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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.12.2013

Schaubühne BerlinTartuffe als Jesus Christ Superstar

Michael Thalheimer inszeniert "Tartuffe" von Molière

Von Alexander Kohlmann

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Die Schauspieler Ingo Hülsmann (Organ - l) und Lars Eidinger (Tartuffe) sitzen bei "Tartuffe" auf der Bühne der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. (dpa picture alliance/Jörg Carstensen)
(dpa picture alliance/Jörg Carstensen)

Mit Molières "Tartuffe" inszeniert der große Reduzierer unter den deutschen Regisseuren an der Schaubühne Berlin seine erste Komödie - und zeigt unheimlichen religiösen Wahn und Verblendung an einem durchaus vergnüglichen Abend.

Nein dieser Tartuffe ist kein geistlicher Weltmann, von dem eine unerklärliche Anziehung auf die Familie Orgons ausgeht. Lars Eidinger spielt den Betrüger, wie das Stück im Original auch heißt, als wahnsinnigen, religiösen Prediger. Mit langen, filzigen Haaren, einem mit Bibelsprüchen zutätowierten, nacktem Oberkörper und der Attitüde eines Jesus Christ Superstars bringt er seine Jünger um den Verstand. 

Predigt minutenlang an der Rampe, bis die rythmische Sprache, unterlegt von Rock-Sound mit Kirchenmusik-Zutaten, auch die Zuschauer in Trance versetzt. Ja dieser Eidinger übt als Tartuffe, der sich immer wieder in eine Art Kreuzigungs-Pose auf der Bühne ergibt, eine gefährliche Anziehungskraft aus. 

Vor allem auf eine Familie wie die von Orgon, die zerfressen von Zwängen und religiösem Druck empfänglich ist für den Erlöser mit Sex-Appeal. Mit Blut unterlaufenen Augen, gepeinigt von Madame Pernelle, die Felix Römer in Frauenkleider spielt. Und dabei als gruselige Übermutter wie einst Norman Bates in Hitchcocks Psycho den rechten Glauben und die erotische und sinnliche Deformierung dieser Gemeinschaft vorantreibt. Familienoberhaupt Orgon (Ingo Hülsmann) hat dem wenig entgegenzusetzen, vor allem, nachdem er seine lange, dem Tartuffe nicht unähnliche Haarmähne verloren hat - und als geschundener Spießbürger erkennen muss, dass er einem Betrüger sein Haus und allen Besitz verkauft hat.  

Eine riesige dunkle Wand versperrt die gesamte Bühnenbreite. In der Mitte die Aussparung einer kleinen, engen Kammer mit einem Sessel und dem Kreuz an der Wand. Typisch für eine Thalheimer-Inszenierung ist dieses Bühnenbild (Olaf Altmann), dass durch die Bühnen-Architektur einen Seelenzustand manifestiert. Und nur folgerichtig, dass die stabile, kleine Welt zu kippen beginnt, je mehr der Tartuffe von der Familie besitzt ergreift. Bis der Sessel an der Wand hängt und die Familienmitglieder wild durcheinander geworfen werden. Nur Tartuffe schreitet mit Grazie durch das Chaos. Ja, man traut ihm zu, dass er wohl auch über Wasser gehen kann.

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