Satan, Tod und Teufel

Die teuflische Versuchung als Prüfung für die Gläubigen © Stock.XCHNG / George Crux
Von Susanne Mack · 04.04.2012
Wenn Gott eine gute Welt geschaffen hat - woher kommt dann das Böse in dieser Welt? Und wie können wir ihm Herr werden? Eine Spurensuche in Christentum und Judentum.
"Über das Böse im Christentum lässt sich natürlich trefflich streiten. Da muss ich an eine etwas obskure Story denken. Dass nämlich der Reichstag von Norwegen, die haben ja eine lutherische Landeskirche, vor einigen Jahrzehnten befragt worden ist, ob es 'den Bösen', also den Satan gibt. Und wie das dann ein Parlament macht, es hat einen Untersuchungsausschuss eingesetzt mit konservativen und liberaleren Theologen. Und da kam dann am Ende heraus, dass sie sich nicht einigen konnten. Und darauf hat der Reichstag, der norwegische, gesagt: 'Wenn sich die Sachverständigen nicht einigen können, ob es 'den Bösen' gibt oder nicht, dann wissen wir es auch nicht und können dazu kein Urteil abgeben.'"

Peter Zimmerling, Professor für evangelische Theologie.

Gibt es den "leib-haftigen" Satan? Den Teufel persönlich? Für Salomon Almekias-Siegl, den Landesrabbiner von Sachsen, ist "Satan" keine Person, sondern eine Metapher: ein Sprachbild für das Böse, das in verschiedenen Formen erscheint.

"Zum Beispiel: Was kann Satan sein? – Eine schöne Frau! Chef arbeitet, ist verheiratet, hat Familie, und seine Sekretärin ist so schön, dass er sie jedes Mal begehrt. Trotzdem - ade ! Nach Feierabend geht er nach Hause, sie geht. Aber es gibt Chefs, sie sind überredet über die Schönheit der Frau! Oder… Schmuck! Ich habe nicht so viel Geld, aber mein Nachbar hat einen schönen Ring, und ich will auch… also: das Begehren! Alles gehört zu dem Thema Satan!"

In Martin Luthers Übersetzung der Evangelien hat Satan einen zweiten Namen: "der Teufel". Das Wort ist griechischen Ursprungs: "Diabolos" –Diabolos ist ein Dämon, der den menschlichen Geist verwirrt: ihm die Wahrheit verdreht und verschleiert.

Der Teufel ist ein Lügner und ein Vater der Lüge.

Ein Christus-Wort aus dem Johannes-Evangelium. Pater Bernhard Venske, Mönch des Dominikaner-Ordens:

"Ich denke, wir können es uns am besten dadurch erklären, dass wir dazu neigen, uns die Welt ein bisschen so zu machen, wie wir sie gerne hätten und nicht, wie sie wirklich ist. Also, ich bin 51 Jahre alt, werde älter. Habe graue Haare, einen Bauch, und Falten bilden sich auch langsam. Jetzt könnte ich ja sagen: 'Finde ich total doof, eigentlich will ich aussehen wie Brad Pitt!' Ich könnte ja einfach meine Haare färben, um jünger erscheinen zu wollen. Ich könnte mir ja, wie alternde Männer es ja jetzt gerne machen, Botox irgendwo hinspritzen lassen, damit meine Falten verschwinden. Aber das ist doch schon eine Lüge. Ich will etwas sein, was ich nicht bin!"

"Thomas Elyot hat mal den schönen Satz gesagt: 'Der Mensch verträgt nur wenig Wirklichkeit.' Und dass nur wenige Menschen diesen Blick aushalten, dass sie umgeben sind von diesen Fallstricken zum Böse-Sein."

"Dass es 'das Böse' gibt, ist ja für jeden Menschen, der einigermaßen wach das Tagesgeschehen verfolgt oder auch die Weltgeschichte, doch keine Frage. Also, gerade, wenn man an die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts denkt, da liegt das ja geradezu auf der Hand."

"Klar. Und die bösen Nachrichten… Terroranschläge… das, natürlich, tut weh, wenn man die Bilder sieht. Und das ist alles menschliche Hand! Das ist schade, dass wir Menschen leiden müssen wegen solchen Leuten, die die Welt zerstören wollen. Und als religiöser Mensch muss ich sagen: Ich kann nicht verstehen, dass Leute, die gläubig sind, so etwas machen. Das ist traurig!"

Eigentlich, sagt Rabbi Almekias-Siegl, müssten gläubige Menschen doch wissen, welche Verhaltensweisen Gott verabscheut. Warum halten sich die menschlichen Geschöpfe nicht an die Gebote ihres Schöpfers? Offensichtlich nicht nur, weil sie Atheisten sind und nicht an diesen Schöpfer glauben. Denn auch Gläubige begehren und stehlen die Güter ihrer Mitmenschen. Und töten sie. Und nicht selten geben sie vor, das im Namen Gottes zu tun.

Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut.

… heißt es im Buch "Genesis" der hebräischen Bibel. Woher kommt der menschliche Hang zum Diabolischen? Wer hat den Teufel kreiert?

"Wenn ich das richtig sehe, dann ist es so, dass die biblischen Texte über die Herkunft des Bösen eigentlich sehr zurückhaltend sind. Es wird nirgends darüber spekuliert, woher der eigentlich kommt."

Peter Zimmerling, der evangelische Theologe.

Salomon Almekias-Siegl, der Rabbiner, erklärt Satans Existenz wie folgt:

"Als Gott die Welt erschaffen hat, hat er auch den Satan mit erschaffen. Weil: Das Ziel, warum wir Menschen auf diese Erde gekommen sind, ist, uns zu verbessern. Einen besseren Weg zu finden, bessere Menschen zu werden!"

Und die Schlange war listiger als alle Tiere, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: "Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?" Da sprach das Weib zu der Schlange: "Von den Früchten des einen Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: "Esset nicht davon, dass ihr nicht sterbet!" Da sprach die Schlange zu dem Weibe: "Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass an dem Tag, wo ihr davon esst, so werden Eure Augen aufgetan - und ihr werdet sein wie Gott!

War es für Gott etwa eine Überraschung, dass Eva und Adam sich von Satan haben überreden lassen? Rabbi Almekias-Siegl meint: Keinesfalls. Das habe er vorher gewusst:

"Aber sicher! Gott weiß alles. Aber er will zeigen: Ich habe Euch die Auswahl gegeben. Es ist genau so: Wenn Sie einen Sohn haben, dann sagt man: 'Also, Junge, hör' zu! Wenn du rauchst, ist das gefährlich! Da kannst du krank werden, dann kotzt du. Wenn du trinkst, dann bist du Alkoholiker, dann nimmst Du drogen nachher…' Mindestens, Sie haben ihm die Alternative gegeben, obwohl Sie wissen, dass er doch Leute trifft, die ihn vielleicht zum Rauchen bringen und zum Trinken bringen und zu Drogen bringen. Also, auf jeden Fall: Der Satan ist mit uns geboren. Wir laufen parallel miteinander. Und wenn ich es geschafft habe, dass er mich nicht überredet, dann habe ich die Welt bestanden."

"Ich glaube, dass das Böse von Gott gemacht ist, damit wir unseren freien Willen tatsächlich leben können. Und der freie Wille ist es, den Gott uns als größtes Geschenk gegeben hat, damit wir uns frei und souverän für ihn entscheiden können. Denn sonst würde er uns nicht lieben. Dann wären wir Marionetten!"

Pater Bernhard Venske.

Gott hat dem Menschen einen freien Willen geschenkt, damit er zwischen gut und böse wählen kann. Diese Idee ist in der Neuzeit populär geworden durch Erasmus von Rotterdam. Dessen Zeitgenosse Martin Luther war übrigens anderer Meinung: der Mensch hat in Bezug auf Gut und Böse eben keinen freien Willen!

"Luther sah in der Auseinandersetzung mit Erasmus den Kern der reformatorischen Erkenntnis bedroht. Weil die reformatorische Erkenntnis davon ausgeht, dass der Mensch sich sein Heil, die Gnade Gottes, nicht verdienen kann. Luther hat die ganze Weltgeschichte als einen Kampf gesehen zwischen dem Guten und dem Bösen. Und er sagt, dass der Mensch eben entweder vom Bösen bestimmt würde oder vom Guten. Also, er ist der Meinung, dass der Mensch im Grunde keinen freien Willen hat, das schlägt allem modernen Menschenbild in gewisser Weise ins Gesicht."

… sagt Peter Zimmerling, evangelischer Theologe. Pater Bernhard Venske, katholisch, findet Erasmus' Auffassung zeitgemäßer als die lutherische. Und außerdem biblischer.

"Das Böse ist auf jeden Fall keine Gegenmacht zu Gott!"

Es begab sich aber des Tages, da die Kinder Gottes kamen und traten vor den Herrn, dass Satan auch unter ihnen kam und vor den Herrn trat.

Ein Vers aus dem Buch "Hiob". Er legt nahe: Satan ist ein Gottessohn und steht unter göttlicher Befehlsgewalt.

Sollte ein Christ die gelegentliche Versuchung durch Satan, das Böse, als eine spirituelle Prüfung betrachten? Als einen Test, den er bestehen kann – oder auch nicht?

"Das klingt so komisch pädagogisch. Ich denke, es ist eher ein Kriterium zur Reife. Als Kind mache ich auch manches Böse, was Mammi und Pappi nicht wollen. Aber ich muss es tun, um mich zu entwickeln. In dem Moment, wo ich umkehre, gehe ich eine Qualitätsstufe höher, komme ich ein Stück weiter."

"Das ist richtig, dass Gott Situationen der Anfechtung, oder auch der Versuchung sogar in Menschenleben hineinbringt. Also, Gott hat kein Interesse daran, einen Menschen zum Abfall vom Glauben zu führen, aber er hat offensichtlich ein Interesse daran, dass ein Mensch in seinem Glauben sich bewährt!"

Die teuflische Provokation als Reifeprüfung – auch Jesus von Nazareth hatte sie zu bestehen, wie das Matthäus-Evangelium berichtet:

Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, auf dass er von dem Teufel versucht würde.

"Also, der Geist, der ihn in die Wüste führt, ist ja anscheinend der Geist Gottes…."

Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. - Und er antwortete und sprach: Es steht geschrieben: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht!"

"Ja, das ist ja die interessanteste Geschichte. Und zwar sind das ja so die Versuchungen: 'Du hast Hunger? Also, dann mach’ doch was gegen die Natur! Du bist doch schließlich Gottes Sohn, Du hast ja alle Macht, Du kannst doch aus Steinen Brot werden lassen!' Hoch interessanter Gedanke! Was wäre denn, wenn Christus dieser Versuchung nachgegangen wäre? Es hätte doch kein Mensch gemerkt, ob da so ein Stein Brot geworden ist oder nicht. Natürlich nicht. Aber er hätte etwas gegen die Gesetze und Ordnung des Kosmos getan, gegen die gute Ordnung, er hätte Chaos geschaffen. Also, ist es weniger dieser Hunger, sondern eher die Versuchung: 'Du wirst sein wie Gott!'"

"Also, ich finde es sehr plausibel, warum im Schöpfungsmythos dem Menschen dieser Baum der Erkenntnis von Gott vorenthalten wird. Es wird ihm ja verboten, von diesem Baum zu essen."

"Was sagt die Schlange zu der Frau? Abgesehen davon, das ist auch Quark, dass die Frau da nun … die beiden waren’s: der eine, der etwas tut, der andere, der nichts dagegen tut. Die Schlange sagt: 'Ihr werdet sein wie Gott, wenn ihr von dieser Frucht der Erkenntnis esst!'"

"Das scheint die Ursünde und der Ansatzpunkt des Bösen, dass der Mensch offensichtlich nicht in der Lage ist, sich selbst zu begrenzen.
Und wir erleben das ja heute durch die moderne Technik, die moderne Medizin, dass es uns unheimlich schwer fällt, diese Grenze zu finden. Wo die Begabung des Menschen, seine unglaubliche Intelligenz, und auch die Fähigkeit, die Erde zu kultivieren, umschlägt in ihr Gegenteil. Darum hat der Johannesbrief wahrscheinlich Recht, der sagt, dass Jesus gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören. Indem er das Manifest der Bergpredigt dem menschlichen brutalen Egoismus entgegenhält."

Die egoistische Verblendung des Menschen, seine ewige Angst, zu kurz zu kommen im Vergleich zu anderen ist tatsächlich eine mächtige Quelle des Bösen, sagt Rabbi Almekias-Siegl - mit Blick auf eine wohlbekannte Geschichte aus der Thora:

"Kain und Abel! Kain hat seinen Bruder getötet. Weil, angeblich, als er ein Opfer zu Gott bringen sollte: bei Abel kam der Rauch hoch, bei Kain nicht. Und er glaubte: 'Aha, das ist kein Rauch, das heißt, Gott hat mein Gebet nicht akzeptiert!' Und hat ihn getötet aus Eifersucht!"

Die Machtgelüste des Ego zu begrenzen, fällt vielen Menschen offensichtlich schwer. Allerdings scheinen noch mehr Menschen Angst davor zu haben, machthungrige Egomanen in die Schranken zu weisen, sagt Pater Bernhard Venske:

"Es gibt eine lateinamerikanische Legende, wonach in der Hölle nur noch ein Platz frei ist. Und dastehend, eine riesige Schlange von Menschen: Mörder und Verbrecher und ganz schlimme Leute. Und einer steht so’n bisschen da, so nach dem Motto: 'Ich weiß gar nicht, was ich hier soll!' Satan steht an der geöffneten Tür und fragt diesen Menschen: 'Wer bist Du, was machst Du hier?' Der Mensch sagt: 'Ich weiß es auch nicht!' Satan fragt: 'Ja, wieso? Was hast Du denn getan?' Der Mensch: 'Nichts! Ich habe nie etwas getan!' Und dann sagt die Legende, dass Satan gesagt hat: 'Komm her, mein Freund, dieser Platz ist für Dich bereitet!' Und dass Satan sich ganz dicht an den Türrahmen gedrängt hat, damit er keine Berührung mit diesem Menschen hat, der nie etwas getan hat."

"Jüdische Mystik erzählt uns, dass, als Gott die Welt erschaffen hat und seine Thora, er auch die 'Teschuwa' erschaffen hat. 'Teschuwa', das heißt Umkehr von bösen Dingen, vom schlechten Weg auf einen guten Weg zu kommen. Das ist Teschuwa - Umkehr! Weil Gott wusste, dass der Mensch ohne Sünden nicht leben kann."

Rabbi Elieser sagte: "Bereue einen Tag vor deinem Tod!” Daraufhin fragten seine Schüler: "Woher sollen wir denn wissen, wann wir sterben werden?” Er antwortete: "Natürlich wisst ihr das nicht. Darum sollt ihr heute bereuen, weil ihr morgen sterben könntet!"

Auch im Christentum hat die Erkenntnis der eigenen Verfehlungen einen wichtigen Platz. Für katholische Christen besteht sogar die Pflicht, ihre Sünden regelmäßig einem Priester zu beichten und Buße zu tun.

"Ja. Aber diese Pflichten… Also, ich möchte nicht, dass es eine Pflicht ist. Ich möchte gerne, dass es ein Bedürfnis ist. Wir haben natürlich einen bitteren Geschmack dabei, denn Buße kennen wir alle. 'Bußgeld', 'Bußbescheid', das klingt immer alles schon ganz schrecklich. Kommt eigentlich aus dem Germanischen: 'buorta – Wiedergutmachung'. Wenn man das mal ein Stück anders betont: 'wieder - gut - machen', dann kriegt das Ganze einen anderen Geschmack!"

Bei den evangelisch-lutherischen Christen gibt es keine Pflicht zur Beichte. Martin Luther wollte, dass die Beichte eine freiwillige Angelegenheit wird. Daraufhin haben sich immer mehr evangelische Christen die Freiheit genommen, das Beichtangebot auszuschlagen. Leider, sagt der Lutheraner Peter Zimmerling. Er ist der Überzeugung, eine gute Beichte hat eine befreiende Wirkung:

"Dass die Beichte mir hilft, meine Geschöpflichkeit anzuerkennen. Und zur Geschöpflichkeit gehört eben, dass wir immer wieder schuldig werden: das Versagen, das Anderen-Menschen-etwas-schuldig-bleiben. Und hier besteht ein Mittel, das mir hilft, mit diesem Versagen, mit dieser Schuld fertig zu werden. Ohne sie verdrängen zu müssen oder zu beschönigen oder an ihr krank zu werden."

"Wir haben keine Beichte. Im Judentum wenden wir uns direkt an Gott, wir haben keinen Vermittler. Was ich nicht begreifen kann, dass Christen Jesus als Vermittler genommen haben. Er war Jude, und er wollte das alles nicht!"

… sagt Rabbiner Salomon Almekias-Siegl. Auch ohne Beichte hätten Juden genug Platz und Zeit, an ihre Sünden zu denken.

"'Lass den Satan, lass’ das Böse mich nicht überreden. Entferne mich von bösen Menschen, vom Satan, von allem, was böse ist', das sagen wir jeden Tag beim Gebet! Wir glauben an den Messias, und der Messias wird kommen, nur wenn wir anständig sind. Wir sagen immer, wenn der Messias kommt: Er baut uns den dritten Tempel. Zwei Tempel sind schon kaputt in der jüdischen Geschichte, den dritten Tempel baut der Messias selbst. Also bitteschön! Dann warten ab mit Geduld und wir trinken Tee!"

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