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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 04.02.2019

Schriftstellerin Olga Grjasnowa"Eine Kultur ergibt sich erst aus der Vermischung"

Moderation: Britta Bürger

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Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa bei Deutschlandradio Kultur auf der Leipziger Buchmesse 2017 (Deutschlandradio / Stefan Fischer)
Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa (Deutschlandradio / Stefan Fischer)

Vor rund 20 Jahren kam Olga Grjasnowa nach Deutschland - ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Inzwischen ist sie als Stimme aus der deutschen Gegenwartsliteratur nicht mehr wegzudenken.

(Wdh. vom 21. September 2017)

Seit mindestens zehn Jahren wünsche sie sich einen Plan B, sagt Olga Grjasnowa. Allein – sie hat keinen. Vielleicht auch deshalb, weil Plan A ausgesprochen erfolgreich ist: Mit "Gott ist nicht schüchtern" hat die 34-jährige Schriftstellerin im Frühjahr 2017 ihren dritten Roman vorgelegt. Schonungslos erzählt die Autorin darin vom Krieg in Syrien, von den Härten der Flucht wie des Lebens als Flüchtling in Deutschland.

Gespräche über Google Translate

Olga Grjasnowa wurde in Baku in Aserbaidschan geboren, ihr Ehemann in Syrien. Als sie ihren späteren Mann in Berlin kennenlernte, sprach er fast kein Englisch.  

"Wir konnten uns meistens nur über Google Translate unterhalten, zum Glück hat er relativ schnell englisch gelernt. Aber in den ersten Wochen war das so, dass wir fast jeden Satz eintippen mussten und dann übersetzen. Also ich weiß auch nicht, wie wir zusammen gekommen sind, ehrlich gesagt. Es war von vornherein so absurd, diese Vorstellung. Es war nie darauf angelegt, dass wir tatsächlich heiraten und zusammen Kinder bekommen, sondern es war einfach von einem Tag zum nächsten, ohne irgendwelche Erwartungen. Und wir waren schon froh, dass wir es überhaupt  geschafft haben, uns für eine bestimmte Uhrzeit zu verabreden."

Inzwischen hat das Ehepaar auch Kinder.

Die Gnade der Geburt

Der Krieg in Syrien ist Olga Grjasnowa nicht nur über ihren Mann nahe gekommen. Vor drei Jahren lebten sie, ihr Mann und ihre damals einjährige Tochter für einige Monate in Istanbul.

Olga Grjasnowa zu Gast beim "Bücherfrühling" von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Stefan Fischer)Olga Grjasnowa zu Gast beim "Bücherfrühling" (Deutschlandradio / Stefan Fischer)

"Und jedes Mal wenn wir Taxi gefahren sind - und da man in Istanbul nicht unbedingt mit dem Kinderwagen weit kommt mussten wir immer wieder mit dem Taxi fahren, was auch bedeutet, dass wir eigentlich nur im Stau standen -, und wenn wir in diesem Stau standen, stundenlang, haben immer Kinder an die Fensterscheibe geklopft, und das waren syrische Kinder, wie die Taxifahrer immer wieder betonten, und sie haben gebettelt und die Mutter stand irgendwo am Straßenrand. Und was mir dann klar wurde war: Das einzige, was mein Kind von diesen Kindern unterscheidet ist einfach die Gnade der Geburt, das ist einfach nur der historische Zufall, dass ich einen deutschen Pass habe. Ich bin noch nicht mal in Deutschland geboren. Es ist einfach nur ein kleiner politische Zufall, es ist weder der Bildungsstand, es ist weder die Tatsache … ich bin nicht mal die bessere Mutter, und die andere ist nicht die schlechtere Mutter, wir haben höchstwahrscheinlich auch denselben sozialen Stand, denselben Bildungsstand. Das ist wirklich nur dieser kleine Zufall."

Die Frage nach den kulturellen Wurzeln sei "großer Quatsch"

Olga Grjasnowa war elf Jahre alt, als sie 1996 mit ihren Eltern als so genannte Kontingentflüchtlinge aus Aserbaidschan nach Hessen kam, ohne ein Wort der Sprache zu können, in der sie heute ihre Bücher schreibt. Nach ihrem Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gelang Olga Grjasnowa schon mit ihrem Debüt "Der Russe ist einer, der Birken liebt" der literarische Durchbruch.

Die Frage nach den kulturellen Wurzeln, die auch ihr immer wieder gestellt werde, hält sie für "einen großen Quatsch".

"Was heißt schon kulturelle Wurzeln, wenn man zum Beispiel in der ostdeutschen Provinz aufgewachsen ist und fast ausschließlich amerikanische Literatur gelesen hat? Ist es jetzt die amerikanische Literatur oder ist es jetzt irgendwie das Dorf in dem man aufgewachsen ist? Ich glaube das ist so vielfältig, und unsere Kulturen sind alle miteinander verwachsen. Man kann nie sagen: das gehört zu der einen Kultur. Ich glaube, eine Kultur ergibt sich erst aus der Vermischung."

Und was sei überhaupt Herkunft?

"Da ist jetzt meine Herkunft aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt. Das ist die Herkunft dessen, dass meine Mutter Musiklehrerin ist, und dass zum Beispiel bei uns nur klassische Musik wahnsinnig wichtig war und Popmusik fast gar nicht vorkam. Ist das meine Herkunft? Oder ist es die Tatsache, dass ich in Aserbaidschan geboren worden bin? Was sagt schon dieses biografische Detail über mich aus? Am Ende gar nichts."

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