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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 01.07.2016

Schlacht an der SommeDas verlustreichste Gefecht des Ersten Weltkriegs

Von Volker Ullrich

Soldaten der französischen Armee während des Ersten Weltkriegs in einem Schützengraben. (picture-alliance/ dpa)
Soldaten der französischen Armee während des Ersten Weltkriegs in einem Schützengraben. (picture-alliance/ dpa)

Am 1. Juli 1916 begann die Schlacht an der Somme. Bis November griffen britische und französische Truppen die deutschen Stellungen an, ohne einen Durchbruch erzielen zu können. Mehr noch als die Kämpfe um Verdun, wurde das Somme-Gefecht zum Inbegriff der Materialschlachten im Ersten Weltkrieg.

Pünktlich um 7.30 Uhr am 1. Juli 1916, als sich der Morgennebel lichtete, ertönte das Signal zum Angriff. Die Soldaten des britischen Expeditionskorps nahmen noch einen kräftigen Schluck Rum zu sich und kletterten über Leitern aus ihren Schützengräben hinauf ins Niemandsland. Die Somme-Schlacht, die größte und verlustreichste Operation des Ersten Weltkriegs, hatte begonnen.

"An einem Tag wie diesem fühlt man eine richtige Freude am Leben, auch wenn das Leben, gelinde gesagt, ziemlich unsicher ist",

notierte der britische Meldegänger Robert Cude. Auf der Konferenz in Chantilly bei Paris im Dezember 1915 hatten die Armeeführungen Frankreichs und Englands eine gemeinsame große Offensive für das kommende Jahr vereinbart. Am 14. Februar 1916 verständigten sich der französische und britische Oberbefehlshaber Joseph Joffre und Douglas Haig darauf, den Angriff im Gebiet des Flusses Somme in der östlichen Picardie durchzuführen.

Unheimliches Fauchen, Splittern und Krachen

Doch die Ende Februar begonnene deutsche Offensive bei Verdun stellte die alliierten Planungen in Frage. Statt ursprünglich 40 Divisionen konnten die Franzosen nur noch elf bereitstellen; die Hauptlast der Operation lag somit bei den britischen Expeditionsstreitkräften. Am 24. Juni eröffneten sie ein gewaltiges Trommelfeuer auf die deutschen Linien.

"Es ist unheimlich (...) , ein Heulen und Zischen, ein Fauchen, ein Splittern und Krachen der schweren Einschläge, ein (...) noch nie gekanntes Artilleriefeuer aus allen Kalibern und Geschossarten dröhnte und zischte um uns herum."

So hielt ein deutscher Artillerist den Schrecken fest. Innerhalb von einer Woche feuerten die britischen Geschütze mehr als 1,5 Millionen Granaten auf die deutschen Stellungen ab. Nach diesem Inferno, so glaubte Douglas Haig, würde der Gegner keinen größeren Widerstand mehr leisten und die eigene Infanterie ungehindert vorwärts stürmen können. Doch das erwies sich als eine schwere Fehlrechnung. Denn die Deutschen hatten die relativ ruhigen Monate an der Somme genutzt, um ihre Verteidigungsanlagen systematisch auszubauen. Der größere Teil der Gräben und Unterstände blieb trotz des siebentägigen Trommelfeuers intakt. So schlug den britischen Soldaten, kaum dass sie am 1. Juli die Schützengräben verlassen hatten, heftiges Maschinengewehrfeuer entgegen. Der Feldwebel eines irischen Bataillons erinnerte sich:

"Links und rechts von mir sah ich lange Reihen von Soldaten. Als ich zehn Meter weiter gegangen war, schienen um mich herum nur noch wenige Männer übrig zu sein. Dann wurde ich selbst getroffen."

In den ersten Stunden fielen 19.240 britische Soldaten, fast 36.000 wurden verwundet – der blutigste Tag in Englands Militärgeschichte. Trotz der entsetzlichen Verluste dachte Haig nicht daran, die Offensive abzubrechen. Sein Ziel war allerdings nicht mehr der entscheidende Durchbruch, sondern die allmähliche Zermürbung des Gegners. Wie bei Verdun entwickelten sich auch die Kämpfe an der Somme zur Materialschlacht. Das ganze Gelände verwandelte sich in eine einzige Trümmer- und Trichterlandschaft. Der junge Leutnant und Stoßtruppführer Ernst Jünger schrieb Ende August 1916 in sein Tagebuch:

"Buchstäblich kein Grashalm. Jeder Millimeter des Bodens umgewühlt und wieder umgewühlt, die Bäume ausgerissen, zerfetzt, zu Mulm zermahlen. Die Häuser niedergeschossen, die Steine zu Pulver zerstaubt (...) Und alles voll Toter, die hundertmal wieder umgedreht und von neuem zerrissen werden."

Briten kämpfen mit neuen Waffen

Am 15. September 1916 setzten die Briten erstmals eine neue Waffe ein: den Panzer. Die meisten der sogenannten Tanks fielen zwar wegen technischer Probleme noch aus, aber die wenigen, die die deutschen Linien erreichten, sorgten für Verwirrung.

"Über die Kraterfelder kamen zwei geheimnisvolle Ungeheuer angekrochen (...) Es gab kein Hindernis für sie, eine übernatürliche Kraft schien sie voranzutreiben. Unser Maschinengewehrfeuer und unsere Handgranaten prallten an ihnen ab."

So schilderte ein deutscher Kriegsberichterstatter seinen Eindruck. Die Kämpfe an der Somme gingen Mitte November 1916 zu Ende. Die Briten hatten einen Streifen von zehn Kilometern erobert – aber um welchen Preis! Sie hatten 420.000 Tote und Verwundete zu beklagen; die Franzosen verloren 204.000 Mann. Die deutschen Verluste werden auf 465.000 Mann geschätzt. Noch heute zeugen die vielen Soldatenfriedhöfe in der Picardie von der ungeheuren Erbitterung, mit der hier um jeden Meter Boden gekämpft wurde.

 

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