Schattenseiten Kaliforniens

14.09.2009
Es gibt ihn, den amerikanischen Traum. Einer, der ihn realisierte, heißt James Frey, Jahrgang 1969. Sein Kunststudium versank in Alkohol und Drogen. Nach einem Entzug verließ er 1993 die Universität und schlug sich mit Gelegenheitsjobs als Türsteher, Hilfskellner oder Skateboardverkäufer durch.
1996 fand Frey Arbeit als Drehbuchautor, und die Idee entstand, einen Roman zu schreiben. Das Buch finanzierte er mit Hilfe zweier Hypotheken auf das marode Holzhaus, in dem er mit Frau und Tochter lebte. 2003 erschien "A Million Little Pieces" ("Tausend kleine Scherben", 2004), verkaufte sich 4,5 Millionen Mal in den USA und stand 44 Wochen auf der Bestsellerliste. Nun ist James Freys neuer Roman erschienen: "Strahlend schöner Morgen".

"Strahlend schöner Morgen" ist ein Roman über die Stadt Los Angeles: weiße Strände, blauer Pazifik, Hollywood, aber hinter den Kulissen Gewalt, Armut und Obdachlosigkeit. "Strahlend schöner Morgen" ist ein Gesellschaftsroman mit vier Handlungssträngen, die sich nie berühren, angereichert mit selbstständigen Ministorys plus Bergen von Fakten zu Los Angeles – ein phänomenal abwechslungsreiches Buch.

Der Roman beginnt mit der Liebesgeschichte eines jungen Pärchens, das der elterlichen Gewalt entflieht und nach Los Angeles durchbrennt. In einem anderen Erzählstrang lernt der Leser Joe kennen, einen obdachlosen Alkoholiker mit Stil, der in einer Toilette am Touristenstrand Venice Beach lebt. Dann gibt´s da noch die pummelige Esperanza, eine junge Frau mexikanischer Herkunft, die amerikanische Staatsbürgerin ist, weil die Fruchtblase ihrer Mutter platzte, als diese vom Grenzzaun auf US-Boden plumpste. Im vierten Plot wird ein Hollywoodstar präsentiert, der insgeheim schwul ist und mit Brutalität, Macht und Geld Männer zum Sex zwingt. Die "FAZ" nannte den Roman "einen scharf gewürzten Eintopf". Das stimmt.

"Strahlend schöner Morgen" ist ein Page-Turner. Die Handlung entwickelt einen mörderischen Sog und liest sich wie ein Roman von T.C. Boyle: meisterlich die Balance haltend zwischen griechischer Tragödie, Slapstick und Kitsch, der so wahr ist wie das Leben. Ein uramerikanischer Roman, der mit Genres und Stilmitteln spielt, in der "FAZ" treffend als "unverschämt lässig" charakterisiert.

Der britische Schriftsteller Irvine Welsh nannte "Strahlend schöner Morgen" "einen einzigen Triumph", Frey sei einer der wichtigsten Romanciers der letzten Jahre. Sein erstes Buch hatte "A Million Little Pieces" James Frey als Roman verfasst. Kein Buchverlag wollte ihn publizieren, die Hauptthemen waren Drogen und Alkohol. Daraufhin bot Frey das Manuskript als Autobiografie an. Es wurde sofort veröffentlicht und 4,5 Millionen Mal verkauft. Dann begann man in Freys Biografie zu wühlen und stellte fest, dass Details der vermeintlichen Autobiografie nicht stimmten: Man warf ihm indirekt vor, einen Roman geschrieben zu haben. Der amerikanische Buchmarkt reagierte irritiert und zum Teil pikiert. In der deutschen Ausgabe 2004 beim Goldmann Verlag fehlte die Gattungsbezeichnung Roman oder Autobiografie. Der Roman fand keine Feuilleton-Schublade und fiel durch den Rost.

Nun feiert James Frey in den USA ein triumphales Comeback, und die deutsche Literaturszene entdeckt ihn endlich. Für den Leser ist "Strahlend schöner Morgen" ein atemberaubend tragikomisches Fest und der kalifornische Roman schlechthin. Grandios!

Besprochen von Lutz Bunk

James Frey: Strahlend schöner Morgen
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Henning Ahrens
Ullstein Verlag, Berlin 2009
590 Seiten, 22,90 Euro