Seit 15:05 Uhr Tonart

Dienstag, 25.02.2020
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 27.12.2010

Schnell vergessen, oft bedroht

Eine kurze Geschichte der Freiheit

Von Bernd Wagner

Podcast abonnieren
Befreit die einen, nervt andere: Handys, immer und überall. (AP)
Befreit die einen, nervt andere: Handys, immer und überall. (AP)

Jede neu gewonnene Freiheit scheint mit dem Verlust anderer erkauft. Die neuen Freiheiten etwa, die uns Mobiltelefon und Internet verschaffen, haben ebenso große Einschränkungen zur Folge.

Im Deutschen taucht der Begriff der Freiheit erstmals im Mittelalter und fast ausschließlich im Plural auf, nämlich als "Freyheiten", die als Ausnahmen von den die Regel bildenden Abgaben, Steuern und anderen Diensten gewährt oder erstritten wurden. Für die Menschen in hierarchisch geordneten Gesellschaften ist nicht die Freiheit selbstverständlich, sondern dass sie in ein durch sein Herkommen bestimmtes System von Verpflichtungen hineingeboren werden.

Die Geschichte der Neuzeit ist die des Kampfes um die Aufweichung dieser Regeln und den Gewinn immer neuer Freiheiten bis hin zu ihrer Proklamation als "Menschenrechte" in der amerikanischen und französischen Revolution. Dass schon damals das Vergessen der gleichzeitigen Festlegung von "Menschenpflichten" bemängelt wurde, hat gute Gründe. Rousseau und andere Aufklärer gingen von einem "Goldenen Zeitalter" allgemeiner Freiheit aus, das es nie gab. Statt staatlicher Bindungen dominierten die persönlichen an Familie, Sippe, Stamm, die nicht weniger beengend sein konnten.

Trotzdem setzte die Sehnsucht nach Freiheit Kräfte frei, die die ungeahnten Entwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte auslösten, und auch wenn diese von ungeahnten Zerstörungen begleitet wurden, so kann man doch zu Recht behaupten: Wessen Herz beim Hören des Wortes "Freiheit" nicht höher schlägt, hat keins in der Brust.

Sehen wir uns die Freiheiten, die der Mensch im Laufe seiner Emanzipation errungen hat, etwas genauer an. Zweifellos hat er mit den Zwängen, die ihm seine Standeszugehörigkeit auferlegten und die seinen Alltag regelten bis hin zu Kleidung, Nahrung und dem Zeitpunkt, wann er das Licht zu löschen hat, eine schwere Last abgelegt und verfügt heute über ein bis vor Kurzem unbekanntes Maß an Rede-, Versammlungs- oder Bewegungsfreiheit.

Bei nüchterner Betrachtung werden wir allerdings feststellen, dass sich die Bindungen lediglich von einer konkreten Ebene auf eine abstraktere verlagert haben. Während wir im privaten Umgang kaum noch bindende Normen anerkennen, sind uns die vom Staat verordneten Pflichten wie die zu einem bestimmten Schulbesuch, zu Wehr- oder Zivildienst, zu Abschluss von Kranken-, Renten- oder Kfz-Versicherungen derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie kaum noch bemerken. Jede neu gewonnene Freiheit scheint mit dem Verlust anderer erkauft. Die neuen Freiheiten etwa, die uns Mobiltelefon und Internet verschaffen, haben ebenso große Einschränkungen zur Folge, zumindest für die, die sich derartige Gespräche unfreiwillig anhören müssen.

Sind unsere Freiheiten womöglich bedroht, im Wust von Technisierung und Bürokratisierung unterzugehen, und gewinnt deshalb der Begriff der "Gerechtigkeit" immer mehr an Bedeutung? Doch auch diese wird von ihren Agitatoren als eine von außen, vom Staat zu gewährende empfunden – von persönlicher Verantwortung als unabdingbarem Gegenpol zur persönlichen Freiheit ist jedenfalls kaum die Rede. Sich darüber Gedanken zu machen lohnt sich – diese zumindest sind immer frei.

Bernd Wagner, Schriftsteller, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift "Mikado". Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997), "Club Oblomow" (1999) und "Wie ich nach Chihuahua kam". Zuletzt erschien "Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler".

Politisches Feuilleton

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur