Regionale Fleischproduktion

Das Sterben der kleinen Schlachthöfe

08:52 Minuten
Geschlachtete Lämmer hängen im Schlachthof.
Regionale Schlachthöfe können sich nicht mehr gegen Großbetriebe wie Tönnies durchsetzen. © imago images / blickwinkel
Von Ludger Fittkau · 19.04.2022
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Hunderte Kilometer muss Fleisch heute zurücklegen, bevor es auf den Tellern landet, denn regionale Schlachthöfe sterben aus. Alleine in Hessen mussten innerhalb von zehn Jahren 20 Prozent der Betriebe schließen.
Im geräumigen Stall des „Bio-Ziegenhofs Weiße Hube“ riecht es nach frischem Heu und den rund 200 Thüringer Waldziegen, die hier untergebracht sind.  Die Tiere haben braun-weiß-gestreifte Köpfe und klopfen mit den Hufen an die Holzeinfassung der Stallungen des Familienbetriebes in Bad König-Mombart.
Geschlachtet werden die Tiere bisher in wenigen Kilometern Entfernung: im Odenwald-Schlachthof in Brensbach, was den Bio-Bauern Hans Trumpfheller sehr freut. Doch das könnte sich bald ändern, denn der Betrieb ist in wirtschaftlicher Schieflage.
Der Schlachthof ist zu klein, es können zurzeit nur etwa 600 Schweine und andere Tiere pro Woche dort geschlachtet werden. Erst nach anstehenden Sanierungen könnte die Kapazität wieder erhöht werden, so Trumpfheller:
„Ich finde es für das Rhein-Main-Gebiet immens wichtig, dass hier ein Schlachthof vor Ort ist. Dass man hier frisches Fleisch bekommt, weil der auch noch bio-zertifiziert ist."

Nötige Sanierungen kosten Millionen

Viel hängt von zwei regionalen Landkreisen ab, die den Schlachthof bisher zur Hälfte tragen. Andere Schlachthöfe in Hessen mussten in den letzten Jahren schließen. Unlängst etwa in Nordhessen der Schlachthof in Bad Arolsen. Hier wurden 40 Jahre lang bislang wöchentlich bis zu 35 Schweine und Großvieh geschlachtet. Doch Auflagen der Behörden ließen die ursprünglich vorgesehene Sanierungssumme von 400.000 auf 3,5 Millionen Euro anwachsen. Das war zu viel.
Auch die Eigentümer des Schlachthofes in Brensbach müssten eigentlich dringend investieren, damit die Tiere der Region nicht mehr als 100 Kilometer weiter südlich zum Schlachten nach Baden-Württemberg transportiert werden müssten. Doch auch im Odenwald zögert man mit den Investitionen.
Die Zahl der EU-zugelassenen Schlachtbetriebe sinkt in ganz Deutschland. In Hessen ist sie in den zurückliegenden zehn Jahren um 17 Prozent auf 471 gesunken. Das liege vor allem daran, dass Großschlachtereien wie Tönnies den Markt inzwischen beherrschen, so Trumpfheller. Gleichzeitig ist die Zahl der Nutztiere in der Region deutlich zurückgegangen. Mit Ausnahme von Mastgeflügel und Legehennen werden in Hessen immer weniger Nutztiere gehalten, es gibt weniger Bauernhöfe mit Vieh und weniger Metzgerlehrlinge. Zudem sinkt der Fleischkonsum.

Niemand will mehr Metzger werden

Heute werden die Kälber aus dem Odenwald nicht alle hier geschlachtet, denn obwohl ihre Zahl deutlich zurückgegangen ist, reichen die lokalen Schlachtmöglichkeiten in der Region nicht mehr aus. Den Rückgang der Schlachthöfe beobachtet auch Jörg Weber. Er ist Vorstand der „Bürger AG für regionales und nachhaltiges Wirtschaften“ in Frankfurt am Main. Die gemeinwohlorientierte Wirtschaftsorganisation fördert eine nachhaltige Landwirtschaft im Rhein-Main-Raum.
Kleine Schlachthöfe in der Nähe seien gerade für das Tierwohl in der Landwirtschaft unverzichtbar, sagt Weber. Doch zusätzlich zur Wirtschaftlichkeit angesichts der Konkurrenz von Großschlachtereien gebe es auch ein Nachwuchsproblem:
„Wo soll denn der Metzger herkommen, wenn der Metzgerberuf gar nicht gefördert wird? Wenn die Jugendlichen alle studieren sollen? Wir brauchen auch Leute, die diese Jobs wieder annehmen.“

Mehr auf Regionalität achten

Eine Metzgerei, die noch selbst schlachtet, ist "Dieters Wurstladen" in Modautal, nicht weit von Darmstadt entfernt. Unlängst bekam der Betrieb vom Land Hessen 1,7 Millionen Euro Förderung, um die Schlachträume sanieren zu können. Hans Trumpfheller vom Bio-Ziegenhof Weiße Hube kennt die Familie gut, die dieses Modernisierungsprojekt gestartet hat.
„Die werden gefördert, aber ich glaube nur mit 30 Prozent. Den Rest, 70 Prozent, muss die Familie aufbringen. Und wir reden hier von einem Millionenbetrag. Ich weiß nicht, ob es mehr als eine Handvoll Leute gibt hier in Südhessen, die das auf sich nehmen würden.“
Hans Trumpfheller appelliert in seinem Ziegenstall an die Gesellschaft, die regionalen Produkte auch nachzufragen. Denn wer verhindern wolle, dass Schlachtvieh Hunderte Kilometer transportiert werden müsse, der müsse sich auch mehr um die Landwirte in der Region und ihre Produkte kümmern.

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