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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.11.2007

"Schreiben, um sich davonzustehlen"

Enrique Vila-Matas: "Doktor Pasavento", Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2007, 459 S.

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Eine realistische Handlung sucht der Leser vergeblich.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Eine realistische Handlung sucht der Leser vergeblich. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Außenseiter aller Moden wurde er genannt, auch "Großmeister der spanischen Literatur". "Doktor Pasavento", das neue Buch des Katalanen Enrique Vila-Matas, variiert das Thema des Autors mit Schreibblockade. Wie viele seiner Werke hat es mehr von einem philologischen Essay denn von einem Roman.

Außenseiter aller Moden wurde er genannt, auch Spezialist der Verwirrung, dieser "Großmeister der spanischen Literatur" – Enrique Vila-Matas, geboren 1948 in Barcelona. Bislang schrieb er gut zwei Dutzend Bücher, eine Handvoll wurde ins Deutsche übertragen. Für mehrere Titel erhielt er renommierte Preise, etwa den Premio Rómulo Gallegos (2001) oder den spanischen Premio Herralde (2002). Für sein vorletztes Prosastück, "Doktor Pasavento" (im Original 2005 publiziert), erntete Vila-Matas erneut hohes Lob: den Premio Lara (dotiert mit 150.000 Euro) sowie den Preis der altehrwürdigen Real Academia Española. In Frankreich wurde der Katalane 2007 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.

Mit traditioneller Epik hat seine Kunst wenig zu tun; eine "realistische", linear fortschreitende Handlung sucht der Leser vergeblich. Vila-Matas erzählt sprunghaft, fragmentarisch, am liebsten über Literatur selbst. Ironisch spielt er mit seinen Figuren, dem Stoff, dem Genre, auch mit der Rolle des Erzählers. "Postmodern" heißt ein Etikett für diese Art Prosa, "metafiktional" ein anderes, weil das Erzählen selbst thematisiert wird, der Vorgang des Schaffens.

In den jüngsten Romanen ergründet Vila-Matas die Qual des Schreibens. "Bartleby & Co." (2001) berichtet von Dichtern, die ihrem Handwerk entsagten oder es gern getan hätten – Hofmannsthal, Kafka und Walser, Rimbaud, Beckett und Borges... "Risiken & Nebenwirkungen" (2002) schildert einen obsessiven Leser, der sich – heimgesucht von Metaphern, Zitaten, Szenen und Figuren – im Text auflöst.

"Doktor Pasavento" variiert das Thema des "blockierten" Autors. Ein Ich-Erzähler mit vielen Masken - eine zeigt einen Psychiater namens Doktor Pasavento, eine andere den Verfasser, Enrique Vila-Matas - äußert den Wunsch zu verschwinden. Eine fixe Idee, doch man verstehe sie richtig:

"All die ersehnten, wie soll ich sagen, Selbstmorde sind nur Versuche, mich meiner selbst zu vergewissern."

Das Ich macht sich auf den Weg, Sevilla, Neapel, Paris. Es wird "der Verschollene, der nur so tut". Es erforscht Schauplätze und Biografien von Schriftstellern, die ähnlich fühlten. Irgendwann landet der Erzähler in einem Städtchen zwischen Zürich und St. Gallen, einem Ort, der Literaturgeschichte schrieb: Herisau. Hier verbrachte Robert Walser in einer Nervenheilanstalt ab 1933 die letzten 23 Jahre seines Lebens. Der Walser-Bewunderer möchte sich in derselben Anstalt internieren lassen, um sich, so sagt er, "an jenem geheiligten Ort mit einer gehörigen Prise Verrücktheit anzustecken". Doch der zuständige Arzt sagt Nein. Was bleibt ein langes Schlusskapitel lang? "Schreiben, um sich davonzustehlen."

Der neue Vila-Matas wirkt vertraut, natürlich – als eine Spielart des Grundthemas, aber auch in seinen Ingredienzien: Wieder geht es (mit dem Titel des ersten Kapitels) um "Das Verschwinden des Subjekts" in einer Fülle geschriebener Texte. Wieder spielt das Motiv des Doppelgängers eine zentrale Rolle - der Autor an anderer Stelle: "Vielleicht bedeutet Literatur genau das: ein fremdes Leben erfinden, das ebenso gut unser eigenes sein könnte."

Und wieder hat das Werk mehr von einem philologischen Essay denn von einem Roman. Anspielungsreich beginnt das Opus vor dem Schloss des Herrn de Montaigne, mit dem "Geist an der Wiege des Essays". Zahllos sind die Zitate und Verweise – Ehrung für Laurence Sterne, Hölderlin und Kafka, für Salinger, Elfriede Jelinek, vor allem aber für Walser.

Was könnte, wer mag, am Buch kritisieren? Dass auf 450 Seiten wenig passiert. Und dass der Verfasser bisweilen oberlehrerhaft den Zeigefinger hebt, um mit einem "nämlich" zum Vortrag anzusetzen. Das Verfahren, Literatur aus Literatur zu gewinnen, wirkt obendrein nicht mehr originell. Neben blassen Wegstrecken gibt es jedoch Strecken voller Licht und Farbe, gibt es Geist und Witz, Skurriles, Surreales. (Eine Bekannte zum Psychiater-Ich: "‚Man merkt dir an, dass du viel über Irrenhäuser geforscht hast", sagte sie. ‚Nur über meines’, sagte ich.") Wer das Lesen so obsessiv wie Vila-Matas liebt, wird das Buch genießen, diese Reise durch die Literaturgeschichte, Pilgerfahrt und Parforce-Ritt.

Rezensiert von Uwe Stolzmann

Enrique Vila-Matas: Doktor Pasavento
Roman. Aus dem Spanischen von Petra Strien
Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2007
459 Seiten, 24,90 Euro.

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