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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 21.03.2019

Schriftsteller Pavel Kohout"Die kalte Wut ist mein Benzin"

Moderation: Susanne Führer

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Der tschechische Schriftsteller und Dramatiker Pavel Kohout; hier bei der Verleihung des Kunstpreises zur deutsch-tschechischen Verständigung im Rathaus in Chemnitz am 22.10. 2014 (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Der tschechische Schriftsteller und Dramatiker Pavel Kohout (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Einst war er glühender Anhänger Stalins, später wurde Pavel Kohout einer der Wortführer des Prager Frühlings. 1979 ging er ins Exil nach Österreich. Heute repräsentiert der 91-jährige Schriftsteller das Gastland Tschechien auf der Leipziger Buchmesse.

Der erste große Einschnitt in seiner Kindheit war die Weltwirtschaftskrise 1929. Die bis dahin gutsituierte Familie Pavel Kohouts verlor ihr Vermögen. Wenige Jahre später erlebte er die Besetzung Tschechiens durch die Nazis und den Zweiten Weltkrieg. Stalin war für den Schriftsteller der große Retter, und er wurde einer seiner glühendsten Anhänger, bis er von den Gräueltaten des russischen Diktators erfuhr. Er empfinde eine tiefe Schuld angesichts seiner damaligen Verblendung, sagt er heute.

"Es gab nach Stalins Tod etwas, das ich heute als Reue der Kommunisten bezeichne. Diejenigen, die es ernst meinten, wussten, dass sie mitschuldig waren an allem, was passiert ist. Und dass sie etwas zu korrigieren haben. Das war der Prager Frühling. Er wurde vor allem von Kommunisten getragen."

1968 gehörte er zu den Wortführern des Aufstandes, 1977 zu den Unterzeichnern der Charta 77. Schließlich musste er ins österreichische Exil gehen.

"Ich wollte nie emigrieren und meine Frau auch nicht. Aber wir wurden rausgeschmissen, wie man aus einer Bar geworfen wird."

Keine Sentimentalität

Der tschechische Geheimdienst hätte ihn und seine Frau gern umgebracht, vermutet er. Stellvertretend wurde der Rauhaardackel des Paares vergiftet. Diesen Vorfall verarbeitete er in seinem Buch "Wo der Hund begraben liegt". Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnte er in sein Land zurückkehren:

"Ich habe immer gemeint, das Schlimmste am Exil ist die Entscheidung. Wenn Sie sich entschieden haben, sogar mit Kindern, dann müssen Sie damit rechnen, dass es falsch ist und dass man dafür dann bezahlt. Und das mussten wir nicht. Wir wurden buchstäblich rausgetragen, damit gab es keine Sentimentalität. Es blieb nur, wie ich sie nenne, die kalte Wut. Und die ist mein Benzin."

Freunde waren ihm immer wichtig. Einer seiner besten Freunde war der erste postkommunistische Präsident Vaclav Havel:

"Auch nachdem wir uns in der Demokratie in unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten, blieb immer eine Nähe, ein gewisser Respekt für die Freunde aus der Zeit davor."

Kohout schrieb Theaterstücke und Romane, zumeist stark autobiografisch. Zu den Werken des preisgekrönten Autors und Dramatikers gehören "Sternstunde der Mörder" oder "Mein schönes Leben mit Stalin, Hitler und Havel".

Bis heute verfolgt der 91-Jährige mit wachem Geist das politische Geschehen in seinem Land und lädt auch schon mal Staatspräsident Milos Zeman zu sich ein, um ihm seine Sicht der Dinge zu erklären.

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