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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.02.2015

SatireDeutscher Kleinkunstpreis für Christoph Sieber

Von Anke Petermann

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(picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Der Kölner Kabarettist Christoph Sieber (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Der Deutsche Kleinkunstpreis ist am Samstag verliehen worden. In der Sparte Kabarett ging der Preis an den Humoristen Christoph Sieber. Witzig, charmant, aber in seiner Haltung unerbittlich zu sein, bescheinigte die Jury dem Kölner.

Kurzer Dialog zwischen dem Preisträger in der Sparte Kabarett, Christoph Sieber, und dem Moderator Volker Pispers, der den Mainzer Kleinkunstpreis vor zwölf Jahren bekam und seit mehr als dreißig Jahren bissigstes Polit- Kabarett macht. "Warum steht hier eigentlich nicht Georg Schramm", fragt Sieber mürrisch.

Volker Pispers: "Sagen wir mal so, es hätt schlimmer kommen können, hier könnte auch Dieter Nuhr stehen, der humoristische Arm der Pegida-Bewegung."

Geschont wird an diesem Abend nichts und niemand, nicht die Kollegen, nicht die Parteien, natürlich nicht Pegida und schon gar nicht - das Publikum. "Vor der eigenen Tür kehren" ist das Motto von Christoph Sieber. Deshalb ein Halleluja:

"Wachstum ist alles, Zins und Zinseszins, wir glauben, dass es keine Alternativen gibt. Zins und Zinseszins ist das Goldene Kalb, um das wir tanzen. Und so lasset uns am Ende die Wasserwerke privatisieren, ja und die Müllwerke an amerikanische Großkonzerne verhökern, und wir kaufen dafür das Wasser - bei ihnen, und hoffen, dass sie den Müll abholen. Und wenn wir am Ende noch die Kläranklagen privatisieren, dann werden wir noch nicht mal umsonst scheißen gehen dürfen. Halleluja."

Witzig, charmant, aber in seiner Haltung unerbittlich zu sein, bescheinigte die Jury dem Mittvierziger Sieber.

"Das ist bis jetzt natürlich der Höhepunkt, und jetzt müsste man eigentlich zurücktreten. Ich hab' das vielen Politikern schon geraten, von ihrer Karriere auf dem Höhepunkt abzutreten Es wurde mir aber davon abgeraten. Ich habe gerade n neues Programm geschrieben, wahrscheinlich muss ich doch noch weitermachen. Ich bin ja mit 45 'die Stimme der Jugend', wie die Jury gesagt hat. Sowas gibt's nur im Kabarett, glaube ich."

Das neue Programm also garantiert, dass es mit Sieber weitergeht: ab September auf Tournee.

"'Hoffnungslos optimistisch' heißt dieses Programm und in diesem Spannungsfeld werde ich mich weiter bewegen",

sagt der fernsehbekannte Kabarettist, der als Pantomime anfing und das mit politischem Kabarett sozialisierte Mainzer Unterhaus-Publikum mit am meisten begeistert.

"Sehr ehrlich, sehr offen."

Ich beobachte ihn schon ein paar Jahre lang und ich finde, er hat sich sehr gut weiterentwickelt, dass er sich politisch klarer ausdrückt und das auch dem Publikum vermittelt."

Sieber plus Pispers, die Kombination kommt bei denen an, die unter Weichgespültem leiden

"Ich find's böse, das Kabarett ist richtig böse. Das ist man gar nicht mehr gewohnt aus dem Fernsehen, und ich find das gut, den Pispers mag ich, der bringt die Dinge auf den Punkt. Ich stimme nicht mit allem überein, aber er ist gut, die sind n bisschen giftiger, das hat mir gefallen."

Überraschung des Abends

Die Überraschung des Abends ist vielleicht, dass ein 30 Jahre alte Kölner Musikkabarettist mit den Großen des Politkabaretts durchaus mithalten kann.

"Er beherrscht nicht nur die Sprache der Worte, er beherrscht auch die Sprache der Musik. Er ist mal heiter, mal böse, aber er ist immer elegant. Der Förderpreis der Stadt Mainz zum Deutschen Kleinkunstpreis 20015 geht an Martin Zingsheim!"

Zingsheim beginnt mit einem Liedchen am Klavier.

"Das Lied hat einen Titel, und der lautet: auch der Kunstmarkt ist ein Markt wie jeder andere, beziehungsweise Kritik an zeitgenössischer Artifizialität in vier Sekunden.  - Kennen Sie schon? Was heißt hier postmodern, das Bild sieht Scheiße aus."

Der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer am Rande einer Vorstellung in Nürnberg (picture alliance / dpa - Daniel Karmann)Der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer am Rande einer Vorstellung in Nürnberg (picture alliance / dpa - Daniel Karmann)

Matthias Egerdörfer, pausbäckig- rundlicher Franke, will genauso nicht aussehen. Er ist Sieger in der Sparte Kleinkunst und

"I bin seit 5 einhalb Johr aktives Mitglied von nem Bodybuilding-Studio. Ich glaube, man sieht's auch einichermaßen, unter dem roten Hemd unter dem weißen Unterhemedle ein sauberes Sixpack. Also drei, vier Sixpacks übereinander halt, die sind so schindelartig angeordnet, deswegen wirkt das jetzt für Sie a wenig massiv."

Die Jury sieht Egersdörfer "im Spannungsfeld rustikaler Bodenständigkeit und pointiertem Erzählen". Und er selbst?

"Ich weiß es gar nicht, wahrscheinlich weil ich so fleißig bin und freundlich so freundlich zum Publikum - ne charmante Offensive im Deutschen Kabarett. Ich fahr gern nach Mainz, insofern hätt das alles heute alles auch viel schlimmer kommen können."

"Also von daher passts scho. Aber letztendlich muss ich Ihnen sagen, der Platz kommt 28 Johr zu spät halt."

Was soll da Gerd Dudenhöffer sagen, alias Heinz Becker? Seit 35 Jahren kultiviert er den saarländischen Kleinbürger, nimmt mit groteskem Geschwätz den Alltag auseinander, eröffnet Einblicke in die Spießerseele. Für sein Lebenswerk bekam der 65-Jährige den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz.

Die Preisträger:

Christoph Sieber (Kabarett)
Stefan Stoppok (Chanson/Lied/Musik)
Matthias Egersdörfer (Kleinkunst)
Martin Zingsheim (Förderpreis der Stadt Mainz)
Gerd Dudenhöffer (Ehrenpreis)

3sat zeigt am Sonntag, 1. März 2015 um 20.15 Uhr eine Aufzeichnung der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 2015. Im ZDF wird die Aufzeichnung am 6. März um 0.59 Uhr wiederholt.

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