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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 16.12.2015

Schriftsteller William Somerset Maugham Der Geschichtensammler

Von Ruth Fühner

Der Schriftsteller William Somerset Maugham im Januar 1959 in seiner Londoner Wohnung.
Der Schriftsteller William Somerset Maugham im Januar 1959 in seiner Londoner Wohnung.

James-Bond-Erfinder Ian Fleming bezeichnete William Somerset Maugham als einen der ganz wenigen Kollegen, "die über solche Dinge schreiben, die die Leute wirklich genießen: Kartenspiel, Geld, Gold, und so weiter". Heute vor 50 Jahren starb Maugham.

"Als ich Colombo verließ, hatte ich nicht die Absicht, nach Kengtung zu fahren, aber auf dem Schiff traf ich einen Mann, der mir erzählte, er habe fünf Jahre dort gelebt."

So oder ähnlich fangen viele der Erzählungen von William Somerset Maugham an: mit Begegnungen irgendwo in den Weiten des ehemaligen britischen Empires. Begegnungen mit Menschen, die der diplomatische Dienst oder Geschäfte nach Indien, Papua, China oder in den pazifischen Raum verschlagen haben. Somerset Maugham hat all diese exotischen Länder selbst bereist - und die Ohren weit aufgesperrt.

"Schon oft hat mir ein Mann auf einem einsamen Dschungelposten oder allein in einem steifen, pompösen Haus mitten in einer wimmelnden chinesischen Stadt Geschichten über sich erzählt, von denen ich sicher bin, dass er sie niemals vorher irgend jemandem erzählt hatte."

Ein erster Ausflug in die Freiheit

Maugham war ein Geschichtensammler. Seine Eigene verlief so: Geboren 1874 in Paris, der Vater ein englischer Anwalt, der dort für britische Klienten arbeitete. Beide Eltern starben früh, der Sohn geriet in die Obhut eines gefühlskalten Onkels. Kindheit und Jugend in englischen Internaten, wo er, der zunächst nur französisch sprach, verspottet wurde und zu stottern begann. Eine Geschichte, die Maugham, kaum verhüllt, in seinem Roman "Der Menschen Hörigkeit" erzählte. Dann ein erster Ausflug in die Freiheit: das Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg:

"Ich kann nie vergessen, dass ich das glücklichste Jahr meines ganzen Lebens in Heidelberg verbracht habe. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich die Freiheit genießen konnte, das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit der Kunst in Berührung kam, und schließlich auch das erste Mal, dass ich mich verliebte."

Auf Drängen seines Onkels legte Maugham 1898 zusätzlich das medizinische Examen ab - doch der Drang zu schreiben war stärker. Sein erster Roman, ein Ehebruch-Melodram aus dem Arbeitermilieu, spielte in einem Londoner Slum und verkaufte sich bestens.

"Bevor ich ein erfolgreicher Bühnenschriftsteller wurde, sah man mich als einen vielversprechenden jungen Romanschriftsteller an. Ich habe damals nicht viel verdient, aber man hielt mich für viel versprechend. Zu einer Zeit wurden auf den Londoner Bühnen gleichzeitig vier Theaterstücke von mir aufgeführt."

Der Drang zu schreiben

Und so zeigte 1908 ein Cartoon einen Shakespeare, der beim Blick auf die Allgegenwart von Maughams eleganten Gesellschaftskomödien nervös an den Nägeln kaute.

Im Ersten Weltkrieg diente Maugham beim englischen Geheimdienst in Russland. Was er später darüber schrieb, machte ihn zum Vorbild einer ganzen Riege britischer Autoren, die sich auf dem Feld des Agentenromans tummelten. Doch obwohl Maugham der meistgelesene englische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wurde und seine Villa an der Côte d'Azur mit erlesenen Kunstwerken ausstatten konnte – was er sich brennend wünschte, hatte er nicht erreicht, als er am 16. Dezember 1965 starb: als Autor wirklich ernst genommen zu werden.

"Es waren die Intellektuellen, die mich nun als einen Unterhaltungsschriftsteller betrachteten und völlig ablehnten."

Er gehörte nicht zu den Avantgardisten

Tatsächlich gehört er nicht zu den Avantgardisten, seine Prosa ist an den Franzosen des 19. Jahrhunderts geschult, am Ideal von leichter Lesbarkeit und Eleganz. Und ja, er hasste die Langeweile. Genau das machte ihn unersättlich neugierig auf das Leben hinter der glatten Oberfläche der britischen Gesellschaft, auf die stummen Tragödien, die schamvoll verborgenen Frivolitäten und die bigotte Brutalität.

Maugham war ein scharfer, aber gnädiger Beobachter menschlicher Stärken und Schwächen. Stets legte er Distanz zwischen sich und seine Figuren – und ihre letzten, intimsten Details gab er nicht preis, sondern überließ sie der Fantasie seiner Leserinnen und Leser.

Vielleicht aber geht den Maugham-Verächtern auch einfach das Lebensprinzip eines brillanten Ironikers gegen den Strich, der von sich sagte:

"Ich sah keinen Grund, die Forderungen der Sinne den Lockungen des Geistes unterzuordnen, und war fest entschlossen, aus den menschlichen Beziehungen, aus Essen, Trinken und Hurerei, aus Luxus, Sport, Kunst, Reisen und allen anderen Dingen so viel Befriedigung herauszuholen wie nur irgend möglich."

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