Schinderei für die digitale Gesellschaft

Moderation: Liane von Billerbeck · 14.03.2007
Viele elektronische Geräte, die auf der nun beginnenden Computermesse CeBIT zu sehen sind, werden unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt. Darauf weist die unabhängige Ratingagentur Oekom Research aus München hin. Deren Analystin Kristina Rüter nannte als Beispiel China, wo menschenrechtliche und ökologische Standards unterschritten würden.
Liane von Billerbeck: Bei Honig, Tee und Kaffee, da ist es leicht zu überprüfen, was ethisch produziert und fair gehandelt wurde. Viel schwieriger ist es offenbar bei Handys. Fernsehern und Computern, auch denen, die uns ab heute auf der Computermesse CEBIT wieder präsentiert werden. Wenn Computer beispielsweise immer schneller und immer billiger auf den Markt kommen, dann zahlt jemand dafür den Preis, mit Hungerlöhnen, Umweltvergiftung und Gesundheitsschäden. Computerherstellung ist unethisch, und das weiß auch Kristina Rüter von der unabhängigen Ratingagentur Oekom Research. Sie hat nämlich Computerunternehmen überprüft und festgestellt, dass nur wenige verantwortlich produzieren. Kristina Rüter ist jetzt in München am Telefon. Tag, Frau Rüter!

Kristina Rüter: Guten Tag, Frau von Billerbeck!

Von Billerbeck: Wie stellen Sie fest, ob ein IT-Unternehmen nachhaltig produziert?

Rüter: Als Nachhaltigkeitsratingagentur bewertet Oekom Research die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen anhand von einer Vielzahl sozialer und ökologischer Kriterien.

Von Billerbeck: Welche Kriterien sind das?

Rüter: Im Sozialteil des Nachhaltigkeitsratings werden die Kriterien in den Untersuchungsfeldern Mitarbeiter und Zulieferergesellschaft und Produktverantwortung sowie Wirtschaftethik abgefragt. Die sozialen Standards in der Lieferkette fließen in die Bewertung des Bereichs Mitarbeiter und Zulieferer ein. Hier fragen wir die Unternehmen, ob sie verbindliche Mindeststandards bezüglich Menschenrechten, Arbeitsbedingungen, Löhnen, Arbeitssicherheit und Gewerkschaftsfreiheit einfordern.

Von Billerbeck: Das heißt, Sie beziehen sich vor allen Dingen auf die Informationen, die Sie direkt von den Unternehmen bekommen. Die müssen ja nicht stimmen, Sie müssen das ja irgendwie überprüfen. Wie machen Sie das?

Rüter: Ja, die Grundlage unserer Bewertung sind die Informationen, die wir von Unternehmen erhalten. Zudem recherchieren wir aber auch externe Quellen und schauen, ob es konkrete Hinweise auf Arbeitsrechtsverstöße in der Zuliefererkette des bewerteten Unternehmens gibt. Quellen sind dabei zum Beispiel Experten aus Wissenschaftsbehörden und internationalen Nichtregierungsorganisationen.

Von Billerbeck: So ein Computer und Flachbildschirm oder Handy, wie sie auch heute Abend auf der CEBIT wieder vorgestellt werden, die kosten ja manchmal sehr wenig Geld. Das kann man mit Löhnen, die in Europa gezahlt werden, nicht machen. Also diese Produkte entstehen vor allen Dingen in Niedriglohnländern. Was sind denn vor allen Dingen die Länder, die da schwarze Schafe sind, wo so was hergestellt wird?

Rüter: Die Produktion findet vorwiegend in China statt, aber auch in Ländern wie Indien, Philippinen, Taiwan und Thailand.

Von Billerbeck: Unter welchen Bedingungen werden denn diese Computer hergestellt? Was sind das vor allen Dingen für Arbeiter, die die produzieren, oder Arbeiterinnen?

Rüter: Das sind meistens gering qualifizierte Arbeiter, vielfach sind es Wanderarbeiter, die aus ländlichen Regionen in die Städte kommen, um diese Jobs anzunehmen. Die Arbeiter sind, bedingt durch Produktionsspitzen, häufig großem Zeitdruck ausgesetzt und arbeiten oft mit gesundheitsgefährdenden Stoffen, wie zum Beispiel Lösemittel, ätzenden Laugen und unter einem hohen Lärmpegel. Sie werden zwar meist entsprechend dem lokalen Mindestlohn bezahlt. Allerdings werden Überstunden selten korrekt abgerechnet und bezahlt. In Stoßzeiten kommt es zu Zehn- oder Zwölfstundenschichten und Siebentagewochen. Besonders kritisch ist es auch, dass in China aufgrund der Gesetzeslage die gewerkschaftliche Organisation stark eingeschränkt ist und die Industrie bisher wenig dazu beiträgt, die verbleibenden Möglichkeiten der arbeitnehmerischen Mitbestimmung zu nutzen.

Von Billerbeck: Was ist denn beispielsweise ein Mindestlohn in China?

Rüter: Jetzt haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich habe jetzt keine konkreten Zahlen vorliegen.

Von Billerbeck: Ich habe nämlich mal gelesen, dass der irgendwie bei 12 Cent lag und dass viele gerade dieser Computerfirmen auch diese Mindestlöhne unterschreiten.

Rüter: Ja, das Problem ist, dass die Mindestlöhne an sich schon gezahlt werden. Es kommt aber immer wieder zu Lohnabzügen, zum Beispiel für Essen oder Arbeitssicherheitsausrüstung, Schutzkleidung, und die Überstunden werden zudem auch nicht bezahlt, nicht abgerechnet. Insofern ist am Ende dann doch eine Unterschreitung des Mindestlohns die Tatsache.

Von Billerbeck: Wenn Sie jetzt den Computerfirmen das vorwerfen, also Unterschreitung aller sozialen und ökologischen Standards, die Informationen haben Sie, wie Sie sagten, von NGOs, von Menschenrechtsorganisationen, wie reagieren dann die großen Computerunternehmen auf solche Vorwürfe?

Rüter: Die Unternehmen nehmen die Vorwürfe sehr ernst. Das ist ja nicht so, dass es ihre eigenen Angestellten sind oder dass die Unternehmen diese Zustände bewusst fördern. Die Probleme sind bei den Unternehmen inzwischen bekannt, und die meisten sind auch bestrebt, dem entgegenzuwirken. Der drohenden Imageverlust birgt ja auch finanzielle Risiken, wenn zum Beispiel Kunden und Investoren sich abwenden, weil die Marke mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Verbindung gebracht wird. Wir kontaktieren die Unternehmen, die wir bewerten, frühzeitig und beziehen sie in den Ratingprozess mit ein. Auch erhalten die bewerteten Unternehmen von uns eine detaillierte Analyse zu ihrer Positionierung und erhalten die Möglichkeit, unsere Ergebnisse zu kommentieren. Dass einem natürlich bisweilen auch Enttäuschung über schlechte Noten entgegenschlägt, ist klar.

Von Billerbeck: Nun ist es aber so, dass gerade Computer - das ist ja anders als bei Tee oder Kaffee, wo das eben ein Produkt ist, da fährt man en einen Ort, da wird er hergestellt -, Computer bestehen aus sehr vielen Teilen, und da sind sehr viele Zulieferer beteiligt. Wie kann man denn überprüfen, dass diese ganzen Standards, soziale und ethische, auch bei diesen Zulieferern eingehalten werden?

Rüter: Ja, das ist halt ein großes Problem. Das ist die angesprochene Fertigungstiefe. Ein Notebook zum Beispiel besteht aus bis zu 2000 Einzelteilen. Die Einzelteile unterliegen dann wiederum mehreren Fertigungsschritten, die über verschiedene Standorte und verschiedene Hersteller verteilt sein können. Es ist aber so, dass Schlüsselkomponenten, die für die Qualität und Funktionen eines Endprodukts eine große Rolle spielen, oft direkt in Auftrag gegeben werden, weil die Unternehmen allein aus Qualitätssicherung eine direkte Beziehung zu einem Vertragshersteller haben wollen, und über diese ist dann meistens die Verbindung wieder herzustellen.

Von Billerbeck: Nun ist es ja auch so, dass wir Verbraucher möglicherweise auch Einfluss ausüben können auf so ein Unternehmen, indem wir ein Gerät kaufen oder nicht kaufen. Wie hoch schätzen Sie diese Verbraucherverantwortung ein? Wenn wir jetzt beispielsweise erfahren, dass ein Notebook unter ausgesprochen menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wird, was können wir tun?

Rüter: Es ist schwieriger als beispielsweise in der Textil- oder Nahrungsmittelindustrie. Es gibt zwar Umweltlabels für Computer, aber es gibt noch keine Ethiklabels, und wir haben es hier eher mit einem industrieübergreifenden Problem zu tun, so dass es schwer ist, jetzt nur einem Unternehmen den schwarzen Peter zuzuschieben. Man kann aber doch sehen, dass die Unternehmen mit verschieden starkem Engagement sich des Themas annehmen, und am wichtigsten ist es, dass der Verbraucher den Herstellern klar macht, dass er Arbeitsrechtsverletzungen nicht toleriert.

Von Billerbeck: Möglicherweise indem er eine Kampagne mit unterschreibt, die es gerade in der Schweiz gibt, wo man Postkarten bekommt kostenlos und die an die Computerunternehmen schicken kann, um sicherzustellen, dass derlei Praktiken dort eben nicht stattfinden?

Rüter: Ja, das ist eine gute Möglichkeit.

Von Billerbeck: Wie überzeugen Sie denn nun Firmen, dass sie ethisch handeln?

Rüter: So viel Überzeugungsarbeit ist da gar nicht mehr zu leisten. Es geht eigentlich eher darum, wie man die guten Absichten umsetzt, das heißt, Mindeststandards und Mindestanforderung sind schon bei vielen Unternehmen formuliert. Es gibt auch industrieübergreifende Initiativen wie einen gemeinsamen Electronic Industry Code of Conduct. Wichtig ist halt diese Umsetzung des Codes, dass man den Zulieferern das eindeutige Signal gibt, dass man eine Verbesserung der Mindeststandards auch finanziell unterstützt.

Von Billerbeck: Nun gibt es ja in Deutschland immer die Angst, dass, wenn bessere Standards herrschen in solchen Ländern, dass dann auch die Produkte teurer werden. Wie viel teurer würden die Produkte denn?

Rüter: Das ist gar nicht so dramatisch. Die Lohnkosten bei der Computerherstellung bedingen nur etwa 1 Prozent des Produktpreises. Bei Textilien ist es zum Beispiel über 20 Prozent, und so scheint es durchaus machbar, hier bessere Standards durchzusetzen.

Von Billerbeck: Wann wird es Ihrer Ansicht nach den ersten nachhaltig und ethisch produzierten Computer oder das erste so produzierte Notebook geben, also so ähnlich wie bei Kaffee, Tee oder Textilien, mit so einem Siegel drauf?

Rüter: Das wird der Fall sein, wenn die guten Ansätze der Vorreiterfirmen wirklich sozialer Mindeststandards konsequent umgesetzt werden und nicht von einer widersinnigen Einkaufspolitik unterwandert werden. Wenn die Zulieferer also nicht nur Vorschriften erhalten und auditiert werden, sondern ihnen auch Wege aufgezeigt werden, wie sie diesen Anforderungen gerecht werden können, ohne Aufträge zu verlieren.

Von Billerbeck: Bisher hat ja das Freibürger Ökoinstitut, das auch so eine Untersuchung gemacht hat, gesagt, wir sind noch weit von diesem nachhaltigen Computer entfernt. Was schätzen Sie, wie lange dauert es?

Rüter: Das ist schwer einzuschätzen, aber wie schnell das erreicht wird, hängt unter anderem davon ab, inwieweit die Gesellschaft bei der Computerbranche die entsprechenden Schritte einfordert.

Von Billerbeck: Vielen Dank für das Gespräch.