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Besser essen | Beitrag vom 29.03.2019

Sarah Wieners SpeisekammerSchmecken will gelernt sein

Von Sarah Wiener

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Ein Junge hilft in einer Küche beim Rühreier machen. (picture alliance / dpa Themendienst / Christin Klose)
Geschmäcker entwickeln sich in der Kindheit. Deshalb sollten Eltern nicht nur Fischstäbchen, Nudeln oder Pizza servieren. (picture alliance / dpa Themendienst / Christin Klose)

Was Menschen als lecker oder als eklig empfinden, lernen sie schon in der frühen Kindheit. Sarah Wiener meint, basierend auf Edith Gätjen (Ökotrophologin und Trainerin der Sarah Wiener Stiftung): Ess-Erziehung beginnt bereits im Mutterleib.

Geschmacksbildung fängt bei Kindern an. Und zwar findet diese innerhalb der ersten 1000 Tage statt: Ungefähr mit drei Jahren ist die Bildung der Geschmacksknospen abgeschlossen. Es ist mit der gesunden Ernährung genauso wie mit einer Fremdsprache: Je später man damit anfängt, desto schwieriger wird es, sie zu lernen. Deshalb fängt gute und sinnvolle Ernährung im Prinzip schon im Mutterleib an. Das Essenverhalten aller Menschen wird bestimmt durch Geschmacksprägung, Kultur, Evolution, Genetik, Beziehungen und natürlich Erfahrungen.

Süß ist die erste Erfahrung

Über Fruchtwasser können die Embryos schon süß, sauer und bitter schmecken. Süß ist die erste, präferierte Geschmacksrichtung. Bei Tests hat man festgestellt, wenn man Glukose ins Fruchtwasser träufelt, dann tranken die Kinder im Mutterleib eineinhalb mal mehr und hatten einen deutlich zufriedeneren Gesichtsausdruck als ohne diese Glukose. Süß steht immer für sicher, reif und nährstoffreich und deswegen haben wir da eine evolutionäre Präferenz. Und das ist dann leider dann später auch oft das Problem.

In der 15. Schwangerschaftswoche bilden sich erste Geschmacksknospen, das heißt, es gibt schon kleine Organe, die mit Nerven zum zentralen Nervensystem verbunden sind. Also was die Mutter isst, schmeckt dem Fötus und prägt seine geschmacklichen Vorlieben.

Säuglinge sind wahre Geschsmackskünstler

Also bei der Geburt hat ein Säugling bereits 10.000 Geschmacksknospen. Niemals werden Säuglinge und Kleinkinder besser schmecken als in dieser Zeit. Alle Geschmacksrichtungen werden viel intensiver, zum Teil sogar schmerzhaft intensiv empfunden. Um das zu verstehen, müssen wir zu den Wurzeln der Menschheit zurückgehen. Früher brauchten die Menschen ihren Geschmackssinn, um Nahrung daraufhin zu sortieren, ob sie bekömmlich oder womöglich giftig sei. Sauer schmeckende oder bittere Nahrung wie Beeren oder Pflanzenteile waren potenziell giftig oder zumindest unbekömmlich und unreif. Geschmack wird mit der Muttermilch weitergeprägt, denn Muttermilch nimmt den Geschmack der Familienküche an.

Von der Ess-Erziehung zur Ess-Beziehung

Es gibt verschiedene Phasen in der Kinderernährung, die wichtig sind und die wir gerade im Übergang vom Stillen zur Beikost oder später von der Beikost zum Familienessen – ein Prozess, der mit etwa mit 18 Monaten abgeschlossen ist - begleiten sollten. Gerade an diesem Punkt entstehen häufig Reaktionen der Eltern, die eigentlich nicht passieren sollten. Das Kind mit einem Jahr sagt: "Ich will den Spinat nicht". Also das ist noch lange kein Grund, nur noch Fischstäbchen oder Pizza und Nudeln mit Ketchup zu servieren, weil diese Geschmäcker ja erst gelernt werden müssen.

Dazu gehört auch: Kinder wollen nicht übers Essen reden. Kinder wollen anfassen, ernten, riechen, matschen, fühlen. Sie wollen mitkochen, schneiden, schmecken, Tischdecken und zusammen essen und mit den anderen zusammen lachen und Spaß haben. Wichtig ist, dass aus einer Ess-Erziehung eine gesunde Ess-Beziehung wird.

Ein Genusstipp für die Kleinen

Als Eltern sollte man nicht vergessen, dass Fertignahrung unsere Kinder auf wenige Aromen prägen. Das wollen wir nicht. Deswegen ist eine frische, vielfältige Zubereitung immer vorzuziehen.

Mein Tipp heute ist, mal auszuprobieren, mit den Kindern ein eigenes Ketchup zu machen. Dazu braucht man einen Apfel und eine kleingeschnittene Zwiebel. Die werden mit ein bisschen warmem Wasser in einem Topf weichgedünstet. Dann gibt man ein bisschen Tomatenmark dazu - etwa eine halbe bis dreiviertel Tube - und schmeckt das ganze mit Salz, Pfeffer, ein bisschen Curry, Zimt und Honig ab. Man püriert das alles und kann es jeder Art von Essen servieren. Ich empfehle

Rezept

Heute mal eine selbstgemachte Version von Ketchup:
1 Apfel + 1 Zwiebel grob würfeln
Apfel-Zwiebel-Würfel mit 3-4 EL Wasser bei geschlossenen Deckel 5-10 Minuten weich köcheln
Mit einer dreiviertel Tube Tomatenmark in ein Gefäß geben und alles pürieren
Mit Salz, Pfeffer, Curry, Zimt und Honig abschmecken
Köstlich! Das schmeckt auch Erwachsenen hervorragend

Weiterführende Links:

Fehler bei der Kinderernährung (welt.de)

Ernährungserziehung: Kinder brauchen Vorbilder (UGB)

Wie kommt das Kind auf den Geschmack? (DGE Niedersachsen)

Schwierige Esssituationen mit Kindern gut meistern (DGE)

Naschen und Knabbern – Maßvoll mit Genuss (IN FORM)

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