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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Sara Shilo

Friedhof von Shlomi, Israel

Von Tobias Wenzel

Sara Shilo auf dem Friedhof von Shlomi (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)
Sara Shilo auf dem Friedhof von Shlomi (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)

Warum hat sich Sara Shilo einmal gefreut, als sie auf einem Friedhof war und der Bombenalarm ertönte? Und wieso ist sie froh, dass sie Shilo und nicht Cohen heißt?

Sarah Shilo sitzt auf einer Bank auf dem Friedhof von Schlomi. Der wirkt wie eine Wüste aus weißem Marmor. Hinter der Friedhofsmauer tauchen immer wieder die Schaufel und der Arm eines Baggers auf und ab. 500 Meter weiter nördlich schimmert in der Sonne friedlich ein Berg. Dahinter beginnt der Libanon.

"Der Berg hat für mich auch etwas Bedrohliches. Ein bisschen ist es, als wäre er das Ende der Welt. Man weiß nicht, was dahinter passiert. Das fühlt sich nicht gut an."

In dieser Gegend, im israelischen Galiläa, hat Sarah Shilo, die Tochter ungebildeter arabischer Juden, ihren Debütroman "Zwerge kommen hier keine" angesiedelt:

"Ich mach die Hände auf, guck hoch in den Himmel, mach auch noch den Mund auf […] und ich freu mich auf die Katjuscha, die kommen soll."

Simona Dadon, Witwe und Mutter von sechs Kindern, dreht durch. Als wieder Raketen aus dem Nachbarland herüberfliegen, wartet sie auf einem Fußballplatz vergeblich auf den Tod und geht schließlich zum Friedhof, auf dem ihr Mann begraben liegt.

"Als ich das Buch schrieb, ist eine Katjuscha-Rakete im Zentrum von Schlomi eingeschlagen und hat einen Jugendlichen getötet. Er unterhielt sich gerade mit seinen Freunden. Mit Nachnamen hieß er Dadon, genauso wie die Familie in meinem Roman. Als ich davon hörte, habe ich mich unsagbar schlecht gefühlt und bin auf diesen Friedhof gekommen, um das Grab des Jungen zu besuchen."

Sara Shilo auf dem Friedhof von Shlomi (Tobias Wenzel)Sara Shilo auf dem Friedhof von Shlomi (Tobias Wenzel)


Nun ist Sara Shilo auf den Friedhof von Schlomi zurückgekehrt. Vielleicht müssten wir hier das Interview abbrechen und einen Schutzkeller aufsuchen, erzählte mir Sara Shilo eineinhalb Jahre vor unserem Treffen. Aber nun wirkt alles so ruhig und unbedrohlich.

"Ich bin mir da nicht so sicher, dass es hier jetzt nicht mehr gefährlich ist. Vor einer Woche gab es Tote bei einer Auseinandersetzung an dieser Grenze. Da sind Soldaten gestorben. Und vor zwei Wochen, haben mir Leute erzählt, ist hier in Schlomi wieder eine Katjuscha-Rakete eingeschlagen."

Selbst bei diesen Worten klingt Sara Shilo, die früher ein Puppentheater leitete, unaufgeregt. Die Bedrohung ist zum Alltag geworden. Auch fühlt sich die Autorin dem Tod sowieso schon nah. Ihr Mann hatte mehrmals Krebs und arbeitet nun selbst mit Krebspatienten. Außerdem sind viele ihrer Freunde gestorben:

"Ich lebe mit den Toten. Ich denke immer an sie. Sie sind für mich nicht getrennt von den Lebenden."

Ursprünglich wollte Sarah Shilo die Hauptfigur ihres Romans eine ganze Bombennacht auf einem Friedhof verbringen lassen. Um ein Gespür für die Situation zu bekommen, besuchte die Autorin damals mit ihrem Mann hier in Galiäa einen Friedhof:

"Da gab es einen Bombenalarm. Und die ersten Katjuschas flogen herüber. Da habe ich zu meinem Mann gesagt: 'Das sind die perfekten Bedingungen, um zu schreiben! Vielleicht bleiben wir einfach hier auf dem Friedhof!' Aber mein Mann meinte: 'Wir gehen doch mal lieber nach Hause zu den Kindern.' Jetzt lache ich. Aber das war natürlich auch beängstigend und schrecklich."

"Sara Shilo, Cemetery of Shlomi, Israel"



Bevor wir den Friedhof betreten erklärt mir Sara Shilo, was es mit der rechteckigen Aussparung in der Mauer auf sich hat. Von einer Bank aus kann man durch das Guckfenster in den Friedhof hineinsehen. Auf der Bank nehmen jene Juden Platz, die den biblischen Nachnamen Cohen tragen. Einst übte diese Familie priesterliche Funktionen aus und durfte sich deshalb den als unrein geltenden Toten nicht nähern und somit auch keine Friedhöfe betreten. Das gilt auch heute noch für jeden, der diesen Familiennamen trägt. Und das sind viele. Es ist, als verwehrte man in Deutschland allen Menschen, die Müller oder Schmidt heißen, den Gang auf den christlichen Friedhof und ließe sie nur durch ein derartiges Loch die Gräber ihrer Angehörigen betrachten.

Die israelische Autorin nimmt auf der Bank Platz, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, wenn der Friedhof tabu ist. Wenige Minuten danach steht sie auf und betritt den Friedhof von Shlomi. Zum Glück heißt sie nicht Cohen, sondern Shilo.

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