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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 13.02.2018

Schriftsteller Guntram VesperEin Lebenswerk mit mehr als zwei Millionen Zeichen

Guntram Vesper im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Der Schriftsteller Guntram Vesper  (picture alliance / dpa / Foto: Jan Woitas)
Der Schriftsteller Guntram Vesper wird am 17.03.2016 auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen) für seinen Roman "Frohburg" in der Kategorie Belletristik mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2016 ausgezeichnet. (picture alliance / dpa / Foto: Jan Woitas)

Für seinen Roman "Frohburg" erhielt Guntram Vesper 2016 den Preis der Leipziger Buchmesse. Ob und wie das Mammutwerk über seine sächsische Heimatstadt weitergehen könnte, verriet der Schriftsteller im Gespräch.

"Im Grunde habe ich immer schon über Frohburg geschrieben", sagt der Schriftsteller Guntram Vesper über seine sächsische Heimatstadt, in der er 1941 geboren wurde. 2016 wurde sein Roman "Frohburg" mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet – eine Familiengeschichte und Zeitpanorama zugleich.

"Ich weiß gar nicht, ob ich schon bei der ersten Million die Zeichen gezählt habe, ich glaube, ich konnte das noch gar nicht. Erst als die Menge der Zeichen anschwoll, sag‘ ich mal auf zwei Millionen, da habe ich angefangen, jede Nacht, bevor ich aufhörte, die Zeichen zu zählen, die Uhrzeit festzustellen, das Datum zu notieren. Und es gab ja die Aufstellungen, wie Logbücher – und da wusste ich, wo ich war."

Dreimal geht sein Computer kaputt, ganze Textteile sind gelöscht, aber er schreibt unbeirrt weiter.

"Ich hab‘ zeitweise mehr geschrieben als Heinrich Böll in seinen besten Zeiten, nämlich pro Tag eine Druckseite. Was ja heißen würde: jedes Jahr einen Roman von 365 Seiten!"

Der Bücherschrank der Eltern als Bibliothek

"Ich war in einem Elternhaus, da stand ein Möbel, das nannte sich Bücherschrank: Links waren die Bücher meines Vaters, rechts waren die meiner Mutter aus der Mädchenzeit. Und in der Mitte war eine große hölzerne Tür, da kam ich nie ran, da waren die Geheimnisse meiner Eltern – das war immer abgeschlossen." 

Schon als Kind liest er die väterliche Anthologie deutscher Lyrik: Goethe, Fontane, Benn. Aber auch die Fachbücher des Vaters, der Arzt war. In einem Buch versteckt der Vater Geld – und Sohn Guntram stibitzt ab und an einen Schein, um sich Bücher oder Süßigkeiten zu kaufen.

1957 verlässt die Familie Sachsen und geht in den Westen.

"Am 17. Juni war meine Mutter in Leipzig, war mitmarschiert – ´53. Als Konsequenz wagte sie sich ein Jahr lang nur mit Sonnenbrille nach Leipzig, weil sie Angst hatte, dass sie wiedererkannt wird und denunziert wird. Das war schon ein bedenkliches Zeichen. Dann war der Ungarnaufstand, und das war ja ein Blutbad unvorstellbarem Ausmaßes. Das zeigte meinen Eltern, dass sich da nichts ändern würde."

Mammutwerk "Frohburg" könnte fortgesetzt werden

Vesper besucht ein Internat. Nach dem Abitur studiert er zunächst Germanistik und Geschichte in Gießen, 1964 wechselt er zum Medizinstudium nach Göttingen, nach dem Physikum widmet er sich nur noch dem Schreiben.

Einschneidendes Erlebnis – das letzte Treffen der "Gruppe 47".

"Das war im Nachhinein lustig, aber als ich dort war, war es todernst und ziemlich eiskalt, muss ich sagen. Da ging es darum, dass man das, was man geschrieben hatte und an das man irgendwie glaubte, dass man das unbeschadet da wieder rausbrachte. Ich hab‘ fünf Gedichte vorgelesen, zum Teil sehr lange, und dann sagte Hans Werner Richter: 'Ja, äh – Diskussion?' … Und es meldete sich niemand. Das war nicht schön."

Der heute 76-Jährige hat sich nicht vom Schreiben abhalten lassen: Neben dem Mammutwerk "Frohburg" verfasst Guntram Vesper in den weiteren Jahren Prosa, Gedichte und Hörspiele. Und wenn es seine Gesundheit zulässt, könnte ein weiteres "Frohburg"-Kapitel hinzukommen: über seinen Bruder.

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