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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.12.2014

Schauspiel Frankfurt Hinab ins Dunkel der Wirtschaftswelt

Von Michael Laages

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Szenenfoto aus dem Stück "Container Paris" (Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld)
Schauspieler Torben Kessler als Hans-Peter Grothe in dem Stück "Container Paris" am Schauspiel Frankfurt. (Schauspiel Frankfurt / Foto: Birgit Hupfeld)

Grothe arbeitet für eine Logistik-Firma, der ein Container abhanden gekommen ist. Er hat keine Ahnung, was dort drin ist, soll diesen aber finden. In "Container Paris" von David Gieselmann wird scheinbar einem großen "Nichts" hinterhergejagt. Absurdes Theater in Frankfurt.

Der Dramatiker David Gieselmann, Kölner vom Jahrgang 1972, gilt seit Beginn des Jahrtausends als komödiantisches Talent unter den Autoren des zeitgenössischen Theaters in Deutschland; immer wieder platziert er die unscheinbarsten Jedermannsfiguren mitten im Auge des politisch-gesellschaftlichen Hurrikans, im Wahnsinn des Alltags. Vor kurzem begab sich Gieselmann in Bielefeld auch schon mitten hinein in die Normalitäten der Finanzkrise – mit dem Stück "Die Oppelts haben ihr Haus verkauft". "Container Paris", jetzt uraufgeführt am Schauspiel Frankfurt, leuchtet noch tiefer hinab ins Dunkel des Wirtschaftsgebarens, und alles könnte wahr sein. Aber auch komplett gelogen, so funktioniert das Spiel.

Die Leiden eines Angestellten 

Im Zentrum steht einerseits Hans-Peter Grothe, ebenso unbescholten wie halb begabt als Angestellter der mittleren Ebene eines international aktiven Logistik-Unternehmens. Gerade hat er nebst Gattin seinen direkten Vorgesetzten bewirtet; und als er ihn im Nachhinein mit der originellen Idee bekannt macht, sich doch bitteschön finanziell zu beteiligen am köstlichen Mahl, um jeden falschen Schein zu vermeiden, wird er vom Chef an den Spezialauftrag erinnert, mit dem Herr Grothe nicht voran kommt: einen Container zu suchen, der seit drei Wochen verschwunden ist.

Dieser Container, der zweite Hauptdarsteller, ist wichtig, doch keiner weiß, warum; Inhalt unbekannt. Auch die Herkunft nicht. Herr Grothe treibt in Rotterdam immerhin einen Frachtbrief auf, den er im Laufe des Stückes mehrfach zeitraubend auseinander fummelt und wieder zusammen knüllt; und dann ist er dem Container in Paris, später in Oslo und noch entlegeneren Ecken der Welt auf der Spur. Auf Grothes Spur hingegen sind immer mehr Leute, die eigene Firma und deren Partner vor allem; wie Geheimdienstler begleiten sie Grothes Forschungen. Parallel entwickelt sich aber die Story eines anderen Halbtalents, Typ: Überkandideltes Model, das die eigene Medien-Schönheit in Dauerpräsenz vermarktet und natürlich auch über einen betriebsbedingt genervten Manager verfügt. Die Wege von Model und Container-Fahnder verknäueln sich nun; und das Publikum merkt: Beim Medien-Hype wie beim Container ist vom gleichen "Nichts" die Rede.

Verborgen unter einem Berg von Büropapier

Beide Mittelmaß-Menschen finden allerdings das Glück, das Model wird tatsächlich Weltstar, und dem Herrn Grothe rät ein launiger Finanz-Berater, aus der Container-Suche selber ein Geschäft zu machen. Weil nämlich der gierige Markt immer auch nach dem "Nichts" zu greifen pflegt, was zu beweisen war bei Computer- wie Immobilienblasen, so wird tatsächlich ein Millionen-Business aus dem Container, von dem niemand wirklich was weiß. Dabei steht er die ganze Zeit schon auf der Frankfurter Bühne von Anette Hachmann und Elisa Limberg: verborgen unter einem Berg von Büropapier. Als zum Schluss doch noch hinein geschaut wird, verschlägt’s dem Chef fast die Sprache: "Ach…"; mehr fällt ihm nicht ein.

Wie immer ist Gieselmanns Komödien-Konstruktion ziemlich hieb- und stich- und sattelfest; selbst dort, wo sie stark ins Absurde driftet. Und Uraufführungsregisseur Christian Brey gilt als einer der wenigen Regisseure im deutschen Stadttheater, die sich ziemlich konsequent dem ausgefeilten Komödienhandwerk verschrieben haben. Die Zusammenarbeit funktioniert hier ziemlich gut, zumal mit dem animierten, wenn auch nicht sonderlich funkelnden Frankfurter Ensemble.

Was grundsätzlich und mit voller Absicht fehlt, ist die finstere Seite des Plots – Blasen platzen ja nicht ohne Kollateralschäden, vielmehr brechen tatsächlich Welten zusammen; Menschen müssen leiden, aus Dummheit oder Schicksal oder beidem. Aus klassischen Komödien etwa von Eugéne Labiche ist diese Fallhöhe hervor zu kitzeln, die haben doppelte Böden – dieser Jux hier nicht. Hier steht am Schluss nicht viel mehr als ein bunter Cocktail im Edel-Resort auf Papua-Neuguinea… und kein Skandal, keine Katastrophe, kein Schmerz nirgends.

 

Weitere Infos zum dem Stück "Container Paris" finden Sie auf der Homepage des Schauspiel Frankfurts. 

Mehr zum Thema:

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