Dienstag, 10.12.2019
 

Rang I | Beitrag vom 16.04.2016

Schaubühnen-Festival F.I.N.D. Wie Krisen der Politik in Krisen des Geistes umschlagen

Von Eberhard Spreng

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Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz wurde von Jürgen Sawade von 1975 bis 1981 umgestaltet. (dpa / picture alliance / Hubert Link)
Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz (dpa / picture alliance / Hubert Link)

F.I.N.D. ist ein hauseigenes Festival der Schaubühne in Berlin. Junge Akteure und Regisseure dürfen hier Grenzbereiche des Theaters ausloten. Deutlich wird: Die Theaterstücke spiegeln eine krisenhafte Wirklichkeit wider.

Ein schwarzer Bernhardiner läuft durch die im Raum umherstehenden Zuschauer, eine rätselhafte Stimme scheint aus dem Tier zu kommen und hoch oben hängt an einem Drahtseil eine junge Frau, die sich mit nur einem Finger festzuhalten scheint und jederzeit abzustürzen droht. In dieser phantastischen Installation "Natura e origine della mente" unterhalten sich diese beiden als das "Licht" und die "Kamera", während an der Rückseite des großen kubischen Raums in einer kleinen Aussparung einige Menschenkörper zu sehen sind, erst in weißen Gewändern, dann nackt. Sehr frei nach dem zweiten Teil von Spinozas "Ethik" schafft der italienische Bilderzauberer Romeo Castellucci eine betörende Installation: Wo es dem Philosophen um die Frage des Zusammenhanges der Dinge mit dem der Ideen ging, um nicht weniger als um die Einheit von Geist und Materie, geht es dem Künstler um eine Allegorie, in der elementare Symbole in ein freies Spiel der Assoziationen eintreten: Das Tier, der Mensch, das Schwarz, das Weiß, das Oben, das Unten. Ein Rätsel mit gewaltiger optischer Kraft und suggestiver Wirkung, das Freiräume lässt für die Interpretation.

Wunderland der menschlichen Gehirntätigkeit

Was ist Wirklichkeit, was Einbildung? In Marcus Lindeens "Wild Minds" sitzen fünfzig Zuschauer in einem großen Kreis. Zwischen ihnen vier Akteure, die von ihren Tagträumen erzählen. Diese basieren auf Interviews, die der schwedische Theatermann mit Menschen geführt hat, deren Phantasietätigkeit zur Obsessionen wurde und ihren Alltag völlig dominiert.

An Kevin muss diese Dame ständig denken, den bösartigen Drogenhändler, der je nach gedanklicher Situation mal Bruder, mal Ehemann für sie ist. Um sich von ihrer phantastischen Obsession zu befreien, hat sie versucht, ihn schlimme Unfälle erleben zu lassen, aber er hat mehrere ihrer imaginierten Tötungsversuche schwer verletzt überlebt. "Maladaptive Daydreaming" heißt die psychologische Störung, die hier an einigen Beispielen erfahrbar wird. Gedämpfte Stimmen entführen meditativ in ein wenig bekanntes Wunderland der menschlichen Gehirntätigkeit.

Was ist am Neujahrsabend in Nedas Zimmer geschehen? Ihre Kommilitonin Samaneh behauptet, dort eine männliche Stimme gehört zu haben und das in einem mit vergitterten Fenstern, Zäunen und einer Eingangskontrolle gegen Eindringlinge geschützten Teheraner Studentinnenwohnheim. Mal steht Neda allein auf der Bühne, mal Samaneh, befragt von ihrer Heimleiterin, die inmitten des Publikums sitzt.

Verzicht auf Dekoration und Requisiten

Die Heimleiterin steht innerhalb dieses als Skandal empfundenen Zwischenfalls unter dem Druck und der Kontrolle einer repressiven Gesellschaft und versucht, den Vorfall innerhalb der Einrichtung zu klären. Allmählich verlässt die karge Aufführung mit dem Titel "Hearing", die auf Dekor und Requisiten völlig verzichtet, ihre primäre Zeitebene und doppelt das Paar der jungen Studentinnen in einem Paar erwachsener Frauen. Fast immer blicken auch sie dem Publikum ins Gesicht, als wäre dieses die Person, die sie verhört. Wir schauen in die Augen von Menschen, die sich ständig rechtfertigen müssen. Das kleine Schaubühnenfestival erkundet überzeugend ästhetische Grenzbereiche des Theaters, ohne in standardisierte Performance-Routinen zu verfallen, und zeigt, wie Krisen der Politik in Krisen des Geistes umschlagen.

Zum Abschluss des diesjährigen F.I.N.D.-Festivals wird die Dubliner Theatergruppe Dead Centre mit dem Stück "Lippy" gastieren. Hier erläutert ein Lippenleser seine im Jahre 2000 unternommene Anstrengung, das Video einer Überwachungskamera auszudeuten. Auf ihm sah man einige Frauen, die sich kurz darauf in ihrem Haus verbarrikadierten und zu Tode hungerten, ohne einen Hinweis auf die Motive ihres Gruppenselbstmordes zu hinterlassen. Aus dem Bericht wird Spiel, aus dem dokumentarischen Theater wird Verkörperung auf dem faszinierenden schmalen Grat zwischen Performance und Schauspiel.

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