähnlicher Weise denken und das auch aufschreiben und den Mut haben das zu sagen, das finde ich schon in Ordnung. Denn das, was sie zum Sozialstaat sagen, zu den Wandlungen, denen er unterliegt, wenn er erhalten werden soll, das ist Kern der Agenda-Politik.

Deutschlandradio Kultur: Matthias Platzeck kritisiert in dem Zusammenhang in scharfer Form auch die Versäumnisse der Sozialdemokraten und fordert ein tragfähiges sozialdemokratisches Grundsatzprogramm. Er spricht dabei vom "Lebenselixier für die SPD". Könnten Sie sich vorstellen, sich da noch mal einzumischen?

Schröder: Nein, das werde ich nicht tun, denn die operative Politik, auch die grundsätzlichen Fragen, müssen jetzt meine Nachfolger und Nachfolgerinnen klären. Die werden das gut machen, davon bin ich überzeugt. Wenn jemand einen Rat von mir haben will, kriegt er den, aber nicht öffentlich.

Deutschlandradio Kultur: Es gibt noch einen Satz von Matthias Platzeck im Zusammenhang mit der so genannten neuen Mitte, die Sie ja auch mal kreiert haben. Er sagt, dies sei so etwas wie "der überladene Lastesel der Nation". Können Sie ihm da zustimmen?

Schröder: Dass das so war, ist richtig. Wir haben in der Steuerpolitik, glaube ich, Akzente gesetzt, die das abschwächen. Aber es gibt einen Punkt, der in dem Papier, soweit ich es erkenne, nicht erwähnt worden ist, den ich für besonders wichtig halte und der diese Mitte betrifft. Es geht um glänzend ausgebildete junge Leute, meistens mit akademischen Abschlüssen, zwei-, dreisprachig mit Auslandserfahrungen, die in Deutschland von einem Praktikum in das nächste geschoben werden, ohne dass sie die Chance erhalten eine dauerhafte Anstellung zu bekommen. Es gibt zu viele dieser glänzend ausgebildeten, hoch motivierten jungen Leute. Das bedeutet, dass sich die Einstellungspraxis in der deutschen Wirtschaft, den Großen wie den Mittleren, wirklich ändern muss, wenn wir diese tollen Leute an uns binden wollen. Dass sie weniger Chancen bekommen als wir hatten, als ich in diesem Alter war, das ist eigentlich ein Skandal. Der muss geändert werden. Denn die sind diejenigen, die das darstellen sollen und müssen, was wir neue Mitte genannt haben. Und das ist ein Konzept, was ja keineswegs beendet sein darf.

Deutschlandradio Kultur: Herr Schröder, zweifellos gab es unter Ihrer Kanzlerschaft eine Reihe von Entlastungen für die Menschen. Trotzdem ist die Schere zwischen Arm und Reich auch unter Rot-Grün weiter auseinander gegangen. Macht Ihnen das Sorgen?

Schröder: Das macht mir mehr als Sorgen, aber es gibt objektive Ursachen dafür, die man benennen muss. Eine der wichtigsten ist natürlich, dass im Zuge der Globalisierung, der Verschärfung des internationalen Wettbewerbs, nicht nur zwischen Unternehmen, ja zwischen ganzen Volkswirtschaften, Jobs, die früher für nicht so gut ausgebildete Menschen da waren, Menschen, die nicht so glänzende Chancen hatten, weggefallen sind. Und an die Stelle ist nichts gekommen. Teilweise sind diese Arbeiten ins Ausland verlagert worden, weil es dort billiger ist. Dem kann man nur entgegentreten, wenn man Schwerpunkte bei Bildung und Ausbildung setzt, bei Betreuung von Kindern und natürlich bei Forschung und Entwicklung. Wir haben eine Veränderung eingeleitet. Die muss wirklich mit Macht weitergeführt werden. Ich hoffe, dass die große Koalition das schafft.

Deutschlandradio Kultur: Interessanterweise haben Sie im Zusammenhang bei dem Blair-Papier, auch in ihrem Buch nachzulesen, eine Frage gestellt, die ich hoch interessant fand. Die heißt: "Wo beginnt ökonomische Effizienz Humanität zu zerstören?" Wissen Sie da schon eine Antwort?

Schröder: Es gibt keine Patentantwort darauf. Ich wollte damit klarmachen, dass das Vertrauen darauf, dass der Markt alle Bedürfnisse der Menschen befriedigen kann, ein falsches Vertrauen ist. Also, wir brauchen ein neues Verhältnis nicht nur zwischen individueller Verantwortung, Eigenverantwortung und Solidarität der Gesellschaft, für die der Staat handelt, sondern wir brauchen auch die Bestimmung des Verhältnisses: Was kann der Markt und was muss die Politik tun? Der Markt ist Instrument, nicht Selbstzweck.

Deutschlandradio Kultur: Herr Schröder, alle reden ja von einem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland, das ist ja die positive Seite, die man im Augenblick anmerken kann, von einer Trendwende möglicherweise. Ernten jetzt andere das, was Sie während Ihrer Kanzlerschaft quasi gesät haben?

Schröder: Das kann man nicht ausschließen. Ich versuche ja im Buch ein Problem von Reformpolitik zu beschreiben und zu benennen, das bleiben wird, nämlich die Tatsache, dass es eine zeitliche Lücke gibt zwischen einer notwendigen Entscheidung, die Sie heute treffen müssen, und den positiven Wirkungen, die ein, zwei, manchmal drei Jahre später eintreten. Die Agenda 2010, die eine so große Rolle in dem Buch "Entscheidungen" spielt, heißt ja Agenda 2010, weil ich andeuten wollte, dass es lange dauert bis die Wirkungen eintreten. Dass sie jetzt eintreten, ist sicherlich nicht alleine der Agenda-Politik geschuldet, aber wir haben einen vernünftigen Rahmen gesetzt. Darauf bin ich stolz. Und meine Hoffnung ist natürlich, dass opportunistische Tendenzen, die ich hier und da sehe, nicht dazu führen, dass die Konsequenz dieser Agenda-Politik abgemildert wird. Ich sehe einen wirklichen Wächter über dem Bereich des Arbeitsmartes und der Sozialreformen in der Regierung. Das ist Arbeitsminister Franz Müntefering. Ich habe nicht ohne Grund beschrieben, dass die Koalitionsverhandlungen zu einem gemäßigt sozialdemokratischen Programm geführt haben. Und ich würde mir hoffen, dass Gewerkschaften und Sozialdemokraten – vor allen Dingen auch Gewerkschaften – nicht den Fehler machen, den sie in der Vergangenheit gemacht haben, nämlich diese notwendige Reformpolitik nicht zu unterstützen, sondern sie fundamental zu kritisieren. Kritik an Einzelheiten ist immer richtig. Aber dass der Kurs der Agenda-Politik stimmt, das kann nicht zweifelhaft sein. Und die positiven Wirkungen, die Sie selber erwähnt haben, sprechen dafür.

Deutschlandradio Kultur: Sie sehen auch Kontinuität bei Schwarz-Rot?

Schröder: Ich sehe viel Kontinuität, sowohl in der Innen-, als auch in der Außenpolitik. Deswegen gehöre ich nicht zu den Unzufriedensten derjenigen, die über die große Koalition urteilen.

Deutschlandradio Kultur: Kommen wir zur Außenpolitik und zu Europa: Bereits in sechs Wochen übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft und den G8-Vorsitz. Fragen des Klimaschutzes und der Energiesicherheit – wir haben gerade schon darüber gesprochen – werden eine wichtige Rolle spielen, sagt die Kanzlerin. Also auch hier Kontinuität?

Schröder: Ich sehe das so. Energiesicherheit heißt ja, darauf ohne Zweifel vertrauen zu können, was wir erreicht haben, nämlich sichere Lieferung zum Beispiel aus Russland seit 30, 40 Jahren. In der früheren Zeit der Sowjetunion war das so, heute ist es erst recht so. Es gibt langfristige Verträge deutscher Energieunternehmen mit russischen Energieunternehmen. Es gibt gegenseitige Verflechtungen. Das alles kann man verstärken, soll man auch. Hier sehe ich Kontinuität. Dass das natürlich ergänzt werden muss durch die Dinge, über die wir geredet haben, nämlich Dynamik in der Förderung der erneuerbaren Energien, das ist doch gar keine Frage.

Deutschlandradio Kultur: Aber in dem Zusammenhang hat die Kanzlerin auch erklärt, dass es keine Projekte – auch bei energiepolitischen Fragen – innerhalb Europas geben darf, die gegen andere gerichtet sind. Aber das genau empfinden ja die Polen, zumindest Teile von ihnen. Denn durch den deutsch-russischen Pipeline-Vertrag sieht Warschau die Interessen seines Landes massiv verletzt. Können Sie denn die Irritationen zumindest verstehen?

Schröder: Nein, kann ich nicht, weil diese Pipeline in der Tat gegen niemanden gerichtet ist. Jedem Land ist angeboten worden, eine Zuleitung auf sein eigenes Territorium zu bekommen, so dieses Land das denn wünscht. Mehr kann man eigentlich nicht tun.

Im Übrigen muss ich auf eins hinweisen: Diese Pipeline ist Teil dessen, was man die transeuropäischen Netze nennt. Die sind in Europa beschlossen worden. Insofern ist eigentlich jeder Mitgliedsstaat der Europäischen Union sogar verpflichtet, diese Netze und deren Bau zu unterstützen. Wir haben steigenden Verbrauch beim Gas, massiv steigenden Verbrauch, und sinkende eigene Reserven – in England, auch in Norwegen. Das bedeutet natürlich, dass wir Lieferungen brauchen. Und wenn Sie sich umschauen in der Welt, wo die denn ansonsten herkommen könnten – Naher Osten, Afrika –, dann gehören diese Regionen, jedenfalls zur Zeit, nicht zu den stabilsten, die man sich vorstellen kann. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass es Sinn machen würde – und mir scheint das auch so zu sein, wenn ich die Papiere aus dem Außenministerium, die ja veröffentlicht worden sind, lese –, dass man in der deutschen Präsidentschaft auch einen Schwerpunkt auf die Entwicklung des engen, immer enger werdenden Verhältnisses zwischen Europa und Russland legt, eine Aufgabe gerade Deutschlands.

Deutschlandradio Kultur: Trotzdem, ich will da noch einmal nachhaken: Der polnische Botschafter war vor zwei Wochen hier in dieser Sendung und hat deutlich gesagt, Zitat: "Die polnische Abhängigkeit ist durch die Planung der Ostseepipeline deutlich verstärkt worden."

Schröder: Ich weiß nicht, wie er zu dieser Auffassung kommt, aber ich nehme das mal so. Meine Aufgabe ist es nicht, den polnischen Botschafter in Deutschland zu kommentieren.

Deutschlandradio Kultur: Wie muss denn, Herr Schröder, eine Energiepartnerschaft zwischen Russland und der Europäischen Union aussehen?

Schröder: Russland hat Ressourcen, sowohl in Gas als auch in Öl, ist ein ganz zuverlässiger Lieferant. Und die Aufgabe, vor der wir stehen, ist genau das, was aus Deutschland heraus schon geschieht, dass sich große deutsche Energieunternehmen, wie E.ON zum Beispiel, auch BASF Wintershall, an der Exploration, an der Förderung beteiligen, auch Zulassungen bekommen, auf dem russischen Markt tätig zu werden und umgekehrt. Je enger die Verflechtungen sind, desto größer ist doch die gegenseitige Abhängigkeit. Das ist doch nicht einseitig. Der Lieferant will liefern und der Kunde braucht es. Und je enger die Verflechtungen auch in den Märkten selber sind, desto weniger stark ist die Abhängigkeit eines vom anderen, weil es eine gegenseitige Abhängigkeit gibt.

Deutschlandradio Kultur: Das heißt, so etwas, was mit der Ukraine passiert ist, befürchten Sie für den europäisch-russischen Markt nicht?

Schröder: Nein, überhaupt nicht. Denn eins ist doch klar, das kann man ja auch mal deutlich sagen: Die Ukraine, ein selbständiger Staat, hat Gas bezogen zu 50 Dollar pro tausend Kubikmeter. In Westeuropa werden auf den Märkten 240 Dollar zu bezahlen sein. Dass ein Staat, der selbständig ist und Wert darauf legt, was in Russland ja auch ohne Zweifel akzeptiert wird, Vorzugspreise bekommt, das ist doch nicht nachvollziehbar. Warum sollen die weniger für das Gas bezahlen, als das Deutschland muss? Es gibt keine Begründung dafür.

Deutschlandradio Kultur: Wenn wir diese gesamteuropäische Perspektive betrachten, es gibt demnächst Verhandlungen über ein neues Kooperations- und Partnerschaftsabkommen mit Russland. Einzelne Kapitel müssen auch neu geschrieben werden. Werden Sie denn, wenn Sie möglicherweise auf EU-Seite gefragt werden, mithelfen, damit das ein ordentlicher Vertrag wird?

Schröder: Wenn ich um Rat gefragt werden würde, dann immer. Aber ich sehe die Notwendigkeit nicht. Ich finde, dass die Vorstellungen, die ich aus der Presse kenne, die im deutschen Außenministerium von Frank-Walter Steinmeier, dem Bundesaußenminister entwickelt worden sind, ein tragfähiges Konzept für ein neues Kooperationsabkommen sind. Deswegen wünsche ich mir, dass dieses Konzept im Rahmen der deutschen Präsidentschaft in den Verhandlungen die Schwerpunktrolle spielt.

Deutschlandradio Kultur: Am 25. September 2001 hat der russische Präsident in seiner Rede im Deutschen Bundestag Europa eine "universelle Zusammenarbeit" angeboten. Welchen Platz – unabhängig von den Energielieferungen – kann Russland in Europa einnehmen?

Schröder: Deutschland ist die Nummer 1, was Ausrüstungsgüter angeht, was Investitionsgüter angeht auf dem russischen Markt. Die russische Wirtschaft will sich in Deutschland beteiligen – also Verflechtungen hin und her, die nur sinnvoll sind. Denn Europa hat doch ein Interesse daran, dass es eine Verflechtung zwischen der russischen und der westlichen Wirtschaft gibt. Europa hat Interesse daran, dass die politische und kulturelle Zusammenarbeit immer enger wird. Die Alternative wäre doch eine Hinwendung Russlands zu Asien und daran kann niemand in Europa ein Interesse haben.

Deutschlandradio Kultur: Es gibt aber eine Äußerung von Ihrem ehemaligen Superminister Wolfgang Clement. Der sagt: "Wehren muss man sich jedoch, wenn Staatskonzerne private Unternehmen übernehmen wollen." Dem stimmen Sie zu?

Schröder: Was sind Staatskonzerne? Zum Beispiel die Deutsche Bahn AG in Deutschland, 100 Prozent Eigentümer ist der Bund, ist munter auf Auslandsmärkten aktiv. Das ist wohl übersehen worden. Insofern wird es in der russischen Wirtschaft so sein, dass wichtige Ressourcen des Landes, jedenfalls im Mehrheitsbesitz des Staates bleiben. Gleichwohl sind das an der Börse notierte Unternehmen, die von Managern geführt werden und vor denen man keine Angst haben muss. Ich weiß nicht, was Wolfgang Clement da gemeint hat, aber ich glaube, dass man nicht so sehr auf die Eigentumsform gucken sollte, sondern auf die Frage, ob das börsennotierte Unternehmen sind, also den Rahmenbedingungen weltweit unterworfen sind, wie andere auch. Sonst würde man ja auch gewisse Reserven gegen Frankreichs Konzerne haben müssen, die – wie wir alle wissen – sehr stark staatlich beeinflusst sind, um es vorsichtig zu sagen. Nein, Russland wird WTO-Mitglied, Gott sei Dank sind die Verhandlungen mit Amerika abgeschlossen, und das heißt, ist Teil der Weltwirtschaft und da darf es keine Diskriminierungen geben.

Deutschlandradio Kultur: Werfen wir einen Blick über den großen Teich, auf die USA. Bei den Kongresswahlen hat US-Präsident Bush eine schwere Niederlage erlitten. Sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus haben die Demokraten jetzt die Mehrheit errungen. Vorgezogene Präsidentschaftswahlen würden Sie Bush aber wahrscheinlich nicht empfehlen?

Schröder: Also, ich will mich in die amerikanische Innenpolitik nicht einmischen. Ich habe den Wahlsieg der Demokraten zur Kenntnis genommen. Welche Auswirkungen er auf die Politik der jetzigen Regierung hat, wird man sehen. In letzter Zeit war eine Tendenz zu mehr Rücksichtnahme auf multilaterale Gesichtspunkte bereits erkennbar. Möglicherweise wird die sich verstärken, aber es ist zu früh, ein endgültiges Urteil abzugeben. Ich glaube, dass das – auch für diejenigen, die wie ich gegen den Krieg waren – richtig ist zu sagen, was kann denn die Staatengemeinschaft jetzt tun, um eine Lösung zu finden, um das Blutvergießen zu beenden, um die Unruhe, die Unsicherheit in der Region, von der wir ja auch negativ betroffen sein können, zu beenden. In der Tat, die Koalitionsmächte Amerika und England vor allen Dingen brauchen eine Exit-Strategie, wie das so schön heißt, eine indessen, die nun nicht über Nacht zu Ende gebracht werden kann, sondern die sich auf der Zeitachse abspielen muss. Das heißt, es muss der Wille rauszugehen sehr deutlich formuliert werden und dann kann man über die Bedingungen reden. Und die wichtigste Bedingung ist, dass der Irak selber Sicherheit nach innen wie nach außen produzieren, also für sich selber sorgen kann. Das geht nur durch Ausbildung. Alle Stellungnahmen, die ich jetzt so gelegentlich vernehme, dass es einen Beitrag Deutschlands im Irak geben könnte, nun gut, ich will mich da nicht einmischen, aber für sinnvoll kann man das kaum halten.

Deutschlandradio Kultur: War das Ihre wichtigste außenpolitische Entscheidung zu sagen, Deutschland geht nicht in den Irak?

Schröder: Es war eine der wichtigen, aber genauso wichtig war, und ich musste das ja mit der Vertrauensfrage durchsetzen, dass wir deutlich gemacht haben, wenn Freunde – in diesem Fall Amerika – angegriffen werden, stehen wir an deren Seite. Deswegen haben wir bei Enduring-Freedom mitgemacht, also in Afghanistan gegen die Taliban gekämpft. Deswegen gibt es deutsche Soldaten dort.

Deutschlandradio Kultur: Jetzt gibt es den schönen Satz, der lautet folgendermaßen: "Der Politiker denkt an die nächsten Wahlen, der Staatsmann an die nächste Generation." Das sagte einst der britische Premierminister William Gladstone. Sie widmen Ihr Buch Ihrer Frau Doris und ihren Kindern Klara, Viktoria und Gregor und gleich im Vorwort steht der Satz: "Unsere Kinder erinnern mich an politische Verantwortung, die über die eigene Lebenszeit hinausweist." An was denken Sie dabei konkret?

Schröder: Vor allen Dingen die ökologische Frage, bei der wir Erfolge erzielt haben, aber auch zu wenig, dann die Chancen für jede und jeden, vor allen Dingen der Kinder, unabhängig vom Einkommen der Eltern – ich weiß, worüber ich rede und versuche das auch zu beschreiben, was meine eigene Kindheit angeht – und sicher auch die Frage des Friedens. Kann Europa, und das kann nur insgesamt in Europa geschehen, in den Konflikten dieser Welt einen Beitrag zu mehr Frieden leisten? Das würde ich als die Vision von Europa immer noch sehen, die am wichtigsten ist.

Deutschlandradio Kultur: Herr Schröder, wenn Sie irgendwann in ferner Zukunft auf Ihr politisches Lebenswerk zurückblicken, wie würden Sie gerne in den Schul- und Geschichtsbüchern beschrieben werden?

Schröder: Ich habe das ja gerade versucht zu sagen. Was war denn in den sieben Jahren wichtig? Es sind vier Dinge: Erstens, ich glaube, wir haben in der Außen- und Sicherheitspolitik bewiesen, dass Außenpolitik in Berlin gemacht wird und nirgendwo anders, also mehr relative – es kann immer nur relative Unabhängigkeit geben – Unabhängigkeit erzielt. Zweitens, wir haben mit der Agendapolitik die Reformunwilligkeit in Deutschland aufgebrochen und hinter diesen Aufbruch sollte man nicht zurückfallen. Drittens, wir haben das Land, so denke ich, in zwei, drei wichtigen Fragen offener, toleranter gemacht, etwa in der Frage der Integration von Ausländern durch das Einwanderungsgesetz, aber auch mit der Schaffung von Rechtssicherheit für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Das sind wichtige Punkte, die vielleicht nur Minderheiten interessieren, aber die für die Gesellschaft wichtig sind. Und viertens, das würde ich nicht vergessen wollen, wir haben in der Energiepolitik – glaube ich – deutlich gemacht, wohin die Reise gehen muss, nämlich in die erneuerbaren Energien.

Deutschlandradio Kultur: Herr Schröder, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.