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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.12.2015

Scham im NetzDer virtuelle Pranger zerstört Individuen

Von Knut Berner

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Auf dem Display eines Smartphones sind die App-Logos verschiedener Social Media Plattformen zu sehen  Derweil der Anbieter Facebook seit einiger Zeit Nutzer verliert, werden Dienste wie Snapchat, Tumblr, Twitter und Vine immer beliebter. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Das Internet biete ungeahnte Möglichkeiten der Beschämung, so der Theologe Knut Berner. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Öffentliches Anprangern im Internet diffamiere und beschäme willkürlich Personen durch eine Reichweite, gegen die ein einzelner sich nicht wehren könne, kritisiert der Bochumer Theologe Knut Berner. Zurück blieben zerstörte Individuen.

Scham ist eine Folge des Entdeckt-Werdens einer Person durch Andere. Bei zahlreichen Anlässen können Blicke, Gesten oder Worte einen Menschen so treffen, dass er sich bloßgestellt fühlt. Körperliche Reaktionen sind Erröten, Senken des Blickes und der Wunsch, im Erdboden zu versinken. Das Schamgefühl zeigt im positiven Sinne an, dass eine Grenze überschritten wurde, die es zu schützen gilt.

Negativ ist jedoch, dass aus der Scham neues Verschulden resultieren kann, wenn das entdeckte Subjekt gewaltsame Strategien entwickelt, um sich einer beschämenden Situation zu entledigen. Unabsehbar sind die Folgen für das spätere Leben, die aus der gezielten oder unbeabsichtigten Beschämung von Jugendlichen resultieren - etwa in Familie und Schule.

Missbilligtes Verhalten wird unbegrenzt veröffentlicht

Nicht wenige alte Leute schämen sich ihrer Gebrechen. Oder dass sie anderen zur Last fallen - und treffen weitreichende Entscheidungen bis hin zum Suizid. Wer im Zeitalter der pränatalen Diagnostik sich noch dafür entscheidet, ein behindertes Kind zu bekommen, kann in Scham geraten, sich rechtfertigen zu müssen, anstatt unterstützt zu werden.

Ungeahnte Möglichkeiten der Beschämung bietet das Internet. Mit Texten oder Videos kann dort praktisch jedes missbilligte Verhalten vor einer unbegrenzten Öffentlichkeit angeprangert werden. Es ist offensichtlich in Mode gekommen, sich nicht mehr mit Einzelnen persönlich auseinander zu setzen, sondern sich direkt an die breite Masse zu wenden.

Der Wunsch, Personen zu diffamieren, paart sich dabei mit einer Resistenz gegenüber der Frage, ob die eigene Einschätzung zutreffend und überhaupt relevant ist. Das Spektrum reicht von: "Hier wohnt ein sexuell Perverser" über "Mein Nachbar schändet Katzen" bis zur Praxis eines amerikanischen Restaurants, Namen von Personen zu veröffentlichen, die einen Tisch bestellten und dann nicht erschienen sind.

Wer seine Beschämungen anonymisiert zugänglich macht, riskiert nichts, ermuntert aber die Niedertracht im Online-Publikum, lieber die Täter zu schmähen, als die Tat zu geißeln. Dabei gerät aus dem Blick, dass jeder Mensch mehr und noch etwas anderes ist als die Summe seiner Taten.

Ein Problem ist, dass oft kleinere Vergehen, die zufällig gefilmt und verbreitet werden, schärfer geahndet werden als schwerere Delikte, die nicht beobachtet werden.

Bloßgestellte können sich nicht wehren

Die Beschämten haben kaum Möglichkeiten, sich gegen die Bloßstellungen zu wehren. Und während schon immer galt, dass festgestellte Makel als seelische Gravuren im Gedächtnis der Betroffenen noch lange nachwirken, so bietet der virtuelle Pranger keine Chancen auf Entlastung durch den Faktor Zeit: Das Netz vergisst nichts, es bleiben immer digitale Spuren zurück.

Bislang war die Scham eine Emotion aus Fleisch und Blut, provoziert durch Begegnungen mit leiblich Anwesenden. Der virtuelle Pranger lässt es nicht zu, körperliche Reaktionen von öffentlich Beschämten zu erfassen und ihre Abwehrstrategien nachzuvollziehen oder zu kalkulieren.

Zurück bleiben komplexe Individuen, die auf wenige Verhaltensweisen reduziert und dafür verurteilt wurden. Wer sich an solchen Kampagnen beteiligt, die Persönlichkeit fremder Menschen zu missachten und zu verletzen, der muss wissen, dass sie tendenziell jeden und jede treffen können – auch ihn selbst.

Der Schriftsteller Milan Kundera auf einem Bild von 2005 (picture-alliance/ dpa/dpaweb)Der Schriftsteller Milan Kundera auf einem Bild von 2005 (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Scham ist ein sehr persönliches Gefühl und der Umgang damit individuell verschieden. Der Schriftsteller Milan Kundera hat formuliert:

"Wenn es zur Gewohnheit und Regel wird, die Intimität des anderen unter die Leute zu bringen, dann treten wir in eine Epoche ein, in der das Überleben oder das Verschwinden des Individuums auf dem Spiel steht".

Knut Berner, Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. (privat)Knut Berner, Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. (privat)Knut Berner, geboren 1964 in Wuppertal, studierte evangelische Theologie in Bonn und Heidelberg. Anschließend wurde er in Wuppertal zum Pfarrer ausgebildet, promovierte und habilitierte sich an der Ruhr-Universität Bochum. Knut Berner ist stellvertretender Leiter des Evangelischen Studienwerks Villigst. Außerdem lehrt er als Professor Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.

 

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