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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 12.06.2009

Schloss mit dunkler Vergangenheit

Lichtenburg - eines der ersten KZs Deutschlands wird jetzt erst eine Gedenkstätte

Von Susanne Arlt

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Das Schloss Lichtenburg an der Elbe in Prettin war eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland. Am 13. Juni 1933 kamen die ersten Gefangenen an. Doch bis heute ist nicht allzu viel über das KZ-Schloss erforscht.

Von den gelben Mauern bröckelt der Putz, hinterlassen graue Flecken im Gestein. Im Schlosshof wächst Unkraut, knöchelhoch zwischen Pflastersteinen. Heruntergefallene Ziegel liegen auf dem Boden. Das Renaissance-Schloss Lichtenburg bietet einen trostlosen Anblick.

Es war ein warmer Sommertag als Ernesto Kroch vor 73 Jahren in Prettin ankam. Das Konzentrationslager Lichtenburg existierte zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren, es war eines der ersten KZs in ganz Deutschland. Gleich nach ihrer Machtergreifung ließen die Nazis zahlreiche Menschen verhaften, die nicht in ihr nationalsozialistisches Weltbild passten. Ernesto Kroch war einer von ihnen. Der 17-Jährige schloss sich in Breslau einer Widerstandsgruppe an, verteilte Flugblätter. Als man ihn dabei erwischte, wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nach anderthalb Jahre kam er in das Konzentrationslager Lichtenburg. Warum, ich weiß es nicht, sagt er achselzuckend. Vielleicht weil ich nicht nur Kommunist, sondern auch Jude war. Wir mussten uns damals im Schlosshof aufstellen, erinnert sich der heute 92-Jährige.

"Wir hatten eine panische Angst, wenn wir rausgetrieben wurden, jetzt geht es zum Strafexerzieren. … Weil man eben nicht genau wusste, was passiert in den nächsten Minuten. Ich interpretiere das halt so, dass jeder Häftling bedacht gewesen ist, nur nicht aufzufallen. Diese Existenzgeschichte für den Häftling, man hat zugesehen, dass man ja nicht auffällt und irgendwie durchkommt durch das Ganze … Ganz genau, dieses Element, hoffentlich falle ich nicht auf."

Ernesto Kroch ist auf Spurensuche. Der Historiker Sven Langhammer begleitet ihn dabei. Direkt gegenüber vom Appellplatz steht das ehemalige Zellengebäude. Dort war der 19-jährige Kroch ein Jahr lang inhaftiert.

Inzwischen verfällt das rote Backsteingebäude. Unter dem Dach nisten Tauben. Die Treppen aus Stein sind voller Kot, das Eisengeländer ist verrostet, in manchen Stufen klafft eine lebensgefährliche Lücke. Trotzdem will Ernesto Kroch hinauf in den ersten Stock. Dort teilte er sich mit acht anderen jüdischen Mithäftlingen eine 16 Quadratmeter große Zelle. Vorsichtig steigt er die Stufen hinauf. Oben angekommen zieht er sich die graue Baskenmütze vom Kopf, schaut sich unsicher um. Sein Blick wandert das Eisengeländer entlang.

"Wir wurden ja manchmal nachts um drei rausgeholt, da fanden Zellerevisionen statt, ob vielleicht Tabak versteckt war oder irgendwas und da musste man sich eben hier vor dem Geländer hier so anstellen. Das muss hier gewesen sein."

"Also hier standen drei Bettgestelle, jedes drei Etagen hoch, ich schlief in der obersten, bin einmal runtergefallen. Und da könnt ihr euch vorstellen, wie wenig Platz. In den ersten Monaten kamen wir überhaupt nicht raus, nur um auf die Latrine zu gehen. Na ja nachher kam man dann zur Arbeit raus. Man konnte nicht zum Fenster raus sehen, das weiß ich noch bestimmt."

Die Fenster waren mit Holzlatten vernagelt. Anstarren konnte man nur die grau getünchte Wand oder die Zellengenossen. Im Winter haben wir schrecklich gefroren, erinnert sich Ernesto Kroch. An den Füßen trugen die Gefangenen Holzpantinen, am Körper ausgediente verfilzte Polizeiuniformen. Die waren grün, sagt der 92-Jährige und empfindet die Häftlingsbekleidung noch immer als blanken Hohn. Zu Essen gab es nur Wasser und Brot. Das Schlimmste aber, sagt Ernesto Kroch, war die Ungewissheit.

"Die Verurteilung war längst vorüber, man wusste nicht, wann man rauskommen würde. Aber die Ungewissheit war auch, man wusste nicht was in der nächsten Stunde geschah. Da konnte sein, dass man rausgerufen wurde, zum Strafexerzieren gerufen. Dann musste der eine den anderen bei den Beinen fassen und der musste sich mit den Händen abstützen, und musste man schnell über den Hof gehen. Solange der noch Muskelkraft in den Armen hatte ging das. Dann wurde mit dem Gesicht geschleift, da weigerte man sich natürlich, den Kumpel, dann wurde man selbst zum Karren erniedrigt. Also diese Schikanen. Ich war ja noch jung, aber die Älteren, viele sind einfach liegen geblieben, dann war es aus."

Die Lichtenburg – einst machte sie ihrem Namen alle Ehre. Im 16. Jahrhundert ließ Kurfürst August von Sachsen die gewaltige Anlage als Residenz und Witwensitz für seine Gattin erbauen. Die Lichtenburg – heute ein Schloss mit dunkler Vergangenheit. Eine mittelalterliche Festung mit vielen Türmen, weiten Höfen, endlosen Gängen, dunklen Verliesen, mächtigen Mauern. Ein ideales Gefängnis. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Schloss Strafanstalt, erzählt Historiker Sven Langhammer.

"1811 hat man per Dekret des sächsischen Königs festgelegt, dass hier eine Strafanstalt eingerichtet wird. 1812 kamen die ersten 373 Männer und Frauen hierhin. Im gesamten Schloss waren die Häftlinge untergebracht. Und in dieser Zeit wurden dann die ganzen bemalten Wände und Decken weiß übertüncht. Man könnte hier nach einer Restauration die Renaissance wieder aufleben lassen."

Das aber kostet Geld, viel Geld. Allein die Restaurierung der Schlossfassade und die Instandsetzung aller Dächer schätzt der Historiker auf 25 Millionen Euro. Und es liegt vermutlich auch am Geld, warum das dunkelste Kapitel der Lichtenburg erst jetzt richtig aufgearbeitet wird. Nach der Machtübernahme errichteten im Frühjahr 1933 die Nationalsozialisten in dem Schloss eines ihrer ersten Konzentrationslager. Ob die ersten Häftlinge im Mai oder im Juni kamen, Sven Langhammer schüttelt den Kopf. Zu spät wurde damit begonnen, die Historie wissenschaftlich aufzuarbeiten. Viele Akten sind nicht mehr auffindbar. Von den ehemals 10.000 inhaftierten Männern und Frauen, sagt Sven Langhammer, seien ihm heute nur sieben Zeitzeugen bekannt. Vor elf Jahren begann der Geschichtsstudent, sich nach einem Praktikum auf eigene Faust mit der Lichtenburg zu beschäftigen. Er stammt selbst aus der Gegend. Als er im Archiv der Lichtenburg stöberte, fand er die Namen von etwa 2000 Häftlingen. Doch er wusste nicht, wie er an weitere Daten herankommen sollte. Und als er an sie herankam, wusste er nicht wie er sie am Besten konservieren sollte. Zu unerfahren sei er damals gewesen, sagt Sven Langhammer.

"Für die Zukunft ist es für die Bildungsarbeit sehr, sehr schade, dass so wunderbare Menschen wie der Willy Belz aus Kassel, den ich halt auch noch kennenlernen durfte, mit dem ich auch lange Jahre Briefkontakt gepflegt habe, dass so ne Menschen eben verschwinden. Man hat noch ein Foto, man hat noch die Aussagen von ihm. Aber letztlich war der Mensch so eindrucksvoll, das hätte er ohne Weiteres auf einem Video auch rüberbringen können. Also da hat man zehn, fünfzehn Jahre richtig gut verschlafen, richtig gut verschlafen."

Verschlafen haben diese Zeit vor allem der Bund und das Land Sachsen-Anhalt. Viele Jahre lang stritten sich ihre Vertreter darüber, ob das KZ Lichtenburg nun nationale oder doch nur regionale Bedeutung habe. Bereits in der DDR war eine Gedenkstätte für die Opfer eingerichtet worden. Die dazugehörige Ausstellung aus dem Jahr 1965 beschrieb allerdings sehr einseitig das KZ-Leben, sagt Langhammer.

"Man hat schon Wert darauf gelegt, dass es KPD-Funktionäre gewesen sind, die man halt präsentiert, weil man da besser den Kampf der Arbeiterklasse entsprechend darstellen kann."

Vergeblich suchte man neben den Kommunisten auch anderen Häftlingsgruppen. Nach der deutschen Vereinigung ging das Schloss in den Besitz des Bundes über. Die Trägerschaft für die Gedenkstätte übernahm der Landkreis. Die Bundesrepublik überprüfte ihren Bedarf und konstatierte, sie könne dieses Schloss nicht gebrauchen. Nur logisch, dass sie dem Land Sachsen-Anhalt die Immobilie anbot. Auch das Land überprüfte seinen Bedarf und stellte fest, es möchte die Lichtenburg nicht einmal geschenkt haben. Was also tun? Gegen einen Verkauf hatten weder Bund noch Land etwas einzuwenden. Auf einer Frühjahrsaktion sollte die Lichtenburg darum versteigert werden. In der Internetausschreibung pries die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben die Lichtenburg als bedeutendes dreiflügeliges Renaissanceschloss an - inklusive leer stehender Schlosskirche. Nur in einem Nebensatz war zu lesen, dass die Lichtenburg von 1933 bis 1939 ein Konzentrationslager gewesen sei. Das führte zu heftigen Protesten der Opferverbände im In- und Ausland. Über diese Pietätlosigkeit regt sich Helga Welz, Bürgermeisterin von Prettin, bis heute auf.

"Ich fand das lächerlich, ich fand das nur lächerlich. Weil so eine Lichtenburg ist nicht zu vermarkten. Wenn eventuell teilweise, aber nicht als Gesamtkomplex so wie das drinstand. Ein Hotel hatte man gesagt, aber hätte man dann an die Tür geschrieben hier starb der und der in dieser Zeit? Das ist alles Unfug. Das war reiner Unfug mit diesem Internet."

Da sich das Magdeburger Innenministerium auch nicht für die Gedenkstätte verantwortlich fühlte, zog sich schließlich auch der Landkreis zurück. Die Ausstellung wurde geschlossen.

"Um diese Situation zu verschärfen, dass eine Entscheidung gefunden wird, aus den Gründen ist meines Erachtens die Gedenkstätte 2004 geschlossen worden."

Eine Entscheidung lag im Jahr 2004 aber noch in weiter Ferne. Es schien als liege Prettin jenseits aller Zuständigkeiten. Die resolute Bürgermeisterin Helga Welz besorgte sich einen Tag später die Schlüssel für die Gedenkstätte. Damals stand eine Gruppe Rheinländer vor meiner Tür. Die wollten ihre Familiengeschichte erkunden, erzählt Helga Welz.

"Und da haben wir uns als Stadt gesagt, dass das einfach nicht geht. Hier kommen nicht nur einfache Bürger her, sondern hier kommen auch selbst die hier Inhaftiert waren hier. Und hier kommen auch Angehörige her und letztendlich die Stelle des Grauens sehen kennen lernen. Und dann haben wir dann über die Stadt versucht mit ABM und Ein-Euro-Jobs das aufrechtzuhalten."

Hilfe bekam Helga Welz auch von ihrem Vorgänger Karl Hennig. Der ehemalige Bürgermeister setzte sich in seiner Amtszeit für den Erhalt der Gedenkstätte ein. Doch viel Spielraum habe ihm die kommunale Selbstverwaltung damals nicht gelassen, sagt er. Nachdem er nicht wiedergewählt wurde, bot er seiner Nachfolgerin an, interessierte Touristen durch die Lichtenburg zu führen. Hennig ist 77 Jahre alt und in Prettin aufgewachsen. Er kann sich noch an Szenen erinnern, als die Häftlinge durch den Ort getrieben wurden.

"Und habe erlebt wie hier die Gefangenen raus fuhren zum Bau des Stadtparks damals 35, 36. Und da habe ich besonders bewundert, wenn die mit einem Ackerwagen raus fuhren, die Bauern hatten Pferde vorgespannt, und die Häftlinge hier, die mussten den Wagen selbst ziehen. Was ich nie vergessen werde, von 1937 bis 1939 waren hier in dem KZ ja Frauen inhaftiert. Und ich sehe das noch wie heute, da kamen die Frauen an mit so langen Schifferstiefeln und mussten die Stadtgräben entschlammen. Und das hat mich so beeindruckt, dass die Frauen in den Schlamm steigen mussten und die Gräben steigen mussten, deswegen haftet das noch in mir."

Ich empfand schon als Kind diese Arbeit als unwürdig, sagt er. Ähnlich erging es seinen Eltern, doch offen wurde über das Konzentrationslager nicht geredet.

"Was hier passierte in den Mauern, das hat keiner genau gewusst. Denn es sind ja rings herum hohe Mauern und Zäune gewesen, was in den Höfen genau passierte, das hat auch keiner von der Wachmannschaft nach außen getragen. An den Toren standen die Wachhäuser und da standen immer Posten davor. Also das waren nur Vermutungen, die die Bevölkerung dann ausgesprochen hat, was während der KZ-Zeit hier geschah, das war wahrhaftig abgeschirmt."

In der Zwischenzeit beauftragte der Landkreis Wissenschaftler, die die Bedeutung der Lichtenburg eruieren sollten. Ein unabhängiges Gutachten sollte endlich Licht in die dunkle Vergangenheit der Lichtenburg bringen.

"Da war dann klar, was vorher auch klar gewesen ist. Dass die Lichtenburg als Konzentrationslager, das es halt nationale Bedeutung hat."

Die Wissenschaftler messen der Lichtenburg nicht nur eine überregionale, sondern sogar eine internationale Bedeutung zu. In der deutschen Gedenkstättenlandschaft sie der authentische Ort einmalig, weil die gesamte Schlossanlage zum KZ umgewidmet wurde. Im Jahr 1933 wurde die Lichtenburg Ende Mai, Anfang Juni als Männerlager eingerichtet, sagt Historiker Sven Langhammer.

"Die Männer sind ursprünglich aus dem Regierungsbezirk Merseburg gekommen, wo die Lichtenburg im damaligen Landkreis Torgau gelegen hat. Sehr, sehr schnell kamen dann Häftlinge aus anderen Provinzen hierher, Kiel, Flensburg. Und man hatte relativ schnell auch Personen aus Berlin, aus den Gebieten Westpreußens. Also viele kleine Lager, die aufgelöst wurden wie Leschwitz bei Görlitz, Hammerstein bei Breslau, die ganzen Häftlinge sind zum Teil an die Lichtenburg gekommen."

Kommunisten und Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas und Juden, Homosexuelle und Berufsverbrecher wurden in die Lichtenburg verschleppt. Ernst Reuter war darunter, der spätere Oberbürgermeister von Berlin, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, Sohn des ersten Reichspräsidenten, der Gewerkschaftler Wilhelm Leuschner und der KPD-Reichtagsabgeordnete Theodor Neubauer. In dem Lager Lichtenburg begann die Karriere zahlreicher Kommandanten. Zum Beispiel die von Max Koegel. Der SS-Hauptsturmführer war zuerst Schutzhaftlagerführer in Prettin, später Kommandant des Vernichtungslagers Majdanek. Das KZ Lichtenburg hatte eine Art Vorreiterfunktion. Die Lager- und Dienstordnung, die Theodor Eicke in Dachau entwickelt hatte, wurde im KZ Lichtenburg getestet, erklärt Historiker Sven Langhammer.

"Es ist diese Experimentierphase gewesen gerade in 33, 34, 35, und die Sachen die hier erfolgreich ausprobiert wurden, spiegeln sich letztlich in den späteren Konzentrationslagern, die dann ab 36 entstanden mit Sachsenhausen, 37 Buchenwald, 39 Ravensbrück, das spiegelt sich da sehr deutlich wieder. Also alles was hier ausprobiert wurde, die Sachen tragen sich dann weiter."

Ausprobiert wurden hier zum Beispiel die Prügelstrafe oder die Einzelhaft im Bunker. Das dunkle Gewölbe mit den unverputzten Wänden und dem kalten Steinfußboden nutzten die Nationalsozialisten als Folterstätte. Vor den Fenstern hatten sie Lochbleche montiert. Die Pritschen waren aus Stein, nur eine Decke gab es, mit der sich die Gefangenen wärmen konnten. Jeder, der gegen die Lagerordnung verstieß, kam in den Bunker. Der KZ-Überlebende Ernesto Kroch erinnert sich.

"Es war zunächst mal Angst natürlich, dass du nicht in den Bunker kommst, dass du nicht ausgepeitscht wirst, es gab da ja tausend Regeln und weil da ein Knopf nicht zugeknöpft war, oder die Matratze, diese unförmige Strohmatratze, wenn die nicht rechtwinklig abgewinkelt war, dann könntest du schon in den Arrest kommen."

In den Verhören gab es Schläge, Tritte, Peitschenhiebe. Auch der Prügelbock soll hier gestanden haben. In jeder der zwölf Zellen war derselbe Spruch in die Wand gemeißelt: Erniedrige dich nicht zum Schwein, was Reinlich ist das halte rein, man müsste sonst durch Disziplin, zur Ordnungsliebe dich erziehen.

"Wenn man diesen Spruch hört, hört sich schon ein bisschen makaber an. Wenn man aber weiß, das die Häftlinge, die hier reingekommen sind bei dem Eintritt in den Bunker 25 Schläge bekommen haben und beim Austritt aus dem Bunker auch wieder 25 Schläge bekommen haben, erhält dieser Spruch mit der Disziplin einen entsprechenden Sinn. Man diesen Ort Bunker auch Färberei genannt, weil die Häftlinge eben grün und blau geschlagen wieder raus gekommen sind."

Diese Prozedur bezeichneten die SS-Angehörigen als warmes Frühstück. Besonders perfide war die letzte, sehr schmale Stehzelle, die in die Wand gemauert war. Auf Wadenhöhe befindet sich eine dunkelgrüne Eisenklappe. Hinter dieser Mauer, erklärt Historiker Sven Langhammer, mussten die Häftlinge stehend ausharren.

"Mehrere Tage, Stunden, und man konnte das durch diese kleine Luke halt kontrollieren, ob sie stehen. Es ist sehr, sehr beklemmend und es gibt in Häftlingsberichten auch mehrfach die Aussage, dass hier Personen verrückt geworden sind. Das kann man auf solch eine Quälerei zurückführen."

Nachdem 1937 die männlichen Häftlinge in das neuerrichtete Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurden, trafen die ersten Frauen in der Lichtenburg ein. Auch die heute 102-jährige Lina Haag. Sie beschrieb die Lichtenburg als einen beängstigen Riesenbau mit machtvollen Mauern – keine lichte Burg, sondern das ideale KZ. Im Mai 1939 schloss man die Lichtenburg. Die verbliebenen Frauen kamen in das neue KZ Ravensbrück. Vermutlich 15 Inhaftierte kamen hier zu Tode. Doch viele der Lichtenburg-Häftlinge wurden später in anderen Lagern umgebracht. Inzwischen haben der Bund und das Land Sachsen-Anhalt erkannt, das das Schloss bei Prettin mit seiner Vergangenheit sehr wohl überregionale Bedeutung hat. Das Land hat die Verantwortung für die neue Dokumentation übernehmen. Doch nicht im Schloss selbst, sondern in einem benachbarten Werkstattgebäude soll sie in knapp zwei Jahren zu sehen sein. Auf der einen Seite soll das Leben der Gefangenen gezeigt werden, auf der anderen Seite die Arbeit der Täter. Denn die Lichtenburg hatte eine Vorreiterfunktion für die späteren KZs, sagt der Historiker Sven Langhammer. Der KZ-Überlebende Ernesto Kroch hofft, dass er die Eröffnung noch miterleben wird. Die Besucher, sagt er, sollen verstehen was die Lichtenburg einst war.

"Es war die Ungewissheit, der man ausgeliefert war. Und das war wohl auch die Absicht dieser Menschenschänder, nicht nur dass man physisch kaputt gemacht wurde, das war vielleicht noch das wenigste. Sondern die Menschenwürde, dass man fühlte, man ist nichts. Und das brauchten die Leute auch, denn ich würde sagen, sie hatten keine eigene Persönlichkeit und da brauchten sie unter ihrem Stiefel Untermenschen über die sie herrschen konnten."

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