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Konzert / Archiv | Beitrag vom 10.11.2012

"Schatzgräber" aus Amsterdam

Schreker in der Nederlandse Opera

Opernhaus in Amsterdam (Stadhuis-Muziektheater) (picture alliance / dpa - Thomas Muncke)
Opernhaus in Amsterdam (Stadhuis-Muziektheater) (picture alliance / dpa - Thomas Muncke)

In der von Albert Lortzing herrührenden Traditionslinie und im Zuge der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelnden Gesamtkunstwerkidee Franz Schreker verfasste Franz Schreker als Komponist die Libretti selbst. Seine Oper "Der Schatzgräber" wurde durch einen Urlaubsaufenthalt in Siebenbürgen angeregt. Dennoch spielt ihre Handlung im kerndeutschen Mittelalter – halb auf märchenhaften Höhen, halb in den Untiefen von teils tödlich verlaufenden Sexualkonflikten.

Eine Königin kränkelt, weil ihr Schmuck verschwand, der dauerhafte gute Stimmung, Schönheit und Fruchtbarkeit verheißt. Da der alternde König die Gattin bei Laune und endlich zwecks Thronfolge schwanger wissen will, setzt er (auf den Rat seines Narren hin) den fahrenden Sänger Elis als Sonderermittler ein, dessen Wunderlaute verborgene Schätze aufzuspüren vermag. Auf der Suche nach dem ominösen Geschmeide wird der Künstler in die teils mörderischen Intrigen des Wirtstöchterchens Els ver- und von dieser eingewickelt.

Der alternde König holt sich Rat bei seinem Hofnarren. Er scheint der einzige, der dem hohen Herrn noch zu helfen weiß in der akuten Ehekrise, die sich zur Staatskrise auszuweiten droht, weil das Volk schon witzelt und lacht. Madame blieb bislang ohne Nachkommen und schwächelt auffällig. Mit seinem Treiben und Treideln, Sehnen und Schäumen entwickelt das Netherlands Philharmonic Orchestra den tonalen Sog zu einer wohl immer wieder und recht häufig aktuellen Geschichte. Die wurde vom Dichterkomponisten Franz Schreker (1878–1934) in legendäre Zeiten projiziert und zugleich mit kräftigem Aroma des Wiener fin de siècle auf den Weg geschickt.

Das Geschmeide mit seinen wundersamen Nebenwirkungen, dessen Verlust die Königin depressiv, hässlich und bezüglich der Vorbereitungen für die dynastische Hauptaufgabe lustlos werden lässt, erweist sich als tiefgründiges Symbol. Schreker sorgte dafür, dass es hochrangig traditionsgenährt erscheint.

Marc Albrecht lässt mit energischer Zeichengebung das spättonale Gold funkeln und reiztönige Dissonanzen glitzern, ermöglicht insgesamt einen dynamischen Fluss und ein in den Klangfarbnuancen weit aufgefächertes Triebleben der Orchesterklänge. Das umspült und trägt das Sängerensemble, aus dem Graham Clark als Narr mit scharf gestochener Diktion und Anflügen von britischem Darstellerhumor hervorsticht.

"Der Schatzgräber", zutreffender Schatzsucher oder Wünschelrutengänger genannt, steht in Tradition der besonders in Wien lange verbreiteten, gerne zu Zerstreuung und Ruhigstellung der Untertanen gegebenen Zauberpossen, von denen heute fast nur noch Emanuel Schikaneders Singspiel "Die Zauberflöte" geläufig ist. Bei Schreker ist es keine Spezialflöte, die den Weg zum Glück herbeipfeift, sondern eine Laute, die verborgene Kostbarkeiten zu orten versteht.

Es bedarf keines Studiums der Psychologie, um zu ahnen, dass die in Edelmetall gefassten Steine nur Schlüssel zu den "eigentlichen" Preziosen sind, nach denen Franz Schrekers Oper aus der Zeit des ersten Weltkriegs und der ersten Nachkriegsdepression schürfte. Die wahren "Schätze" – und hier berührt sich eine moderne Sichtweise mit mittelalterlicher Selbstverständlichkeit – liegen im Bereich der menschlichen Eigenschaften (und speziell weiblichen). Das Diadem sollte der Gattin des Herrschers als Aphrodisiakum dienen und sie für das Staatsoberhaupt fortdauernd attraktiv machen.

Doch mit diesem Glück ist es vorerst vorbei. Das teure Teil ist spurlos verschwunden. Es taucht fernab des Hofes bei Els auf, einer Schönheit vom Lande. Die hat eine schwere Jugend verlebt. Die Filmeinblendung zur Amsterdamer "Schatzgräber"-Inszenierung legen nahe, dass sie missbraucht wurde und dies ihr späteres Verhalten gegenüber den vom Stiefvater für sie ins Spiel gebrachten Bewerbern bestimmte. Sie lässt die ihr zugedachten Männer allemal aus dem Verkehr ziehen.
(nach Frieder Reininghaus, Wünschelrutengänger in Amsterdam: Franz Schrekers selten gespielte Oper Der Schatzgräber an der Nederlandse Opera, in www.nmz.de/online)



De Nederlandse Opera Amsterdam
Aufzeichnung vom 15.09.2012

Franz Schreker
"Der Schatzgräber"
Oper in einem Vorspiel, vier Aufzügen und einem Nachspiel
Libretto: Franz Schreker

Els - Manuela Uhl, Sopran
Der König - Tijl Faveyts, Hoher Bass
Die Königin - Basja Chanowski, Stumme Rolle
Der Kanzler - Alasdair Elliot, Tenor
Der Graf - André Morsch, Bariton
Der Magister - Kurt Gysen, Bass
Der Narr - Graham Clark, Tenor
Der Vogt - Kay Stiefermann, Bariton
Der Junker - Mattijs van de Woerd, Bariton
Elis, ein Minnesänger - Raymond Very, Tenor
Der Wirt - Andrew Greenan, Bass
Chor und Orchester der Nederlandse Opera
Leitung: Marc Albrecht

nach dem 2. Aufzug ca. 20:20 Uhr Pause mit Nachrichten

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