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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.12.2007

Schönheit und tiefer Frieden

Georg Forster: "Reise um die Welt", Eichborn Verlag, Frankfurt 2007, 648 Seiten

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Mit James Cook segelte Georg Forster um den Globus, bevor er seinen Reisebericht schrieb. (AP Archiv)
Mit James Cook segelte Georg Forster um den Globus, bevor er seinen Reisebericht schrieb. (AP Archiv)

Georg Forster gilt als Gründungsvater der literarischen Reisebeschreibung und der modernen Ethnologie in Deutschland. Seine "Reise um die Welt" machte den 1754 in Ostpreußen geborenen Autor schlagartig berühmt. Jetzt ist ein Prachtfoliant des Reiseberichts erschienen. Allein sein Anblick verzaubert einen ganzen Raum.

Er war ein Wunderkind und ein Pechvogel. 1794 starb er mit 39 Jahren als einsamer Revolutionär in Paris. Die erste Hälfte seines Lebens ist untrennbar mit der Geschichte seines Vaters Johann Reinhold Forster, Pastor und Naturkundler, verbunden. Als Georg elf war, wanderte er mit seinem Vater im Auftrag der Zarin Katharina 4000 Kilometer durch Russland. Danach zog die Familie nach England.

Georg, der Russisch und Französisch gelernt hatte, übersetzte mit 13 Jahren Lomonossow und mit 16 Jahren Bougainville ins Englische - nicht zuletzt, um die ganze Familie zu ernähren. Denn sein Vater war wieder einmal aus eigenem Verschulden arbeitslos geworden. Dann bekamen Vater und Sohn das Angebot, den berühmten Kapitän Cook auf einer Weltumseglung als Biologen zu begleiten. Georg war 17 Jahre alt. Drei Jahre verbrachten Vater und Sohn in einer 4-Quadratmeter-Kabine. Danach schrieb Georg jenen Bericht "Reise um die Welt", der ihn schlagartig in Europa populär machte. Könige und Kaiser empfingen ihn.

Was den Pazifik so faszinierend für Europa und insbesondere für die politischen Aufklärer gemacht hatte, das war deren Vorstellung, dass die Polynesier ein Beweis dafür sein könnten, dass der Mensch an sich von Natur aus gut und deswegen ohne Scham sei. Georg Forster geißelte diese Schamlosigkeit allerdings als eine Form der Prostitution, denn er beobachtete, dass die polynesischen Männer ihre Frauen wie Zuhälter verkauften. Gleichzeitig war Forster ein scharfer Kritiker jeglicher europäischer Überheblichkeit, denn die Nutznießer dieser Prostitution waren die Europäer.

Obwohl fast 250 Jahre alt, ist Forsters Sprache enorm modern: kritisch klar und übersichtlich. Der 20-jährige beherrschte die große Kunst, mit bewusst sparsamen sprachlichen Mitteln große Bilder zu malen:

"Ein Morgen war´s, schöner als ihn schwerlich je ein Dichter beschrieben, an dem wir die Insel Tahiti zwei Meilen vor uns sahen … Noch erschien alles im tiefsten Schlaf; kaum tagte der Morgen, und stille Schatten schwebten noch auf der Landschaft. … Nun fing die Sonne an, die Ebene zu beleuchten. Die Einwohner erwachten, und die Aussicht begann zu leben."

Man staune, dieses zugegebenermaßen kostspielige Buch ist bereits zu einem Bestseller geworden. Das versteht man, wenn man es vor sich sieht: auf dem Cover eines jener traumhaft schönen Aquarelle von Forster, eine Seeschwalbe im Flug, im Hintergrund das Meer.

Dieses Buch scheint magische Kräfte zu haben, allein sein Anblick verzaubert einen ganzen Raum mit - so pathetisch es klingt - Schönheit und tiefem Frieden. Die Franzosen würden sagen, ein Buch "pour tout la vie": fürs ganze Leben.

Rezensiert von Lutz Bunk

Georg Forster: Reise um die Welt
Eichborn Verlag, Frankfurt 2007, 648 Seiten,
80 Vierfarb-Abbildungen, 99,00 Euro

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