Seit 16:05 Uhr Echtzeit

Samstag, 17.11.2018
 
Seit 16:05 Uhr Echtzeit

Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 13.06.2006

Scharfe Kritik an afrikanischen Führungseliten

Nigerianischer Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka erhält den Weilheimer Literaturpreis

Moderation: Jürgen König

Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka (AP)
Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka (AP)

Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka gibt den afrikanischen Regierungen die Schuld an Flüchtlingsströmen, Bürgerkriegen und Dürrekatastrophen. Die Europäer sollten aufhören, verantwortungslose Politiker in Afrika zu unterstützen und stattdessen denen das Geld geben, die damit umsichtig umgingen. Soyinka erhält am 13. Juni den Weilheimer Literaturpreis, den eine Jury aus Schülern vergibt.

König: Wole Soyinka, herzlichen Glückwunsch zum Weilheimer Literaturpreis. Von jungen Menschen wurde Ihnen dieser Preis zuerkannt. Was bedeutet Ihnen dieser Preis? Sie, der Sie schon den Nobelpreis für Literatur bekommen haben dazu Auszeichnungen, Ehrendoktorwürden aus ganz vielen Ländern.

Soyinka: Ich glaube, das ist eine Art Rückkehr zu meinem ursprünglichen Interesse, das ich immer für die Belange der Jugend hatte. Ich habe immer gerne mich mit Jugendlichen auseinander gesetzt, mit ihnen gesprochen. Wissen Sie, wenn man sonst so Literaturpreise bekommt, dann kommt das meistens von sehr erlauchten Gremien – von Universitäten, Menschenrechtszirkeln und ähnlichen Gremien. Hier ist es wirklich eine Anerkennung für das echte Interesse, das ich an den Jugendlichen habe und dem ich auch immer nachgeben werde.

König: Die Dankesrede heißt beim Weilheimer Literaturpreis traditionell "Rede an die Jugend". Was werden Sie der Jugend sagen?

Soyinka: Tja, soll ich Ihnen das jetzt wirklich schon im Voraus verraten? Naja, vielleicht darf ich Ihnen einen kleinen Vorgeschmack geben. Ich werde aus meiner eigenen Jugend erzählen. Eine Begebenheit, die damit zu tun hat, was es bedeutet, wenn man älter oder reifer wird, und meine Hoffnung ist, dass die Leute es dann auch auf die heutige Situation übertragen können und etwas damit anfangen. In anderen Worten, es ist eine Art Gleichniserzählung für das, was es heißt, Entscheidungen im Jugendalter zu treffen. Und ich glaube, diese Entscheidung, der die Jugend sich gegenüber sieht, hat sehr viel damit zu tun, was auch weltweit heute an Entscheidungen ansteht.

König: Die Jury des Weilheimer Gymnasiums hat Sie ausgewählt in diesem Jahr, weil Sie, so Zitat aus der Preisbegründung, Brücken geschlagen hätten zwischen den Kontinenten, Kulturen und Menschen. Was glauben Sie, wie stark sind diese Brücken mittlerweile zwischen Europa und Afrika? Ich meine davon gesprochen wird schon sehr lange, irgendwann, könnte man meinen, muss es ja auch mal Brücken geben, die dann wirklich zu einem guten Miteinander beitragen.

Soyinka: Tja, man sagt das ja vielen Künstlern nach, dass sie versuchen sollten eine allgemeine, eine universal verständliche Sprache zu sprechen, bildende Künstler, Literaten, aber insbesondere natürlich die Musiker, denen man das mehr nachsagt als den Literaten, den sprachgebundenen Künsten. Ich glaube, welches Medium man auch immer verwendet, es gilt zumindest diesen Versuch zu unternehmen, das Bewusstsein zu erweitern, hinüber zu langen zu einem anderen Menschen. Es ist eine Art Aufruf an die Einbildungskraft. Und der Versuch ist es schon wert, unternommen zu werden. Sie haben natürlich Recht, wenn Sie diese Fragen stellen. Man muss sich schon die Frage vorlegen, wie tragfähig sind eigentlich diese Brücken. Über Jahrhunderte spricht man schon von diesen Brücken zwischen den verschiedenen Kulturen, Religionen, zwischen den verschiedenen Geschichtssträngen, zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und Werten. Und man muss sich schon fragen, ja, hat das irgendetwas gebracht, tragen diese Brücken? Sind die aus Stein gebaut oder sind sie nur ein Hirngespinst? Ehrlich gesagt, ich selber lege mir diese Frage auch oft vor.

König: Wir erleben gerade immer noch und seit Monaten und eigentlich seit Jahren diese Flüchtlingstragödien. Wir erleben gerade wieder, Tausende afrikanische Flüchtlinge in kaum seetüchtigen Booten vor den Küsten Europas. Sie kommen, um der Armut und der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Bilder sehen von den Flüchtlingen in den Booten vor Lampedusa oder am Zaun von Melilla, da bricht doch dieses Bild von der Brücke, das immer so ein bisschen idyllisch nach einem schönen Miteinander klingt, wirklich auf und das ganze Drama, um das es sich glaube ich wirklich handelt, wird sichtbar.

Soyinka: Sie sprechen hier geradezu physikalisch das Gewicht an, unter dem solche Brücken allzu leicht zusammenbrechen können. Das ist vollkommen richtig. Aber es gibt auch noch andere Faktoren, die zum Zusammenbrechen solcher Brücken beitragen. Und hier, meine ich, muss man das Versagen der politischen und wirtschaftlichen Führungsschicht ansprechen. Wäre es gelungen, wirtschaftlich und gesellschaftlich tragfähige Fundamente zu bauen, dann wäre es zu diesen Tragödien sicher nicht gekommen. Nehmen wir die Bürgerkriege, nehmen wir die ständig wiederkehrenden Dürrekatastrophen in diesen Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen. Wenn man das rechtzeitig angegangen wäre, wenn man vorausgeplant hätte und in die Zukunft gesehen hätte, dann wäre es nicht zu diesen Erscheinungen gekommen, dass sich so gewaltige Ströme von Menschen von Land zu Land bewegen. Also, ich muss hier wirklich den Führungseliten der afrikanischen Länder den Vorwurf machen, dass hier wirklich eine Unfähigkeit der Vorausplanung und des Aufbauens von tragfähigen Strukturen zu bemerken ist.

König: Was könnte man jetzt tun? Wie schafft man diese Strukturen, womit fängt man an in den afrikanischen Ländern? Aber auch die Frage, was kann Europa machen?

Soyinka: Nun, das Erste wäre, dass man sich wirklich die Notstandsgebiete herausgreift, und da, wo die Not am größten ist, Vorkehrungen trifft, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Was hier in Europa meistens vergessen wird, ist, dass es eine ständige Bewegung von großen Flüchtlingsströmen zwischen den afrikanischen Ländern gibt. Meistens glaubt man in den europäischen Ländern nur die europäischen Länder würden sozusagen überflutet von Flüchtligen. Aber nein, in Afrika selbst bewegen sich jederzeit Millionen von Flüchtlingen über die jeweiligen Landesgrenzen hinweg. Das Zweite, was anzumahnen ist, ist, dass die europäischen Länder aufhören sollten, verantwortungslose Führungsschichten in den afrikanischen Ländern zu unterstützen, die mit den vorhandenen Ressourcen unverantwortlich umgehen, sie verschwenden. Stattdessen muss man die Mittel denen zukommen lassen, die wirklich ihrer bedürftig sind. Man muss diejenigen unterstützen, die auf verantwortungsvolle Weise mit den Mitteln umgehen und so diesen ständigen Abfluss von lebensnotwendigen Ressourcen stoppen.

König: Lassen Sie uns, Wole Soyinka, über Nigeria sprechen, über Ihr Land. Sie waren dort politisch immer aktiv, in den 90er Jahren hat das Militärregime versucht Sie und andere Oppositionelle mit einem Verfahren wegen Landesverrats auszuschalten. Sie haben dann in Europa eine Oppositionsbewegung gegründet. 1998 wurde die Hochverratsklage fallen gelassen. Sie sind dann in Ihre Heimat zurückgekehrt, werfen aber auch dem jetzigen gewählten Präsidenten Obasanjo Korruption und undemokratisches Verhalten vor. Haben Sie dennoch das Gefühl, dass das Land, Ihr Land, sich auf einem guten Weg befindet?

Soyinka: Nein, ich habe dem Präsidenten Obasanjo eigentlich nie Korruption im eigentlichen Sinne, im materiellen Sinne, vorgeworfen. Ich habe ihm vorgeworfen, dass er den demokratischen Prozess korrumpiert und sozusagen entarten lässt, da er sich immer noch als militärischer Machthaber gebärdet. Die Nation hat sich auch gegen seinen verfassungswidrigen Versuch einer weiteren Amtszeit aufgelehnt. Ich hoffe nunmehr, dass er und die ihn umgebenden Machthaber, die demokratische Lektion gelernt haben und diesen schmalen und schwierigen Pfad der Demokratie für das Land beschreiten werden.

König: Aber noch mal nachgefragt, wie ist das, fühlen Sie sich gewollt, richtig gemocht in Nigeria oder doch eher nur geduldet? Also will sagen, ist das Ihr Land, ist Ihr Land, sind die Menschen, ist die Regierung stolz auf ihren Nobelpreisträger, Wole Soyinka, oder sieht man in Ihnen am Ende doch eher den, ja, den Störenfried, den Nestbeschmutzer?

Soyinka: Naja, ich unterscheide immer ganz genau zwischen den Leuten in dem Land und der Regierung. Was die Leute angeht in Nigeria, so kann ich sagen, ich habe ein wunderbares Verhältnis zu ihnen. Die Leute erkennen mich, sie grüßen mich, sie jubeln mir zu. Das ist sogar fast eine Last für mich, weil es mir ja meine Anonymität raubt und ich liebe es auch, unerkannt zu sein. Aber insgesamt stehen die Dinge da sehr gut. Die Regierungen, das ist eine ganz andere Geschichte. Manchmal habe ich eine gute Beziehung, manchmal eben nicht so gut. Die Regimes kommen und gehen, und sie haben eben die Neigung, sich danebenzubenehmen, dann ist es unsere Aufgabe, sie zur Ordnung zu rufen. Und das mache ich.

König: Schreiben Sie in Nigeria anders als zum Beispiel in Großbritannien?

Soyinka: Also, wo immer ich mich befinde, ich schaffe mir meinen eigenen Raum der Kreativität. Ob das nun im Flugzeug ist, in Nigeria oder in meinem kleinen Rückzugsort in Abu Kadar (Anm. d. Redaktion: Name wie gehört). Wo immer ich bin, solange ich mich eben richtig konzentrieren kann, kann ich auch schreiben. Und das kann auch hier, in einem Garten wie diesem hier sein.

König: Lassen Sie uns zum Schluss noch auf ein Thema kommen, das hier in Deutschland sehr viel Aufsehen erregt hat in den letzten Wochen. Ein ehemaliger Regierungssprecher hat in unserem Programm bei Deutschlandradio Kultur gesagt, es gäbe in Deutschland, in manchen Städten, Gegenden, die man als Schwarzer abends, nachts besser nicht besuchen sollte, sprach von solchen No-Go-Areas. Dann gab es ganz viele Menschen, die gesagt haben: Nein, das stimmt doch überhaupt nicht, die gibt es bei uns nicht. Aber auch nicht wenige haben gesagt, die gibt es sehr wohl. Hat Sie diese Debatte erreicht? Und würden Sie …, gibt es Gegenden in Deutschland, wo Sie abends nicht hingehen würden?

Soyinka: Tja, die traurige Wahrheit ist, dass der Rassismus überall oder fast überall vorkommt, das muss man einfach so sagen. Hier mehr, da weniger, das sollte einen nicht überraschen, dass man in manchen Gegenden, in einem weißen Land eben, sich gewissen Gefährdungen aussetzt. Wenn ich vorab davon erfahre, dass es gefährlich ist, dorthin zu gehen, dann habe ich nicht die leiseste Neigung, dann das wirklich herauszufinden, extra dort hinzugehen, um herauszufinden, ob das stimmt. Es gibt also dieses Problem, es gibt es übrigens auch in Afrika. Schauen wir uns doch an, was gerade im Sudan passiert, in Darfur, hier sehen wir wirklich einen Schandfleck, eine wirklich beschämende Situation, dass in diesem afrikanischen Land im Angesicht der internationalen Gemeinschaft dieser gewalttätige Rassismus zwischen der arabischen Bevölkerungsgruppe und der schwarzafrikanischen Bevölkerungsgruppe so ausgetragen wird. Es ist leider so, das scheint zur Geschichte der Menschheit zu gehören.

König: Woran schreiben Sie gerade?

Soyinka: Tut mir Leid, darüber gebe ich nie Auskunft. Ich warte, bis es fertig ist.

König: Gut, dann hatten wir das Thema Literatur fürs Erste, das wäre ein riesengroßes Feld, das lassen wir jetzt einfach weg. Fußball-WM haben wir auch noch fast gar nicht erwähnt. Interessieren Sie sich für Fußball, Wole Soyinka?

Soyinka: Für mich ist Fußball eines unter vielen Spielen, wo man eben seine Fertigkeiten unter Beweis stellen kann. Diesen Fußballwahn, der aber zu den Zeiten der Weltmeisterschaft die ganze Welt zu erfassen scheint, den habe ich nie geteilt, den kann ich einfach nicht verstehen.

König: Es sind immerhin fünf Mannschaften Afrikas dabei. Ihr Herz schlägt also auch nicht in besonderem Maße für diese westafrikanischen, südwest- und nordafrikanischen Länder?

Soyinka: Überhaupt nicht.

König: Wer wird Weltmeister?

Soyinka: Keine Ahnung. Ich interessiere mich auch nicht dafür.

König: Ganz herzlichen Dank, Wole Soyinka.

Soyinka: Bitte sehr.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur