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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.02.2008

Schlechtes Wetter und schlechte Menschen

David Peace: "1983", Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2008, 512 S.

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Mosaik von bekannten kriminalhistorischen Fakten (Stock.XCHNG / Peter Saddington)
Mosaik von bekannten kriminalhistorischen Fakten (Stock.XCHNG / Peter Saddington)

Mit "1983" hat der englische Autor David Peace einen Nachfolge-Krimi seiner Bücher "1974", "1977" und "1980" geschrieben. Aus den Perspektiven eines korrupten Polizisten, eines verfressenen Anwalts und eines jugendlichen Straftäters wird mit der Geschichte eines verschwundenen Mädchens ein weit verzweigtes Verbrechen erzählt.

Der englische Autor David Peace ist der Meinung, dass jede Gesellschaft und jede Epoche die Verbrechen hat, die sie verdient. Und dass der Krimiautor ein Chronist sei, der das, was wirklich und im Verborgenen geschieht, ans Licht bringen müsse, ohne etwas beschönigen zu dürfen. So porträtiert sein mehrfach preisgekröntes "Red Riding Quartet", ein vierteiliger chronologischer Krimi-Zyklus, das England der 1970er Jahre.
Genauer: die Gegend von Leeds zwischen 1969 (als Peace ebendort geboren wurde) und 1983.

Das Ergebnis ist ein Stück sehr schwarzer, pessimistischer Literatur, die man beinahe experimentell nennen könnte - stünde eine solche Bezeichnung nicht gar so quer zum Genre. Was Peace unternimmt, ist allein sprachlich sehr viel wagemutiger als das brave Geradeaus-Erzählen, mit dem die Gegenwartsliteratur, auch des E-Fachs, so oft ihre Leser unterfordert.

"1983" besteht, wie auch die Vorgänger "1974", "1977" und "1980", aus einem Mosaik von bekannten kriminalhistorischen Fakten und Eindrücken, von Fragmenten alter Popsongs und Nachrichten aus dem Radio, alltäglichen Gesprächsfetzen und etwas, das man als inneren Monolog bezeichnen würde, besäßen die Figuren eine elaborierte sprachliche Ausdrucksfähigkeit und ein weniger gestörtes Gefühlsleben. Weitere wesentliche Bestandteile dieses Porträts sind schlechtes Wetter, schlechtes Essen, schlechter Geschmack und schlechte Menschen.

"Das Yorkshire der 1970er war eine feindselige Gegend, wenn man da leben musste – vor allem für Frauen", sagt Peace, und damit meint er nicht nur den Yorkshire-Ripper, der damals sein Unwesen trieb. Bei Peace liest sich schon die Schilderung einer Hochzeit im Polizeimilieu wie eine Veranstaltung im inneren Kreis der Hölle. Die fiese Mischung aus Spießertum und latenter Brutalität, gepaart mit der üblichen Heuchelei von Familienfeiern, kennzeichnet die private Seite von Leuten, die sich dienstlich mit Folter und Vertuschung befassen.

Aus den Erzählperspektiven eines korrupten Polizisten, eines verfressenen Anwalts und eines jugendlichen Straftäters wird die Geschichte eines weit verzweigten Verbrechens erzählt: die 10-jährige Hazel ist verschwunden, ganz nach dem Muster ähnlicher Fälle, für die längst ein Schuldiger gefunden und verurteilt wurde.

Die Spuren führen zurück bis ins Jahr 1969, und die alten, nie ganz geklärten Verbrechen aus den früheren "Red Riding" Romanen tauchen unter anderen Aspekten wieder auf. Enthüllt wird so ein ganzes Geflecht von Korruption und Gewalt, Erpressung und organisierter Kriminalität, – aber offzielle Aufklärung, Berichterstattung oder gar Strafverfahren finden nicht statt. Es ist kurz vor den britischen Parlamentswahlen, bei denen Maggie Thatcher eine überwältigende Mehrheit erhielt. Die Zusammenhänge erschließen sich also nur für die Leser, Mitwisser all dessen, was die drei Erzähler in den Vororthäuschen und den Slums von Leeds, in Kellern und Pubs, jeder für sich, erfahren.

Peace selbst nennt seine Bücher eine "Antithese zur Mainstream-Krimiliteratur" und nichts verabscheut er mehr als Unterhaltsamkeit. Und unterhaltsam ist dieser Krimi auch nicht. Er ist faszinierend und abstoßend, kühn und wahnsinnig traurig.

Rezensiert von Katharina Döbler

David Peace: 1983
Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg
Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2008.
512 S. 22.- €

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