Schreiben gegen das Mundtot-Machen

Von Ludger Fittkau |
Ursula Krechel ist die diesjährige Preisträgerin des Joseph-Breitbach-Preises. Die Autorin wird für ihr literarisches Gesamtwerk geehrt – und besonders für ihren jüngsten Roman " Shangai fern von wo".
"Gibt es einen Weg, der kein rhetorischer ist, aus der Dunkelheit des Wissens zum Kern des Poetischen? Gibt es Erkenntnis aus der Dunkelheit, gibt es Verstehen? Ich fürchte, es gibt das eine nur auf schmerzhaft erfahrene Weise und es gibt das andere nur in geringfügigen Spuren. Es gibt nicht den linearen Weg, der mit dem Vertrauen in die Wörter gepflastert ist. Und es gibt keine Hand, die einem die Kunstmittel überreicht, die den Weg gangbar und erfahrbar machen, Man muss sie sich nehmen, sie erfinden, heranholen wie eine helfende Hand."

Ursula Krechel in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises im Koblenzer Theater. Aus der Dunkelheit des Wissens zum Kern des Poetischen vordringen – das kann Ursula Krechel auch nach 30 Jahren literarischen Schaffens glaubwürdig nur über die politische und soziale Wirklichkeit.

"Ich glaube, wenn man Welt sieht und Schriftsteller müssen Welt sehen, so ist die Notwendigkeit, das zu sehen, was Menschen Menschen antun, etwas ganz Existenzielles. Sonst kann man schöne Blümchen aufs Papier malen und ist dann bei dem Krepp-Papier, was man von der Rolle da so abwickelt. Nein, ein genauer Blick heißt eben ein genauer Blick auf das, was der Schrecken ist, was hinter den schönen Fassaden ist, und für mich ist das ganz existentiell."

Gewalt ist eines der zentralen Themen, die sich durch das Werk von Ursula Krechel ziehen. Herrschaftssprache, die andere Menschen zum Schweigen bringen will, ist der erklärte Feind der diesjährigen Breitbach-Preis-Trägerin. In ihrer Erzählung "Der Übergriff" nimmt Ursula Krechel eine Stimme ins Visier, die wie eine Ohrfeige ins Gesicht einer Frau zielt:

"Immer, wenn ich den Mund aufmache, erhebt sich neben mir eine Stimme. Sie sagt laut und vernehmlich: Halts Maul. Obwohl ich schon seit den unzähligen Malen, bei denen ich meinen Mund geöffnet habe, weiß, dass es diese Stimme gibt, überrascht sich mich jedes Mal von neuem. Sie krächzt nicht, sie poltert nicht, sie spricht mit überlegener Klarheit. Die Luft zwischen meinem Ohr und der Stimme ist frisch, fast eine Fröstelluft, eine ernüchternde Luft."

Gegen das Mundtot-Machen anzuschreiben – dafür ist Ursula Krechel immer auf der Suche nach einer angemessenen Sprache.

In ihrem ersten Gedichtband aus dem Jahr 1977 wählt sie die fröhlich-radikale Sprache des feministischen Aufbruchs dieser Zeit. Im Gedicht "nach Mainz" träumt sie davon, mit der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis und der Jungfrau Maria von Düsseldorf aus rheinaufwärts nach Mainz zu schwimmen, wo eine sozialistische Republik ausgerufen wurde. Die fröhlich-feministischen Utopien dieser Zeit sind deutlich leiseren Tönen gewichen. Ursula Krechel sieht heute in Gesellschaft mehr Offenheit für die Lebensentwürfe von Frauen als vor 30 Jahren.

Offenheit – die zeigte Ursula Krechel auch in ihren eigenen Werken. Experimentierfreude für Formen vor allen Dingen: Gedichte, Essays, Hörspiele und immer wieder sperrige Prosa, die es ihren Lesern oft nicht leicht machte. Das verschwieg Laudator Jochen Jung bei der Breitbach-Preisverleihung nicht:

"Die gebildete, anspielungsreiche, verzahnte und oft sprachverliebte Prosa der Autorin vor dem Roman war so manchem nicht direkt genug. Vieles schien zu gebildet, zu anspielungsreich, zu verzahnt, zu sprachverliebt. Man wusste zwar, diese Autorin ist sehr gut, aber man wusste nicht sehr genau, warum. Und da kam das Shanghai-Buch gerade recht. Seine Thematik, seine scheinbare politische Korrektheit hatte alles, was Kritikern und Juroren entgegenkommt."

"Shanghai, wie das klingt, wie das riecht. Shanghai, Deine geschniegelten Konsulatsbeamten, gebügelt, geplättet, gestärkt. Jedem luftigen Wink ihrer fernen Regierung geflissentlich folgend. Hellhörig, wie der Wind sich dreht, mächtig im Windstillen sich breitmachend, mächtig schwitzend hinter den gepolsterten Türen, in ihren Anzugrevers. Aus der Form gegangen, wieder in Form gebracht, selbstredend."

Trotz der Schikanen duckmäuserischer deutscher Diplomaten und elender Lebensbedingungen in einem in einem japanisch kontrollierten Ghetto überleben in Shanghai 18.000 europäische Juden. In ihrem im letzten Jahr erschienenen Roman "Shanghai fern von wo" – erzählt Ursula Krechel ihre Geschichte. Dieser Roman über das Überleben im Exil müsse künftig zu den "bewegendsten Büchern deutscher Sprache" gezählt werden, urteilen die Breitbrach-Preis-Juroren.

Überleben im Exil – das müssen auch viele chinesische Dissidenten heute. Einen ganzen Gedichtband hat Ursula Krechel dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 gewidmet. Die neue Breitbach-Preisträgerin macht es wütend, dass zur Buchmesse kritischen chinesischen Schriftstellern durch die Pekinger Regierung der Mund verboten werden soll. Denjenigen, die bereits in Europa leben, müsse in Frankfurt am Main unbedingt ein Forum gegeben werden, fordert Ursula Krechel. Als Mitglied des deutschen PEN-Zentrums weist sie auf eine politische Demonstration hin, die die Schriftstellervereinigung während der Buchmesse plant. Der PEN, so Krechel…

"macht jeden Morgen am PEN-Stand auf der Buchmesse eine offene Stunde für eben diese verfolgten Emigranten-Autoren. Man kann da hin gehen, sich die anhören, man kann mit ihnen diskutieren, in welcher Sprache auch immer. Das ist eine Geste, denen auf der Buchmesse eine Heimat zu geben, eine Möglichkeit, zu sagen: Ich bin hier, ich bin ein Gast von deutschen Autoren, die sagen, wir möchten, dass Autoren in aller Welt künstlerische Freiheit haben und das ist ein kleines Zeichen."