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Deutschlandrundfahrt / Archiv | Beitrag vom 23.11.2014

SchatzsucherEinem Mythos auf der Spur

Die Bernsteinzimmer in Deutschland

Von Michael Frantzen

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Das berühmte Bernsteinzimmer am Freitag (06.07.2007) im Jekaterina-Palast (Katharinen-Palast) vor den Toren von St. Petersburg (Russland). Das als «Achtes Weltwunder» gerühmte Kunstwerk war im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen gestohlen worden und bei Kriegsende verschollen. Die Rekonstruktion des Bernsteinzimmers besteht aus einer halben Million fein geschliffener Bernsteinpaltten. Die Sowjetunion begann 1979 den Nachbau, der von der deutschen Ruhrgas AG in der Endphase mit 3,5 Millionen Dollar (3 Millionen Euro) unterstützt wurde. (picture alliance / dpa  / Peter Kneffel)
Rekonstruktion des Bernsteinzimmers im Katharinen-Palast bei St. Petersburg (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)

Es ist legendär: das Bernsteinzimmer aus dem Katharinen-Palast bei Sankt Petersburg. Seine Spur verliert sich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs.

Die deutschen Schatzsuchenden sind überzeugt: es wurde bei einer Nacht- und Nebelaktion nach Deutschland gebracht. An rund 130 Orten wird der Schatz vermutet. Im Erzgebirgischen zum Beispiel, behauptet der Bürgermeister von Deutschneudorf. Zwar ist Heinz-Peter Haustein bislang Beweise schuldig geblieben, hat aber rund um den Mythos ein kleines Tourismus-Imperium geschaffen.

In Wuppertal, behauptet Hobbyforscher Karl-Heinz Kleine, der die Höhlen und alten Luftschutzkeller des Bergischen unbeirrt durchforstet – und das, obwohl "Misserfolg mein ständiger Begleiter heißt".

Oder vielleicht doch im Altenburger Land, woran der Thüringer Filmemacher Thomas Kuschel glaubt. Auch wenn er bei der letzten Grabung nicht das Bernsteinzimmer fand sondern die Leichen sowjetischer Kriegsgefangener.


(Kuschel) "Wenn Sie in dieses Bernsteinzimmer kommen, ist es das Licht. Es ist so was von überwältigend, eigentlich dieses unterschiedliche hell-gelb, mittel-gelb, dunkel-gelb, braun-gelb. Und dann dieses Licht da drauf. Und die Spiegel da drin!"

Für den römischen Dichter Ovid waren es schlicht: "Tränen der Götter".

Bernstein beflügelt schon seit der Antike die Phantasie der Menschen. Geboren aus Feuer und Wasser. Bernstein – das ist fossiles Harz. Und viel mehr: Luxusgut, universelles Heilmittel, Aphrodisiakum.

Katharina die Große, die russische Zarin, soll hier ihre Liebhaber empfangen haben: Das Bernsteinzimmer steckt voller Geheimnisse. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges verliert sich seine Spur.

Abenteurer und Amateur-Historiker, Schatzsucher und Sammler, Betrüger und Besessene: Sie alle suchen seitdem nach dem "achten Weltwunder". Wahlweise in Moskauer U-Bahnschächten, dänischen Küstendörfern – oder in den Weiten des sächsischen Erzgebirges.

Heinz-Peter Haustein, Bürgermeister der Erzgebirgsgemeinde Deutschneudorf (dpa / picture alliance / Wolfgang Thieme)Heinz-Peter Haustein, Bürgermeister der Erzgebirgsgemeinde Deutschneudorf (dpa / picture alliance / Wolfgang Thieme)

(Haustein) "So! Komm rein."

Das ist der Haustein-Peter.

(Haustein) "Ich bin Bürgermeister der Gemeinde Deutschneudorf."

Als solcher ist er ein viel beschäftigter Mann.

(Haustein) "Gut! Sie haben fünf Mal angerufen. Deutschlandradio?! Seriöser Sender. Machste mal wieder nen Interview."

Dass die Journaille ihm die Bude einrennt, hat nicht zuletzt mit seinem Hobby zu tun.

(Haustein) "Schatzsucher. Das ist mein Hobby. Ich bin dabei, nach dem Bernsteinzimmer und anderen verschollenen Dingen aus dem Zweiten Weltkrieg zu suchen."

Im Erzgebirge. Tiefe Täler gibt es hier, im Oktober manchmal schon den ersten Schnee – und in "Mandys Kneipe" "Mandys Spezial", einen panierten Fleischbrocken, der sich bei näherem Hinsehen als "Schnitzel-Doppeldecker in XXL-Format" entpuppt. Nicht kleckern, sondern klotzen – das gilt auch für den Mann, den einige im Dorf der Einfachheit halber "Peter den Großen" nennen.

(Haustein) "Ach ja. Ich bin 1,93 Meter groß. Und deshalb hat man das halt so genannt – als Spaß. Peter der Große." (lacht)

Groß ist auch Peters Schaffenskraft. Kirche, Heimatmuseum, das "Abenteuer-Bergwerk Bernsteinzimmer": Alles tadellos in Schuss.

"Gehen wa mal rein?! Ah, besser ne Jacke anziehen. Acht Grad haben wir."

Unter Tage.

(Haustein) "Wir stehen hier im Eingang von diesem Bergwerk. Wir fahren jetzt mal ein und das tut man immer mit einem herzlichen: Glückauf! Das ist nen Labyrinth. Das ist nen Labyrinth von Strecken und Gängen. Wenn das Licht aus ist und du warst noch nie hier: Da kommste höchstwahrscheinlich nich wieder raus."

Gott sei Dank kennt sich der Haustein-Peter in Labyrinthen aus. Im Leben wie in Bergwerken gleichermaßen. Schnellen Schrittes schreitet er voran. Haustein ist die Strecke schon x-Mal entlanggelaufen. Routine. Genau wie die Geschichte, warum exakt hier – zwischen psychedelisch schimmernden Erzadern und bizarren Felsformationen - der Bernsteinzimmer-Schatz liegt. Dass das so ist, hat mit einem Augenzeugen zu tun. Der will Ende des Zweiten Weltkrieges beobachtet haben, wie Kisten voller Bernstein nach Deutschneudorf gebracht wurden.

(Haustein) "Der Augenzeuge, der mir das gesagt hat, war mein Vater. Und ein Vater lügt seinen Sohn nicht an – auf dem Totenbett. Immerhin hatte er auch Recht gehabt: Wir haben ein Bergwerk entdeckt. Wir haben viele Indizien. Haben's halt noch nicht gefunden."

Das Bernsteinzimmer; das sagenhafte. 1716 schenkte es der preußische König Friedrich Wilhelm I Hausteins Namensvetter, dem russischen Zaren. "Peter der Große" revanchierte sich in Form von zweihundert "langen Lulatschen" für Friedrich Wilhelms Leibstandarte. Eine klassische Win-Win-Situation, wie man heute neu-deutsch sagen würde. Der Preußen-König konnte sich an russischen Zwei-Meter-Kerlen ergötzen, Peter der Große in Sankt Petersburg an einem Raum voller Ostseegold, der in die Geschichtsbücher eingehen würde als achtes Weltwunder. So weit, so gut. Bis die Nazis kamen – und sich im Oktober 1941 das Bernsteinzimmer unter den Nagel rissen. Sie brachten es nach Königsberg. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges verliert sich seine Spur. Weil es bei einem alliierten Luftangriff verbrannte – sagen die meisten Historiker. Weil die Nazis es auf den letzten Drücker von Ostpreußen ins Erzgebirge schafften – sagt der Haustein-Peter.

"Die Indizien sind erdrückend. Die Fakten sind ja so: Es fehlt eine Masse an Schätzen aus dem Zweiten Weltkrieg. Das ist ja ne Tatsache. Das Erzgebirge mit dem Alt-Bergwerken is ja äußerst günstig: Es ist abgelegen. Bergwerke gibt's bei uns 10.000."

Aber nur ein "Abenteuer-Bergwerk Bernsteinzimmer". Mehr als 4000 Kubikmeter Geröll hat Haustein aus dem Bergwerk entfernen lassen, 60 Tonnen Stahl verbaut. Ein Publikumsmagnet: Jahr für Jahr schauen rund 10.000 Besucher den Schatzsuchern über die Schulter.

(Haustein) "Wird gebohrt. Wird gebaggert. Wird geguckt. Wenn es nich is: Haken dran. Das nächste."

"So! Schön langsam. Festhalten!" (Wasser tröpfelt)

Immer tiefer geht es runter. Im Mittelalter schürften hier die Bergarbeiter nach Silber und Erz – auf den Knien; täglich acht, neun Stunden lang, die meiste Zeit in völliger Dunkelheit. Kaum einer wurde älter als vierzig. Heute schürft hier nur noch einer.

(Haustein) "Schau an: Das hier – da musste hier drüben reinbohren. Näh?! Hier reinbohren."

Leichter gesagt als getan.

(Haustein) "Hier auch. Oben auch. Und dann sprengst du das."

Nichts für ungut. Nicht, dass noch was schief läuft. So wie 2008. Da wähnte sich Deutschneudorfs oberster Schatzsucher fast schon einmal am Ziel. Haustein fuchtelt mit der Taschenlampe. DIE Geschichte. Pech hätten sie gehabt. Einfach Pech. Mit schwerem Gerät waren sie angerückt – zur ultimativen Bohrung. Ganz großer Bahnhof: Das russische Fernsehen berichtete live, die BBC, CNN.

(Haustein) "Mich haben Leute angerufen aus Australien und Rio. Und aus New York: Da war's gerade live in der U-Bahn."

Deutschneudorf im Wirbelwind der Weltgeschichte: Das war ganz nach dem Geschmack von "Peter dem Großen". Umso länger sein Gesicht, als er vor laufender Kamera nicht etwa in Kisten voller Bernstein schaute sondern in die Röhre.

(Haustein) "Der Bergmann hatte immer drei Eigenschaften. Die hab ich für mich auch immer mitgenommen, auch in meinem Wahlkampf, als ich für die FDP im Bundestag war: Die drei Eigenschaften: Das ist die Beharrlichkeit. Die Hoffnung. Gottvertrauen. So geh ich da dran. Sonst packst du das nicht. Sonst würdest du resignieren und sagen: Was soll das Ganze?"

Seit der verlorenen Bundestagswahl 2013 spielt sich Hausteins Leben nicht mehr in irgendwelchen Ausschüssen und Machtzirkeln der Hauptstadt ab, sondern im hintersten Zipfel Sachsens, hart an der tschechischen Grenze. Mit "95 Prozent und ein paar Zerquetschten" haben ihn seine Deutschneudörfer letztes Jahr als Bürgermeister bestätigt. In seinem Königsreich ist die Welt noch in Ordnung.

(Haustein) "Auch im Gemeinderat hat das immer gut geklappt. Diesmal haben wir jetzt nur noch 75 Prozent. Hab ich gesagt: OK, das lag am Rösler. Die 25 Prozent."

Rösler hat es nicht gebracht. Haustein schon. Weil er sich kümmert – und als Aufzugs-Hersteller größter Arbeitgeber im Ort ist.

(Haustein) "Ich bin hier für unser Dorf, für unsere Region da. Ich seh das als Aufgabe, auch hier diese Ecke, diese wirklich letzte Enklave in Deutschland nicht aufzugeben. Sondern einfach dafür was zu tun, dass das Leben hier lebenswert is. Man hat nen Betrieb mit 120 Leuten; hat nen Bergwerk; unterstützt Feuerwehr; man unterstützt den Sport. Man spielt selber mit im Posaunen-Chor. Is auch noch in der Feuerwehr aktiv."

An "Peter dem Großen" kommt in Deutschneudorf keiner vorbei. Ab und zu holt er sich den Schlüssel vom Besucherbergwerk, um durch die Schächte zu stiefeln. Zum Abschalten. Nur er und seine Taschenlampe. Da kommen ihm manchmal schon leise Zweifel. Ob das mit der Bernsteinzimmer-Suche wirklich eine gute Idee war.

(Haustein) "Ich hab schon mehrfach Morddrohungen gekriegt. Weil ich mich an „fremden Eigentum vergreife". Das ist keen Scherz oder keen Spaß mehr. Ich hab auch noch andere Briefe, wo direkt drinne steht: Es gibt ne Mordliste – da stehst du Peter Haustein mit drauf. Da waren dann noch mehr Vorkommnisse. Na gut, das konnten wa nicht beweisen: Dass meine Bremsen nicht gegangen sind, am Auto, schon zwei Mal."

Wer dahinter steckte, hat Haustein nie herausgefunden. Irgendwelche Neider? Konkurrenten? Verrückte? Alles ist nicht gerade erbaulich: Doch für Haustein ist es nur ein weiteres Indiz dafür, dass er auf der richtigen Spur ist; dass sein Vater doch Recht hatte – und irgendwo tief unter der Erde das Bernsteinzimmer nur darauf wartet, von ihm entdeckt zu werden.

(Haustein) "Ich denk da schon manchmal dran. Ich seh mich dann schon, wie ich dort stehe: In der Tagesschau."

Das Gold im Altenburger Land 

(Läbe) "Früh um acht in meinem Büro: Am Telefon ist Heinz-Peter Haustein. Den ich bis zu dem damaligen Zeitpunkt nur aus der Zeitung kannte. Seine ersten Worte waren zu mir: Ich will gleich klar stellen: Wir streiten uns nicht, wo das Bernsteinzimmer liegt. Das liegt bei mir! Da war ich erst Mal geschockt, weil ich kannte die Schlagzeile nicht aus einer namhaften Zeitung, die besagt hat: Zwei Bürgermeister – Heinz Peter Haustein und Hendrik Läbe – streiten sich um das Bernsteinzimmer."

Luftlinie rund hundert Kilometer von Deutschneudorf entfernt lächelt Hendrik Läbe, Bürgermeister der Gemeinde Nobitz, an diesem verregneten Morgen milde vor sich hin. Der Thüringer, der es in Punkto Körpergröße und Ego spielend mit seinem Erzgebirgischen Pendant aufnehmen kann, sieht das Ganze sportlich: Der Haustein – der ist so was wie der Platzhirsch unter den Bernsteinzimmer-Suchenden. Und er, der Läbe: Der jüngere Konkurrent. Mit den schlagkräftigeren Argumenten.

(Läbe) "Das Altenburger Land sitzt auf einem großen Schatz."

Ist sich der Junge Wilde sicher.

(Läbe) "Kulturgüter. Kunstgüter. Gold."

Schlummern im östlichsten Zipfel Thüringens. Nicht zu vergessen: Das Bernsteinzimmer.

(Läbe) "Wir werden uns jetzt dort hinbewegen, wo die Staatssicherheit schon mal 1954 versucht hat, einen Schacht aufzufahren."

"So. Das ist alles ehemaliges russisches Gelände, wo wir jetzt hier sind. Das war auch ehemals Flugplatz."

Heute tut sich hier nicht mehr viel. Die Russen sind längst weg, Ryan-Air, der irische Billigflieger, auch. Vor vier Jahren war Schluss. Aus der Traum vom regionalen "Flughafen-Drehkreuz". Bis auf ein paar Geschäftsreisende mit dem nötigen Kleingeld und Hobbyflieger startet und landet in Nobitz niemand mehr.

(Läbe im Auto) "Und das ist der Zugang zur Sandgrube."

Stundenlange Regengüsse, die die Wege des Leinawalds in Schlammpfützen verwandeln; im Sommer Myriaden von Mücken: Läbe nimmt für seine Schatzsuche  einiges in Kauf. Sein Koordinatensystem: Das sind zwei Zeugenaussagen, Bernsteinsplitter, die zu DDR-Zeiten in einem Straßengraben gefunden wurden, und nicht zuletzt:

(Läbe) "Warum war die Stasi hier? Und hat mit dem Schachtbau Nordhausen hier den Schacht auffahren lassen? Warum?"

Die Frage lässt Läbe nicht mehr los; bereitet ihm schlaflose Nächte - ihm und seinen Mitstreitern, dem "Fähnlein der sieben Aufrichtigen", wie sich die Truppe selbst nennt.

(Läbe) "Die Staatssicherheit hat in Form von Herrn Encke gesucht. In den 50er-Jahren war man da schon relativ weit. Man hat nen Stollen in ne alte Sandgrube getrieben. Wo man vermutet hat: Dort war der Eingang zu dem alten Bunkersystem. Aber es ist eben genau in die Richtung gegangen, wo die Russen stationiert waren. Und da hab ich die Vermutung, dass wahrscheinlich nen Untergraben der Russen stattgefunden hätte. Und deshalb ist dieser Weiterbau von Schacht Nordhausen einfach nicht weitergekommen. Weil sonst wär das schon nen Problem gewesen, wenn ich die Russen unterhöhle."

Läbe würde gerne da weiter machen, wo der Stasi-Mann Encke aufhören musste. Doch das ist leichter gesagt als getan. Weite Teile des Leinawalds stehen heute unter Naturschutz, laut Behörden-Angaben lagern noch Munition und Bomben aus Sowjetzeiten im Boden. Den Schatzsucher stört das nicht weiter. Man müsse nur wissen wo, meint er lapidar.

(Läbe) "So! Wir gehen mal hier vor. (Bäume rauschen) Wir müssen jetzt hier durch das Dickicht. Jetzt stehen wir genau an der Hangkante, die damals versprengt worden ist. Dort unten sieht man auch diesen Aushub; eine Halde. Da liegt auch die Lore, da sind auch noch Eisenbahnschienen, die in den Berg reinführen."

Fünf Jahre forscht Läbe jetzt schon. Vom Bernsteinzimmer keine Spur. Fündig ist er 2011 trotzdem geworden. Es waren Massengräber sowjetischer Kriegsgefangener aus dem Zweiten Weltkrieg.

(Läbe) "Die Leichen lagen dort kreuz und quer. Das war nicht so, dass es ne geordnete Grabstätte war. Sondern das war wirklich: Da lagen manchmal zwei drinne, manchmal drei. Es wurde wahrscheinlich nen Loch aufgemacht: Da flogen die rein. Und dann wurde wieder zugemacht. Das waren alles Kriegsgefangene, es sind keine Deutschen dort gefunden worden, die nach 45 auch verschwunden sind hier in der Gegend. Und da gibt's auch die Mutmaßung, dass viele im Leinawald erschossen worden sind. Es wurden auch manchmal Schüsse gehört. Es kamen auch jetzt wieder Leute zu mir, die gesagt haben: Unser Verwandter, der wurde einfach abgeholt und in den Leinawald gefahren. (stöhnt leise) Aber: Der Leinawald ist groß. Der hat noch viele Geheimnisse."

Eines davon könnte das des Bernsteinzimmers sein. Ganz bestimmt. Wird er es finden; das Geheimnis lüften. Ähnlich wie sein Widersacher aus dem Erzgebirge ist er infiziert; vom Bernsteinzimmer-Mythos. Fakten; Indizien; Spekulationen: Für den Jungen Wilden ist das längst ein und dasselbe.

"Das mit der Fantasie passiert einem selbst; wenn man Schatzsucher ist. Weil man hat ne gewisse Wunschvorstellung. Wir haben immer gesagt: Wir wollen das auch für unsere Region tun. Wir wollen selbst nicht reich werden. Wir sind alleine mit dieser Geschichte schon sehr gut unterwegs. Wir hatten verschiedene Fernsehteams da, selbst aus der Ukraine waren Fernsehteams da. Für mich ist das auch ne gewisse Tourismus-Förderung unserer Gemeinde. Jede Meldung, egal ob positiv oder negativ, trägt sich in die Welt hinaus."

Sie mischen Fakten mit Indizien und Behauptungen. Solange, bis daraus etwas "Unumstößliches" wird. Sie sind besessen – von ihrer Idee. Davon dass, wenn man sie nur so ließe, wie sie wollten, sie das Geheimnis lüften würden.

Doch man lässt sie nicht. Man – das sind die anderen. Die sich gegen sie verschworen haben.

Sie sind sich sicher: Die NASA ist gar nicht auf dem Mond gelandet. Elvis Presley erfreut sich bester Gesundheit – und: Das Bernsteinzimmer – es existiert.

"Du hast ja was an der Waffel" 

(Kuschel) "Karten! Pläne!"

Das ist Thomas Kuschel.

(Kuschel) "Ich zeig Ihnen erst mal hier... (Klacken von Aktenordner) Das sind Widerstandsmessungen."

Kuschel ist quasi der Godfather der Truppe um den Nobitzer Bürgermeister: 2012 veröffentlichte der pensionierte Filmemacher sein Buch über "Das letzte Kapitel im Leinawald". Darin heißt es auf Seite 11 so simpel wie apodiktisch: "Dort liegt es", das Bernsteinzimmer.

(Kuschel) "Da hab ich eins und eins zusammen gezählt und gesagt: Das isses."

Wenn Kuschel nicht gerade in der Thüringer Provinz Eins und Eins zusammenzählt, lebt er in Berlin-Spandau in einem 80er-Jahre-Hochhaus mit endlosen Gängen und Klingelschildern. Da sollte er lieber auch mal bleiben, finden nicht wenige im Altenburger Land, die sich darüber aufregen, dass da jemand – noch dazu aus dem fernen Berlin - so dick aufträgt.

(Kuschel) "Die einem den Vogel zeigen. Die sagen: Du hast ja irgendwas an der Waffel."

Kuschel kratzt das nicht. Alles nur Neider. Genüsslich knabbert er in seinem geräumigen Wohnzimmer, das von einem Faible für gute Literatur und ausgeprägten Ordnungssinn kündet, an einem Keks – ehe er routiniert die "Fakten" herunterrattert, wie er das nennt.

Die alte Postkarte von 1918, auf der der Leinawald zu sehen ist: Da hat jemand nachträglich ein Kreuz eingezeichnet. Hat natürlich was mit dem Bernsteinzimmer zu tun. Genau wie der ominöse Funkspruch 1945, es sei "vollbracht". Alles "Fakten". Knapp unterhalb der "Fakten" rangieren die "Indizien": Die Nazis haben zu Kriegsende nationale Kulturgüter wie die Hohenzollernkrone und Raubkunst nach Thüringen schaffen lassen?! Dann wird darunter natürlich auch das Bernsteinzimmer gewesen sein.

(Kuschel) "Sie vermuten völlig richtig. Ich war grad ein Jahr nicht mehr berufstätig. Und dachte: Du musst doch irgendetwas tun, damitte nich auffem Sofa versauerst. Es war mir wichtig, nach meiner Berufstätigkeit etwas zu haben, an dem ich mich festhalten kann. Wo ich etwas tun kann. Es war eben dieses Bernsteinzimmer-Rätsel zu entschlüsseln. Als neugieriger Mensch kann man einfach nicht aufhören, sich um die Dinge zu kümmern, die um einen herum passieren. Ich bin nicht herauszukriegen aus dieser Gesellschaft."

Der westlich-kapitalistischen. Kuschel kommt aus der DDR. Nach der Wende hat er weiter Filme gedreht – halt nur nicht mehr für die DEFA, dem legendären DDR-Filmstudio, sondern eine Nummer kleiner, für den MDR. Irgendwann war auch damit Schluss – altersbedingt. Was bleibt, ist die Erinnerung.

"Wir haben in der Filmhochschule Babelsberg in unserer Seminargruppe acht Studenten gehabt. Sieben davon sind zum Spielfilmstudium gegangen. Und einer davon ist zum Dokumentarfilm gegangen. Und das war ich. Ich hatte keine Lust, mein Leben lang in einem wenn auch spannenden Beruf im Spielfilm-Atelier zu sitzen. Ich wollte raus. Und ich habe in einem 1100 Meter tiefen Schacht im Salzbergwerk bei Sondershausen gearbeitet. Ich habe auf dem Segelschiff Wilhelm Pieck gearbeitet. Ich bin mit einem Hubschrauber über das Erzgebirge geflogen. War auf einem 180 Meter hohen Schornstein, mit der Schornsteinbauer-Brigade. Und jeder Film hat mich natürlich in eine neue Situation gebracht. Und jedes Mal musste ich rauskriegen: Warum ist das so?"

Kuschel seufzt. In der letzten Zeit ist nicht viel passiert in Punkto Bernsteinzimmer-Suche. Doch das soll sich ändern. Möglichst bald. Nur zu Hause rumsitzen und seiner Frau dabei zu sehen, wie sie die Spatzen auf dem Balkon füttert: Das kann es doch nicht gewesen sein. Mit Läbe, dem Bürgermeister, hat er schon telefoniert. Noch ein paar Kontrollmessungen – und dann könnten sie wieder bohren, im Frühjahr, wenn das Wetter besser ist. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Nicht auszudenken, wenn sie tatsächlich auf den sagenhaften Bunker stießen – irgendwo in den Tiefen des Leinawalds. Und er, Thomas Kuschel, in die Annalen der Geschichtsbücher einginge als: Entdecker des Bernsteinzimmers.

(Kuschel) "Es würde ein historischer Erfolg. Wo dann der Kuschel kommt und sagt, was er da gemacht hat. Dass man diese Dinge dann auch deutlich macht, erklärt, ausstellt."

Das Geheimdepot im Wald 

(Ulbrich) "Dass im Poppen-Wald am Ende des Zweiten Weltkriegs was versteckt wurde – in einem Geheimdepot: Darüber sind sich eigentlich alle Forscher, die sich mit der Materie befassen, einig."

Das ist Herr Ulbrich. Wenn man so will, ist der kräftige Typ mit den munteren Augen ein Süchtiger. Mario Ulbrich ist süchtig nach den verrückten Geschichten und Typen, die die Suche nach dem Bernsteinzimmer hervorgebracht hat. Kuschel, Läbe, Haustein: Er kennt sie alle.

Ulbrich holt tief Luft, ehe er mit seinen Wanderschuhen das Laub des Poppen-Waldes durchpflügt. Er kann sich noch genau erinnern: Wie sein Chef von der Lokalredaktion im erzgebirgischen Aue um die Jahrhundertwende eines Tages meinte, er solle da mal nach Bad Schlema fahren, zu irgendeinem Hobbyforscher. Der suche nach dem Bernsteinzimmer. Und er nur so: Muss das sein?! Es musste. Der Rest ist Geschichte: Das Treffen entpuppte sich spannender als gedacht. Mit der Zeit wurde Ulbrich zum Chronisten der Schatzsucher, tauchte ein in eine Welt voller verborgener Freimaurer-Tempel, unterirdischer Anlagen und unentdeckter Depots.

(Ulbrich) "Wir stehen also jetzt an der Stelle, wo möglicherweise unten drunter ein alter Stollen lang geht. Das Ministerium für Staatssicherheit hat hier ernsthaft gesucht. Die haben auch ganz konkret das Bernsteinzimmer gesucht. Das war die berühmte Truppe um den Paul Encke. Sensationell! Damals hatten sie einen Schweizer Schreit-Bagger. Er hat unheimliche viele Devisen gekostet. Und als sie den Stollen öffnen, finden sie dort Schienen, die relativ neu waren. Aus Kruppstahl. Und anhand der Einstanzungen...das waren die 40er-Jahre. Das waren also Schienen für Loren aus den 40er-Jahren. Und wenn das Ding vor 1900 zugemacht worden ist: Wo kommen dann die Schienen her?"

Lauter Fragen, auf die Ulbrich bislang keine Antwort gefunden hat.

(Ulbrich) "Gerade hier unsere Region - West-Erzgebirge - hat noch eine Besonderheit dazu. Und das ist diese Zeit der unbesetzten Zone."

Ende des Zweiten Weltkrieges, als sowohl die Amis als auch die Sowjets die Gegend links liegen ließen. Wer etwas vor den anrückenden Alliierten verstecken wollte: Für ein paar Wochen war er in der Gegend um Schwarzenberg richtig aufgehoben.

(Ulbrich) "So nen bisschen verklärt dargestellt als Freie Republik Schwarzenberg. Es ist ne Roman-Geschichte von Stefan Heym. Diese Freie Republik als solche hat's nie gegeben. Aber diese unbesetzte Zone – die hat's gegeben. Das war hier wirklich Wild-Ost in dieser Zeit."

Wild-Ost – das gilt auch für die Zeit kurz nach der Wende. Ulbrich kennt auch da Geschichten. Vom Bundesnachrichtendienst etwa. Im Frühling 1991 tauchten plötzlich schwarze Limousinen mit Bonner Kennzeichen auf, aus denen schwarz gekleidete Schlapphüte ausstiegen, um am Osterlammstollen bohren zu lassen.  Wonach? Nach dem Bernsteinzimmer? Ulbrich schüttelt den Kopf. Wenig plausibel. Er hält es für wahrscheinlicher, dass der BND nach etwas ganz anderem suchte: Nach Akten des DDR-Auslandsspionagedienstes. Die sollten angeblich in einen Bergwerksschacht gekippt worden sein. Fündig wurde der BND nie. Als Mythos aber geistert die Geschichte bis heute durch die Wälder des westlichen Erzgebirges. Kein Wunder: Schließlich bietet die BND-Geschichte so ziemlich alles, was ein Schatzsucher-Herz höher schlagen lässt. Je verschwörerischer, desto besser. Leute wie Läbe oder Haustein lieben das.

(Ulbrich) "Sie glauben an ihre Geschichte. Sie recherchieren. Sie fabeln sich nicht was zusammen und sagen: Und jetzt ist das so! Sondern sie suchen nach geschichtlichen Indizien. Und die finden sie dann. Wo irgendwo was über nen Zugtransport drin steht; wo man sagt: Hoh! Was hatte dieser Zug geladen? Also die Leute haben diese Indizien. Der kritische Punkt ist dann vielleicht, wie sie's zusammen puzzeln. Jeder setzt das Puzzle auf seine Art und Weise zusammen. Um dann seine Theorie zu beweisen. Man ist von diesem Mythos gefangen."

(Eckardt) "Der Poppen-Wald?! Der Poppen-Wald ist ganz heiß."

Sekundiert Günter Eckardt, seines Zeichens: Puzzle-Spieler und eine der Hauptquellen von Mario Ulbrich.

(Eckardt) "Ganz kurz zu meiner Geschichte, zu meinem Lebenslauf: Ich war Offizier der NVA. Kultur-Offizier."

Der Nationalen Volksarmee. Als solcher hat er sich schon zu DDR-Zeiten mit dem verschwundenen Bernsteinzimmer beschäftigt. Mit der Zeit ist daraus ein Puzzle entstanden, bei dem nur noch einer den Überblick behalten hat: Meister Eckardt selbst.

(Eckardt) "Ich hab da mehrere Sachen. Es geht darum, dass man 1945 im Frühjahr Hochtechnologie des Dritten Reiches hierher verlegt hat. Blaupausen; Waffen; Prototypen. Hat man hiergebracht. Alles unter dem Deckmantel Bernsteinzimmer. Es geht nicht ums Bernsteinzimmer. Es geht um andere Sachverhalte."

Atomare Kriegsforschung zu Nazizeiten, Menschenversuche: Was Historiker bestenfalls „für nicht ausgeschlossen" halten: In Eckardts verwinkeltem Fachwerkhaus ist daraus längst Gewissheit geworden – trotz fehlender Dokumente. Draußen sorgt Dauerregen dafür, dass im Garten Eckardts Kaninchen nasse Füße bekommt. Drinnen, in der guten Stube, runzelt der Hausherr die Stirn. Was heißt schon fehlende Dokumente?! Die hätten Ende des Zweiten Weltkrieges die Nazis vernichtet. Doch ganz logisch. Bei Eckardt fügt sich eines zum anderen – auch beim Bernsteinzimmer.

(Eckardt) "Die Stasi hat ja gesucht – im Auftrag des großen Bruders. Sie haben auch Kunstschätze entdeckt. Das hat man dann weiterverkauft über die Koko. Schalk-Golodkowski. Man hat die Sachen denn schon verkauft. Man hat nicht alles gefunden. Die Kunstschätze, die hier noch liegen, das Zeug liegt hier noch rum."

Es könnte alles so einfach sein. Eckardt ist schon seit ein paar Jahren Rentner. Sprich: Er hat Zeit; viel Zeit. Er könnte jetzt richtig loslegen. Theoretisch. Praktisch aber werfen ihm alle nur Steine in den Weg.

(Eckardt) "Ich hab auch Probleme mit dem Landesamt für Archäologie. Landesamt für Denkmalpflege. Man wird hin und her geschickt. Ich darf eigentlich nicht richtig graben. Da, wo ich graben will. Ich möchte im Poppen-Wald graben. Und ich möchte noch etwas: Ich möchte hier Informationen, die ich habe, von Massengräbern, von KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen, Ost-Arbeitern, Fremd-Arbeitern...möchte ich hier der Suche nachgehen. Hier sind höchstwahrscheinlich mehr Sachen gelaufen als bisher bekannt is."

Da mag etwas dran sein. Als bewiesen gilt, dass mehr als hundert verstorbene KZ-Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene in einer Erd-Grube des Osterlammstollens verscharrt wurden. Heute erinnert ein Mahnmal an ihr Schicksal. Gut möglich, dass es mehr waren.

(Eckardt) "Keiner geht ran, an dieser Wiese. Nennt sich Möckel-Wiese. Wird verschleiert. Geheimgehalten. Und wer das Tabu bricht, der wird hingestellt als Verschwörungs-Theoretiker oder Märchenerzähler."

Regt sich Eckardt auf, nur um hinzuzufügen, letztens erst hätte ihn wieder jemand in Bad Schlema als "Nestbeschmutzer beschimpft". Weil: Sein ganzes Gerede über irgendwelche Massengräber irgendwelcher KZ-Häftlinge sei Gift für das Image der Kurstadt. Können sie in Bad Schlema nicht gebrauchen. Einen Rechtsausleger wie Thilo Sarrazin schon. Dem bieten sie im Kulturhaus „Aktivist" eine Bühne für sein neustes Buch. Eckardt fuchtelt mit den Armen. Das soll ihm jetzt einer mal erklären. So jemanden lassen die Stadtoberen gewähren und ihn stellen sie kalt.

(Eckardt) "Hören Se auf! Alle Versuche, die ich unternommen habe seit 1990, ne Anstellung zu finden im öffentlichen Dienst als diplomierter Kulturwissenschaftler, sind fehlgeschlagen. Weil im Land Sachsen ist gewollt, dass bestimmte Berufsgruppen keine Arbeit erhalten. Ich hatte 25 Jahre Berufsverbot. Systemnah. Ich war Offizier der NVA. Ich war Kultur-Offizier. Und das gibt es nicht. Das darf es nicht geben. Das ist traurig. Ich hab's überwunden. Ich hab mich selber weitergebildet, um nicht zu verzweifeln, als Maler: Malermeister, Restaurator, Gestalter im Handwerk. Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Nicht unterkriegen lassen."

Der Zorn des Meeresgottes 

Zehn Tonnen purer Bernstein, ein Stein funkelnder als der andere. Die Pracht des Bernsteinzimmers im Katharinen-Palast war legendär.

Angefertigt wurde es an der Ostsee, in Danzig und Königsberg. Die beiden ostpreußischen Städte galten von jeher als Hochburgen der Bernstein-Produktion. Hier irgendwo muss auch der Legende nach die Nymphe Jorate ihr trauriges Dasein fristen.

Jorate lebte in den Tiefen der Ostsee, in einem Palast aus Bernstein. Sie liebte einen Fischer. Da zürnte der Meeresgott. Er zerstörte den Palast und kettete die Nymphe an dessen Ruinen. Noch heute soll man am Ostseestrand die bitteren Tränen der Jorate finden – in Form von Bernstein.

"So. Hier mal Licht anmachen."

Das ist Ursel Steinberg.

"Ja: Wo? Wo ist jetzt meine Kindheit? Hier! Hier geht's schon los."

Mit ihren Kindheit-Fotos. Sind nicht mehr viele. Die meisten gingen auf der Flucht von Danzig nach Rügen verloren. Ein paar aber hat die Frau, der man ihre Anfang 80 nicht ansieht, retten können. Ursel Steinberg strahlt. Sachte streicht sie über ein Schwarz-Weiß-Foto: Sie und ihr Vater.

(Steinberg) "Mit der Pfeife. Pfeife und nen Buch in der Hand. Also Bücher waren immer."

Kunst und Kultur – dafür interessierte sich Ursel Steinbergs Vater Hermann Zeit seines Lebens. So kam es auch, dass Hermann Thomat im Winter 1944/45 dazu verdonnert wurde, für die Nazis Kunstschätze und Wertsachen vor der anrückenden Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Wochenlang war er unterwegs, in irgendwelchen ostpreußischen Käffern und in Königsberg, der Hauptstadt Ostpreußens. Hier wurden die meisten Sachen verladen, Richtung Westen. Alles streng geheim. Eigentlich.

(Steinberg) "Ich sollte ja nicht alles hören. Aber: Meine Ohren waren lang. Ich konnte immer schon mitkriegen, was er meiner Mutter so erzählt hat. Hat er gesagt: Wenn der Krieg zu Ende is: Dann zeig ich dir das. Du wirst staunen. Das weiß ich auch: Dass er da auch vom Bernsteinzimmer, von Königsberg, gesprochen hat. Das weiß ich ganz genau."

Ursel Steinberg hält inne. Drüben, im Wohnzimmer mit der Schrankwand und den selbstgemalten Aquarellen, hat sie noch Zeitschriften-Ausschnitte über das „achte Weltwunder". Langsam geht sie zur Tür. Die Knie wollen nicht mehr so. Da oben aber, meint sie, und tippt sich an die Stirn – laufe alles noch prima. Ihr Gedächtnis trügt sie nicht. Gleich kistenweise, habe der Vater berichtet, hätten sie damals  Kunstschätze aus Königsberg herausgeschafft – darunter auch das Bernsteinzimmer.

(Steinberg) "Nach 45, als wir in Binz waren, haben die Russen meine Mutter gefunden. Und die haben gesagt, sie sollte verraten, wo Hermann Thomat steckt. Den brauchen se. Wegen des Bernsteinzimmers."

Ursel Steinberg muss kurz schlucken. Rügen, ihre zweite Heimat nach der Vertreibung, hat ihr Vater nie zu Gesicht bekommen. Wie so viele seiner Generation wurde er zum Spielball zweier Diktaturen.

(Steinberg) "Mein Vater war Antifaschist. Er war Journalist, erst an der „Deutschen Volksstimme". Ich hab meinen Vater im Gefängnis besuchen müssen. Und ich habe erleben müssen, wie die Gestapo gekommen is. Und in unserer Wohnung alle Bilder von der Wand genommen haben, um zu gucken, ob was dahinter is. Und auf die Erde geschmissen. Und das Glas kaputt. Da stand Tag und Nacht die Gestapo vor der Tür. Und dann die Ungerechtigkeit: Dann kommen die Russen und nehmen ihn mit von zu Hause. Haben ihn verhungern lassen."

Im Juni 1945 stirbt Hermann Thomat. Seine Tochter ist damals zwölf. Zusammen mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester lebt sie versteckt bei einer befreundeten polnischen Familie, die ihnen Unterschlupf gewährt. Eigentlich müssten sie schon längst weg sein: Die Polen haben jetzt in der alten Hansestadt das Sagen. Das Danzig ihrer Kindheit – es existiert nicht mehr.

(Steinberg) "Ich hab ja neben Günter Grass gewohnt, näh?! (lacht) Man konnte vor ihm immer son bisschen Angst haben. Er war son dunkler Typ. So nen bisschen exotisch sah er aus. Und war ja auch viel größer als ich. Na ja. Der hat uns auch immer kommandiert. Wir hatten so richtig Achtung vor dem."

Bis zum Herbst 1939 sei ihre Kindheit eigentlich ganz OK gewesen, erinnert sich Ursel Steinberg an diesem trüben Novembertag, an dem die Nebelschwaden der nahen Ostsee zu ihrem Haus wabern. Am 1. September 1939 aber gerät ihre Welt aus den Fugen: Die Nazis überfallen Polen, das bis dahin eigenständige Danzig wird wieder deutsch.

(Steinberg) "Es gab natürlich auch Polen, die gewohnt haben in unserem Haus. Es waren 18 Familien, drei Eingänge, son Eckhaus. Und da war eine polnische Familie: So zwei Jungs: Stephan und Günter. Mit denen ich auch gespielt habe. Die wurden dann am 1. September gleich alle abtransportiert. Die wurden dann rausgeholt: Männer extra, Frauen extra, Kinder extra. Hunde. Die die Menschen dann noch ansprangen."

Abtransportiert wird auch Ursel Steinberg, später, im November 1945. Wohin es geht, erfährt sie erst auf dem Schiff: Rügen. Zumindest wieder die Ostsee: Der Mutter reicht das schon.

Je älter sie werde, sinniert Ursel Steinberg, desto häufiger würden die alten Geschichten hochkommen. Manchmal träumt sie wieder von ihrem Vater.

(Steinberg) "Er war eigentlich enttäuscht, dass ich nen Mädchen wurde. Der wollte eigentlich, dass ich ein Junge werde und Kapitän. Das Fernweh hab ich, ja! Für mich gibt's nichts Schöneres, als vorne am Bug zu stehen. Und dann: Hinten nen Punkt am Horizont und dann kommt man ran, dann werden's Berge, dann werden's Dörfer. Und dann stehen die Menschen und winken freundlich. Das ist Wahnsinn, mit dem Schiff zu fahren. Das Schlimmste war – während der DDR-Zeit  -, wenn ich hier am Wasser stand und die Fähre nach Schweden fuhren und ich durfte nicht mit."

Die Zeiten sind vorbei. Die Grenzen sind offen – auf dem Wasser und dem Land. Seit der Wende war sie mehrere Male in Danzig, ihrer alten Heimat.

(Steinberg) "Ich bin jetzt im September mit meinem Lebensgefährten dort gewesen. Ich kann noch genau sagen: Ordne dich links ein! Die Straßenanlagen – das ist alles geblieben. Wie soll ich das sagen. Es ist mir jetzt so bewusst geworden, was man hat aufgeben müssen. Alles ist noch da wie vor 70 Jahren. Und ich dachte immer, ich geh an der Hand meines Vaters spazieren."

Der Indiana Jones von Wuppertal 

(Kleine) "Kommen Se mit, ich zeig Ihnen was."

Das ist Karl-Heinz Kleine.

(Kleine) "Wir sind ein...hui, ja?! Was sind wir eigentlich? Ne zusammengewürfelte Interessen-Gemeinschaft. Zur Suche des Bernsteinzimmers. Ich mache nur hier so den Vorsprecher, wenn wa so wollen, weil das eigentlich auf meinem Mist gewachsen war."

Das mit der Schatzsuche. Im Bergischen.

(Kleine) "Bei uns isses (lacht)...na ja, wie sagt man: Der Forschergeist. Wir wollen hier keen Konzern draus machen."

Herr Kleine ist eher der selbstlose Typ.

(Kleine) "Siehste was? Hast du ne Lampe? Gucke mal rein! Könnte a Gang sein? Siehst du was?

(Mitstreiter) Näh! Geht nicht tief runter.

(K) Geht nicht tief?! Gut."

Kann schon mal passieren. Doch durch so etwas lässt sich der Indiana Jones Wuppertals nicht entmutigen. Der Mann, dessen sächsische Idiom seine Herkunft verrät, breitet die Hände aus: Irgendwo unterhalb des alten Fabrikgeländes muss es versteckt sein – das Bernsteinzimmer. Luftlinie keinen halben Kilometer entfernt von der Wuppertaler Schwebebahn. Mehr Infos gibt es nicht. Kleine schüttelt den Kopf. Das ging letztens schon in die Hose, als der WDR kundtat: Leute, der Kleine hat möglicherweise den Eingang zum Bernsteinzimmer gefunden.

(Kleine) "Sind dann Leute in Bataillon-Stärke angerückt und wollten unbedingt die Bunker öffnen."

So etwas passiert ihm nicht noch einmal. Hat sich Kleine geschworen. Will ja keinen Ärger haben. Die Stadt Wuppertal war reichlich bedient. Kleine auch. Deshalb: Höchste Verschwiegenheit.

(Kleine) "Da! Sie sehen: Das is ne Riesen-Anlage. Ob Sie jetzt zum Stadt-Archiv, zum Geheimen Militär-Archiv...Sie können machen, was Sie wollen: Für DIE Firma kriegen se keine Auskunft. Da gehen bei mir sämtliche Alarmglocken an. Da sag ich mir: Was is denn hier los?"

Los war hier eine ganze Menge. In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden auf dem alten Trümmergrundstück Küchengeräte hergestellt, in der Nazizeit von Zwangsarbeitern sogenannte Blitzlichtbomben. Es gibt Dokumente, die das belegen. Dann wird es schon kniffeliger. Bunker?! Wird es höchstwahrscheinlich gegeben haben. Und ganz vielleicht sogar DEN Bunker, in dem ein Ganove namens Erich Koch das Bernsteinzimmer versteckt haben könnte.

(Kleine) "NS-Gauleiter Erich Koch. Von Ostpreußen. Der hier in Wuppertal geboren wurde; aufgewachsen is. Er war der Initiator des Diebstahls aus Leningrad. Und das Bernsteinzimmer ist in Königsberg damals eingelagert worden. Das ist amtlich, da kann man nicht dran rühren. Der Mann war reicher als Göring...kann ich mir nicht vorstellen, dass der das irgendwo hat hinschaffen lassen, wo er nicht ran kam."

Ergo: Bleibt nur Wuppertal.

(Kleine) "Hier kannte er sich aus, hier ist er groß geworden, hier kannte er die Katakomben. Wir haben hier in Wuppertal 170 Stollen und Bunker. Das müssen se sisch mal auf de Zunge zergehen lassen. So! Und davon kannte er sicher nen Teil. Ich gehe davon aus, dass der hier Ansprechpartner hatte. Und jetzt sind wir wieder hier, wo wir stehen: Der Besitzer dieser Fabrik-Anlage – der is in den 20er Jahren mit dem Koch durchs Bergische Land und hat Werbung für die NSDAP gemacht."

Wo Außenstehende reichlich viele Eventualitäten sehen, sieht Kleine eine "erdrückende Indizien-Kette." So schnell gibt sich jemand wie er nicht geschlagen. Hat ja auch schon ganz andere Dinger gedreht. 1986 verließ er die DDR. Über Dänemark gelangte er nach Wuppertal.

(Kleine) "Ich weiß nur, dass sich damals der ehemalige Ministerpräsident Strauß drum bemüht hatte."

Mysteriös. Genau wie die Sache mit dem Bernsteinzimmer. Jahrelang sucht er jetzt schon, investiert Zeit und Geld. Gefunden aber hat er:

(Kleine) "Nichts. Nichts. Null. Null. Null."

Kleine stapft über das alte Fabrikgelände. In ein paar Wochen sollen die Abrissbagger anrollen, nächstes Jahr die Bauarbeiten für eine Neubausiedlung beginnen. Bis es soweit ist, will er endlich fündig werden.

(Kleine) "Sicher is es frustrierend, wie jetzt hier im letzten Bunker, wo wir drin waren. Der Raum is vollkommen unbedeutend. Hatten wa uns auch mehr erwartet."

Einerseits. Andererseits.

(Kleine) "Wer sich mit so was beschäftigt – auf der Erde oder im Wasser – und glaubt, das kann er in 14 Tagen erledigen, der is total fehl am Platz. Das dauert Jahre. Kostet viel Geld und dauert Jahre."

Wohl wahr. Und so wird das Bernsteinzimmer wohl fürs erste das bleiben, was es schon die letzten gut sieben Jahrzehnte gewesen ist: Ein schöner Mythos.

Mehr zum Thema:

Dieser Stein ist pure Sonne
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 30.1.2011)

Das neue Deutschland im Dorf
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 26.11.2009)

Graben nach dem Mythos
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 27.6.2005)

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