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Im Gespräch | Beitrag vom 27.08.2020

Schauspieler und Kabarettist Jochen Busse"Alle, die zum Theater gehen, wollen geliebt werden"

Moderation: Ulrike Timm

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Porträt des Schauspielers und Kabarettisten Jochen Busse, 9. August 2020, Berlin. (picture alliance / dpa / Gerald Matzka)
Schon mit zwölf Jahren war für Jochen Busse klar, dass er Schauspieler werden möchte. (picture alliance / dpa / Gerald Matzka)

Zehn Jahre "Lach- und Schießgesellschaft", Gastgeber der RTL-Wochenschau "Sieben Tage sieben Köpfe", seit Jahren Boulevardtheater: Jochen Busse ist ein Bühnen-Urgestein. Auch Corona hält den 79-Jährigen nicht auf - dank Yoga.

Ein entspannter Kopfstand am Morgen – und schon kann der Tag für Jochen Busse beginnen. Seit fast 40 Jahren sind die täglichen Yogaübungen ein Muss für den Schauspieler und Kabarettisten – außer montags: "Da ist spielfrei – da gibt’s auch kein Yoga."

Auftritt nach fünf Monaten Corona-Zwangspause

Nach fünf Monaten Corona-bedingter Spielpause tritt Busse derzeit im Berliner Schillertheater auf, der Ausweichspielstätte der Komödie am Kudamm, gemeinsam mit Hugo Egon Balder in dem Tourneestück "Komplexe Väter". Gerade einmal ein Drittel der über 1000 Plätze darf besetzt werden, ein ganz anderes Theatererlebnis für den Schauspieler: "Ich habe gedacht, das wird ein Horror. Wie soll eine Stimmung aufkommen, wenn die Leute so weit auseinander sitzen und Handtücher neben sich haben. Und siehe da: Es funktioniert! Am Schluss johlen die Leute." 

Dennoch macht sich Jochen Busse Sorgen um das Fortbestehen der Privatbühnen: "Das Privattheater lebt von dem, was der Zuschauer bezahlt und nicht von dem, was der Steuerzahler bezahlt. Insofern ist es schon fragwürdig, wie lange ein solches Theater existieren kann."

Fabrikantensohn will Schauspieler werden

Schon mit 12 Jahren weiß der 1941 in Iserlohn geborene Jochen Busse: Ich will Schauspieler werden. Doch dieser Berufswunsch wird von der Fabrikantenfamilie Busse schlicht weggewischt. Der Großvater hatte die berühmte "Kosmos Petroleumlampe" erfunden, deren runden Docht man mit einem Rädchen rauf- und runter drehen kann. Der Vater führt über viele Jahre ein erfolgreiches Unternehmen für Vorhangvorrichtungen aus Alu und Messing.

Als der Kunststoff aufkommt, geht’s bergab. Jochen Busse muss als Kind den Gerichtsvollzieher ins Haus lassen, für die Eltern lügen. Und das in den Jahren des Wirtschaftswunders. "Alle wurden immer wohlhabender – und wir mussten mitspielen, als wären wir wohlhabend. Daraus entwickelt sich eine Lebenslüge. Und diese Lebenslüge hat mich mein ganzes Theaterleben begleitet." Jeder Mensch trage eine solche Lebenslüge mit sich herum; damit verbinde sich Leid, aber auch eine gewisse Komik. Das habe er auch für sein Schauspiel verinnerlicht: "Kein Mensch lacht über Sie, wenn Sie nicht ehrlich leiden auf der Bühne."

Vom Autowäscher zum Bühnenstar

Letztlich hat sich Jochen Busse über den Widerstand der Eltern hinweggesetzt. Noch vor dem Abi schmeißt er die Schule und geht 1959 nach München – ohne Geld. Er verdingt sich als Autowäscher und Lagerhilfe, Aushilfsjobs, die ihm die Schauspielschule finanzieren sollen. Sein wichtigster Hilfsjob: Er ist Bühnenstatist bei den Münchner Kammerspielen unter dem legendären Regisseur Fritz Kortner. Für Busse "die beste Lehre meines Lebens". Er macht Theater- und auch erste Kabaretterfahrungen, im Studentenkabarett "Knallfrösche". Dort sitzt die nächste prägende Persönlichkeit im Publikum: der Revue-Komponist Friedrich Hollaender.

Die prägenden Kabarettjahre

Anfang der 80er-Jahre stößt Busse zur Münchner "Lach- und Schießgesellschaft", seinerzeit eines der bekanntesten deutschen Kabarettbühnen. Ein "dankbares" Ziel ihrer Programme: der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Aber Jochen Busse wagt sich auch ins Privatfernsehen, ist in rund 300 Folgen Gastgeber der satirischen Wochenschau "Sieben Tage, sieben Köpfe".

Mit 79 Jahren denkt er immer noch nicht ans Aufhören – er braucht den Applaus.

"Alle, die zum Theater gehen und sagen, sie machen Kunst und wollen gestalten, lügen. Sie wollen geliebt werden! Ein Schauspieler, der keine Rampensau ist, der spielt sein Leben kleine Rollen. Ohne säuisch geht´s nicht."

(sus)

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