Es gibt zig Ratgeber, die das Scheitern romantisieren und in Erfolgsstorys umdichten. Der Soziologe Nils Zurawski wünscht sich stattdessen eine Gesellschaft, die den Moment des Zusammenbruchs mitträgt, ohne ihn sofort in positiv umzudeuten.
Wer im Netz oder in den Auslagen der Buchhandlungen mal etwas zum Thema Scheitern sucht, stößt unweigerlich auf eine seltsame Romantisierung des Niedergangs: „Scheitern als Chance“, „Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten“ – Slogans wie Motivationslyrik aus dem Poesiealbum der Spätmoderne. Doch der demonstrative Optimismus wirkt schal.
Wäre der Umgang mit dem Misserfolg so einfach, dann bräuchten wir dieses publizistische Gewese darum nicht. Dann wäre Scheitern nur eine Variante des alltäglichen Misslingens – und wir zuckten mit den Schultern: Manches gelingt, anderes nicht. So what? Dass wir es nicht tun, verrät: Hier geht es um mehr als nur um kleine Pannen.
Kleine Pannen – oder der Kollaps eines Identitätsentwurfs
Wir müssen deshalb dringend unterscheiden lernen: zwischen dem banalen Fehler und dem existenziellen Scheitern. Diese beiden Phänomene werden oft fahrlässig vermengt. Ein Fehler, das ist der versalzene Braten beim Dinner, die verpasste Ausfahrt auf der Autobahn oder die falsche Zahl in der Excel-Tabelle. Fehler sind korrigierbar, sie sind Sand im Getriebe. Scheitern aber ist der Motorschaden, der Kollaps eines Identitätsentwurfs.
Wer eine Freundschaft langsam ausschleichen lässt, weil man sich nichts mehr zu sagen hat, erlebt ein Ende. Wer aber nach 20 Jahren Ehe feststellt, dass das gemeinsame Versprechen „für die Ewigkeit“ nicht zu halten war, der scheitert – nicht an der Partnerschaft, sondern am eigenen Anspruch.
Die eigenen Erwartungen sind entscheidend
Hier liegt der Kern des Dramas: Wir scheitern stets nur an der Fallhöhe unserer eigenen Erwartungen. Wer im Beruf nur „arbeiten“ will, kann kaum scheitern. Wer aber den Beruf zur Berufung verklärt und den Aufstieg zur einzigen Option für ein gelingendes Leben macht, programmiert den Absturz vor.
Ein Musiker, der beim Konzert einen falschen Ton spielt, macht einen Fehler. Ein Musiker, der erkennt, dass sein Talent für die Bühne nicht reicht, scheitert. Das eine ist ein akustischer Fauxpas, das andere eine biografische Zäsur.
Das Stigma des sozialen Abstiegs bleibt
Unsere Gesellschaft misst dabei mit zweierlei Maß: Der prominente Insolvenzkünstler, der Millionen in den Sand setzt, wird oft noch für seinen Wagemut bewundert. Er gilt als „Stehaufmännchen“. Ganz anders ergeht es der „gescheiterten Existenz“ im Kleinen. Wer den sozialen Abstieg nicht verhindern kann, trägt ein Stigma. Er wird nicht als jemand gesehen, der etwas gewagt hat, sondern als jemand, der dem Leben nicht gewachsen war. Diese Scham isoliert.
Wir brauchen deshalb eine Rehabilitation des Scheiterns. Nicht nur aus Gutmenschlichkeit, sondern weil wir beim nächsten Projekt wieder mit Begeisterung und Neugier einsteigen können. Wer Angst hat, als Versager gebrandmarkt zu werden, geht keine echten Risiken mehr ein. Er verwaltet nur noch den Status quo. Echte Innovation, große Kunst und tiefe menschliche Bindungen entstehen aber nur dort, wo die Möglichkeit des totalen Misslingens eingepreist ist.
Fehlervermeidungskultur statt Fehlerkultur
Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass wir gern von einer Fehlerkultur reden, doch in Wirklichkeit meist nur eine Fehlervermeidungskultur meinen. In Unternehmen werden PowerPoint Folien zur Lernbereitschaft gezeigt, während man hinter den Kulissen Schadensberichte glättet, Verantwortlichkeiten verschleiert, Risiken kleinredet.
Eltern predigen ihren Kindern, aus Fehlern lerne man, und geraten doch in Panik, wenn eine Note schlechter ausfällt als erwartet. Die Angst vor dem Stigma des Scheiterns treibt uns in die Vorsicht – und gerade damit in die nächste Falle.
Anstatt also das „Krönchen zu richten“, und so zu tun, als wäre nichts geschehen, sollten wir den Mut haben, den Staub auf unserer Kleidung zu lassen. Wir müssen lernen, den Anblick des Scheiterns auszuhalten – bei uns selbst und bei anderen.
Erst im Scheitern, im wirklichen Zusammenbruch eines Plans, zeigt sich, wie wir gemeinsam damit umgehen. Wünschenswert wäre eine Gemeinschaft, die den Mut hat, den Moment des Zusammenbruchs mitzutragen, ohne ihn sofort in eine Erfolgsgeschichte umdeuten zu wollen. Nichts ist menschlicher als der Irrtum, aber nichts ist lehrreicher als das eingestandene Scheitern.
Nils Zurawski, geboren 1968, arbeitet als Wissenschaftler am Institut für kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg. Schwerpunkte seiner Arbeit: Überwachung, Polizei, Doping, Stadt. 2013 habilitierte er sich mit einer Arbeit zu Raumwahrnehmung, Überwachung und Weltbildern. Er bloggt unter surveillance-studies.org.