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Kompressor | Beitrag vom 26.02.2018

Schorsch Kameruns "Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley""Ich probiere auch was Wirres"

Von Daniel Stender

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Schauspiel Stuttgart: "Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley" (Julian Marbach)
Schauspiel Stuttgart: "Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley" (Julian Marbach)

Das Neckartal bei Stuttgart soll zum Cyber Valley werden. So will es die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg. Als Theaterstück bringt Schorsch Kamerun diese Utopie auf die Bühne - überwältigend und langweilig zugleich.

Nicht nur als Sänger der Goldenen Zitronen interessiert sich Schorsch Kamerun für Widersprüche, auch als Theatermacher arbeitet er gern mit Dingen, die nicht zusammenpassen – an sich selbst hat er auch einige Widersprüche bemerkt.

"Wenn ich auf St. Pauli lebe, was ich tue, dann ist das ein Bekenntnis dazu und auf der anderen Seite als Kreativklässler, der ich bin, mache ich es auch wieder begehbarer und attraktiver und so weiter."

Natürlich interessieren Kamerun auch die Widersprüche an anderen – zum Beispiel an Winfried Kretschmann, der war in den 70ern mal Kommunist, jetzt ist er der Ministerpräsident von Baden-Württemberg und arbeitet am grünen und digitalen Kapitalismus, am ökologisch korrekten Wachstum.

"Der Kretschmann ist der erste grüne Regent der Welt und hoch widersprüchlich. Und er glaubt auch daran, dass man es verbessern kann, ich finde das ist Nonsens, ich glaube nicht an die Vergrößerung, an die Ausdehnung. Aber ich muss ja nicht gewählt werden, es wird ja keiner gewählt, der sagt: Leute, wir müssen uns verkleinern."

Kameruns Vision vom Sommernachtstraum

Stuttgart – die Stadt mit den grünen Politikern und der schlechtesten Luft des Landes. Dieser Widerspruch ist die Grundlage für Schorsch Kameruns "Sommernachtstraum im Cyber Valley", aufgeführt am Stuttgarter Kammertheater.

"Wir nehmen die Figuren schon ernst, aber auch bei Shakespeare ist die Geschichte nicht so maßgeblich, speziell im Sommernachtstraum."

Im Stuttgarter Kammertheater bekommen die Besucher gleich im Foyer schnurlose Kopfhörer, die sie durch Kameruns Version des Sommernachtstraums dirigieren.

Paradoxerweise geht also jeder Zuschauer allein, isoliert von den anderen herum und hört dennoch den gleichen Soundtrack, reagiert auf die gleichen Anweisungen und läuft den anderen hinterher. Vielleicht liegt in der Bereitwilligkeit, mit der man sich hier lenken lässt, schon die ganze Bedeutung dieses Sommernachtstraumes, der bei Schorsch Kamerun als ironische Warnung vor den Gefahren der Digitalisierung inszeniert wird.

Was jedoch zunächst auffällt, ist das Gegenteil von Technikskepsis – es ist der Überfluss an Technik, die eingesetzt wird. Der Gang der Zuschauer, das Foyer, die Stadtautobahn vor dem Kammertheater – jede Bewegung wird gefilmt und auf vielen Bildschirmen gezeigt, mal live, mal aufgezeichnet.

Die Bühne ist in viele Separees unterteilt, in manche kann man hineinschauen, andere sind durch Plastiktarnlaub oder Silberfolie verdeckt. Dazwischen treten dadaistische Gestalten auf: vergangene Hochkulturen – sind es Ägypter oder Assyrer?, Außerirdische, ein Guru, ein Roboter, Demonstranten, Hip-Hopper, Helena, Hermia und eine Knolle rote Bete laufen und stehen herum, sprechen etwas Shakespeare und werden dabei gefilmt.

Alles untermalt vom Soundtrack, den eine Band live spielt, alles zusammengehalten von Schorsch Kameruns Stakkato-Sprechgesang. Die Musik, die Texte – das sind die große Stärke dieses Abends.

"Ich probiere auch was Wirres. Ganz extra. Ich sehne mich nach einer Entdeckung, wo ich mich nicht auskenne. Da ist wieder ein Widerspruch, auf der einen Seite sehne ich mich nach einer Klarheit des Ausdrucks, auf der anderen Seite sehe ich, dass es schwierig ist, parolenhaft zu sein."

Eher etwas für einen Grünen-Parteitag

Kamerun macht das, wofür er mit den Goldenen Zitronen bekannt wurde: eine Art Theoriediskurs über Musik zu legen, die tanzbar ist. Aber kaum bewegt, schlafen einem hier die Füße gleich wieder ein – vielleicht liegt das am Thema selbst. Schorsch Kameruns Kritik an der Digitalisierungsstrategie einer Landesregierung, am Glauben an ein umweltfreundliches Wachstum taugt eher für einen grünen Parteitag, für Diskussionen zwischen Realos und Fundis – im Theater funktioniert das nicht.

Daher findet Schorsch Kamerun auch keine Handlung, keine Figuren, sondern absurde Bilder wie das vom Württemberg Elektro-Hirsch, der mit dem schönen Neckartal flirtet – kein Witz, Hirsch und Tal treten als Figuren auf.

Irgendwann fühlt sich der Zuschauer überwältigt und gelangweilt zugleich, überall geschieht etwas und ist gleichzeitig egal - als hätte man 40 Browserfenster gleichzeitig geöffnet und dabei vergessen, wo genau dieser eine wirklich interessante Text stand. Aber vielleicht ist ja genau das der Widerspruch, den Schorsch Kamerun mit seinem Cyber Valley aufzeigen wollte.

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