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Sein und Streit | Beitrag vom 24.04.2016

School of Life in BerlinDurch die Disziplinen hopsen

Von Jochen Stöckmann

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Gefaltete Origami-Bögen (picture alliance / dpa)
Konkrete Lebenshilfe durch Philosophie und Kunst, das bieten die "Schools of Life" an (picture alliance / dpa)

Auf der ganzen Welt entstehen die "Schools of Life", die Workshops mit konkreter Lebenshilfe anbieten, indem das Werk von Philosophen und Künstler verschiedener Disziplinen besprochen wird. Nun gibt es auch eine Niederlassung in Berlin.

The real school of life, die ganz reale Schule des Lebens, das hieß für den Philosophen Gilles Deleuze in den Siebzigern, den antiautoritären Jahren: Nietzsche lesen – und auch mal aus vollem Halse darüber lachen. Mittlerweile ist "School of Life" ein Geschäftsmodell:

"Wir lachen nicht zwingend über das, was Nietzsche gesagt hat. Aber wir lachen in unseren Kursen", ...

...verspricht Thomas Biller. Und der langjährige Fernsehproduzent hat tatsächlich gut Lachen: Zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Dörte Ilsabe Dennemann konnte er in Berlin im Prenzlauer Berg – mitten zwischen jungen und gebildeten, meist gut verdienenden Familien – helle und einladende Räume anmieten. Und dort wird jetzt nicht frontal unterrichtet, sondern gemeinsam philosophiert. Nicht nur in klassischen Kursen, sondern mit Vorträgen, Talkrunden, Exkursionen. In all den verschiedenen "Event-Formaten", die auch Alain de Bottons Londoner "School of Life" anbietet:

"Wir sind Lizenznehmer, das heißt, dass wir für eine Gebühr einen Teil des Programms übernehmen. Von dem aus, was die School of Life grundsätzlich schon mitbringt – diese 'How to'-Kurse zu den Fragen Liebe, Arbeit, Selbst – sind wir hier im Prenzlauer Berg glaube ich ganz gut angesiedelt."

Keine Angst vor großen Geistern

"How to", wie erreiche ich dies und vermeide jenes, mit dieser Zielsetzung lassen sich keine philosophischen Höhenflüge starten. Die Londoner Lizenz zum Philosophieren gilt denn auch eher für konkrete Anwendungen im Alltag. Das, was Dörte Dennemann immer schon vorschwebte, als sie noch in der Museumspädagogik arbeitete und ihren Wirkungskreis gerne ausgedehnt hätte über die Mauern der Kunstinstitutionen hinaus:

"Dann machte die School of Life auf, 2008 in London, und ich habe die sehr beäugt und da auch Kurse besucht. Und fand das sehr interessant, wie gut sie das eigentlich auch, ehrlich gesagt: vermarkten."

Immerhin bleibt da auch Platz für Nietzsche im Regal: Schmucklos steht sein Name auf einem einfachen Schnellhefter – der allerdings ist in fröhlichem Gelb gehalten. Und signalisiert: keine Angst vor großen Geistern, vor Meister-Denkern. Ob Bergson, Byron, Freud, Hobbes, Kierkegaard – ihr philosophisches Oeuvre wird auf lesefreundliches Format gestutzt, "vorfiletiert", wie der britische Guardian bemerkte. Und feiert nach dieser Behandlung – wie Alain de Botton selbst annonciert – eine "Wiedergeburt als Lebenshilfebuch". Genau danach verlangt – nun ja, die Kritiker sagen: der Markt, Fans und Befürworter aber: unsere Orientierungslosigkeit, die immer weiter um sich greift, die zumindest in der Mittelschicht bald jeden erfassen wird. 

"Wie kann ich besser mit Geld umgehen, wie kann ich meine Beziehung glücklich gestalten? In diesen Kursen beziehen wir uns dann auf Philosophie, Psychologie, Literatur, Kunst. Wir hopsen da so ein bisschen durch die verschiedenen Disziplinen."

Das geschieht nicht ganz so quirlig und unübersichtlich wie in den philosophischen Cafés, hat auch kaum noch etwas zu tun mit jenem Club Voltaire, in dem '68 außerhalb der Unis und fern jeder akademischen Einengung die Studenten nächtelang diskutierten. Das war auch eine "School of Life", auf der Suche nach einem "guten Leben". Aber eben nicht nach "meinem", sondern nach "unserem guten Leben". Doch auch de Bottons Patent-Schule stellt diese Frage nach der Gesellschaft. Thomas Biller:

"Müssen wir sie überhaupt verändern? Wenn ja – wie können wir sie verändern? Jetzt nicht unbedingt die große Gemeinschaft, aber Familie ist ein großes Thema, die partnerschaftliche Beziehung ist ein Thema. Die Beziehungen, die man in der Arbeit hat und wie man die gestalten kann – positiv!"

Positive Botschaft im globalen Maßstab

Die Rezepte dafür stehen auch schon im Regal. Bunte Schilder oder Tragetüten mit der Aufschrift "cooking", "cleaning" "drawing as therapy" – also Kochen, Aufräumen oder Zeichnen als Therapie. Aber immer begleitet von den großen, in diesem Fall zugleich hilfreichen oder gar dienstbaren Geistern:

"Ähnlich wie bei Alain de Botton: Was kann ich von Philosophen, was kann ich von Künstlern, was kann ich von der Kultur lernen für mein eigenes Leben."

Alain de Bottons positive Botschaft verbreitet sich im globalen Maßstab – und sein Berliner Vertreter Thomas Biller konstatiert:

"Die Teilnehmer der Kurse in der ganzen Welt – es gibt inzwischen ja 14 verschiedene Schulen – die nehmen das sehr, sehr gerne an. Weil es offensichtlich eine Hilfe ist."

Nämlich in Melbourne und Paris, Seoul und Tel Aviv, Sao Paulo und Zürich. In den Zentren eines Lifestyles, der sich nur zu gerne als Lebenskunst versteht.

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