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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.09.2015

Sant'EgidioDie 68er der Kirche

Von Marina Collac

Zahlreiche Jugendliche aus ganz Europa nahmen im Juli 2015 an der Kundgebung "Walk of peace" in Berlin teil. Veranstaltet wurde die Kundgebung von der Gemeinschaft Sant'Egidio anlässlich ihres jährlichen, europäischen Jugendtreffens. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Jugendliche aus ganz Europa nahmen im Juli 2015 an der Kundgebung "Walk of peace" in Berlin teil. Veranstaltet wurde sie von der Gemeinschaft Sant'Egidio anlässlich ihres jährlichen, europäischen Jugendtreffens. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Die katholische Laienorganisation Sant'Egidio kämpft seit Jahrzehnten für die Armen und den Frieden in der Welt – mit erstaunlichem Erfolg. Gegründet wurde sie von einer Gruppe von Gymnasiasten in Rom im Jahr 1968.

"Erst ist da ein schwaches Licht, dann wird es immer stärker. Nebraska ist ein weiterer US-Bundesstaat, der jetzt die Todesstrafe abschafft."

Mario Marazziti ist Abgeordneter – und eines der bekanntesten Gesichter der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio. In einer warmen römischen Sommernacht spricht er zu Dutzenden von Menschen, während in seinem Rücken das Kolosseum zu leuchten beginnt: Erst die Bögen der dritten Etage, nach und nach auch die unteren strahlen in warmem gelbem Licht, um eine gute Nachricht zu feiern. Carlo Santoro von der Comunità di Sant'Egidio

"Seit dem Jahr 2000 illuminieren wir das Kolosseum jedes Mal, wenn ein Staat die Todesstrafe abschafft oder ein Moratorium für Hinrichtungen verhängt. Das Kolosseum haben wir gewählt, weil es in der Antike Symbol der Exekutionen, der Verachtung für das menschliche Leben war, Symbol einer Praxis der Vergangenheit, die heute unbedingt überwunden werden muss."

Mit der Macht der Religion die Welt verändern

Die Anwesenden kommen alle aus der katholischen Laienbewegung Sant'Egidio; sie sind nicht bloße Zuschauer. Die Gemeinschaft hat auch bei der Kampagne gegen die Todesstrafe in Nebraska aktiv mitgewirkt. Seit vielen Jahren versucht die Comunità di Sant'Egidio, die Macht der Religion zu nutzen, um die Welt zu verändern. Sie bringt immer wieder Friedensprozesse in Bewegung.

Am 17. Juni haben auf den Philippinen die Guerilla-Kämpfer der Moro Islamic Liberation Front symbolisch die Waffen niedergelegt. Jetzt gibt es Hoffnung, dass der seit fast 40 Jahren dauernde religiös-separatistische Krieg der muslimischen Minderheit endlich enden könnte. Auch dank der unermüdlichen Vermittlung von Sant'Egidio. Mario Marazziti:

"Beteiligt waren die religiösen Gemeinschaften der Katholiken, der Protestanten, der islamischen Muhammadia aus Indonesien, mit denen gemeinsam wir Brücken gebaut haben unter Einbindung der muslimischen Kämpfer. Diese Kämpfer haben am Verhandlungstisch langsam Vertrauen gefasst, das führte zu ersten Friedensabsprachen. Die philippinische Regierung hat ihrerseits einer weitgehenden Autonomie und der religiösen Freiheit für die betroffenen Zonen zugestimmt. Doch es bleibt das Problem, dass in den Kampfgebieten tiefer Hass herrscht. Wir gehen zusammen mit den christlichen und den islamischen religiösen Führern deshalb in die Dörfer, um gemeinsam für das Friedensabkommen zu werben. Die Menschen sehen so, dass die religiösen Gemeinschaften nicht bloß Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung sein können."

1968 von einer Gruppe römischer Gymnasiasten gegründet

Der ökumenische und interreligiöse Dialog ist ein zentrales Merkmal von Sant'Egidio. Nachdem Papst Johannes Paul II. im Jahr 1986 zum ersten Mal Führer aller Weltreligionen zum Friedensgebet nach Assisi gerufen hatte, setzt die Comunità di Sant'Egidio diese Tradition jedes Jahr fort. In diesem Geist auch vermittelte sie in vielen Bürgerkriegen, von Mozambik bis Burundi, von Algerien bis Osttimor. Doch die große Politik ist nur ein Teil der Aktivität von Sant'Egidio. Mit einem Augenzwinkern nennen ihre Mitglieder sich "die 68er der Kirche". Denn die Gemeinschaft wurde im Jahr 1968 von einer Gruppe römischer Gymnasiasten gegründet. Ihr Ziel: das Evangelium zu leben und auf der Seite der Armen zu sein. Carlo Santoro:

"All unsere Arbeit wurzelt im Evangelium, jedes Mitglied der Gemeinschaft verrichtet seinen persönlichen Dienst für die Armen, für Menschen die auf der Straße leben, für Alte, für Aids-Kranke oder Immigranten. Ich selbst gehe regelmäßig in die Gefängnisse, um Menschen zu besuchen, die keine Angehörigen haben. Am Ende des Tages kommen wir dann zum Gebet zusammen, das ist für uns essenziell, es ist nicht das Häubchen Sahne obendrauf."

Mittlerweile zählt die Comunità di Sant'Egidio über 50.000 Mitglieder weltweit, ist sie aktiv in über 60 Ländern, auch in Deutschland, in Aachen zum Beispiel oder in Würzburg, in Mönchengladbach oder München. Doch ihr Zentrum ist und bleibt Rom. Jeden Abend beten dort die Mitglieder in ihrer Kirche, Santa Maria in Trastevere mit ihren prächtigen goldenen Mosaiken. Und in Trastevere, einem der ältesten Viertel der ewigen Stadt haben sie ihr Hauptquartier: die malerische Piazza Sant'Egidio. Marco Gnavi, Pfarrer von Santa Maria in Trastevere:

"Wir sind gleichsam im Zentrum einer Zitadelle der Caritas und des Gebets, gegenüber liegt eine Wohnstätte für Migranten, ein Kindergarten für die Kleinen, die Mensa für die Armen, das Zentrum für die Roma, ein Heim für Kranke in Armut."

Alle werden mit ihrem Namen begrüßt

Hunderte Obdachlose, Migranten oder einsame alte Menschen kommen zur Mensa in der Via Dandolo.

Pasta mit Tomatensauce, grüne Böhnchen, Hähnchenfrikadellen mit Sauce gibt es heute. Drei Mal pro Woche bietet die Comunità di Sant'Egidio ein richtig gutes Gratis-Abendessen für alle. Pro Tag werden bis zu 1100 Mahlzeiten ausgeteilt. Die freiwilligen Helfer bedienen die Obdachlosen am Tisch und versuchen so, Kontakt zu schaffen. Alle, die in die Mensa kommen, werden mit ihrem Namen begrüßt. Zwei Gäste der Mensa:

"Wir, die wir auf der Straße leben, erleben hier einen Beistand, der uns auch ein Stück unserer Würde zurückgibt. Wir können hier essen, wir können hier für bürokratische Verrichtungen unseren Wohnsitz anmelden, wir bekommen Kleidung. Das ist für uns wie eine Familie."

"Hier wirst du anders behandelt. Ich komme seit 15 Jahren, ich hatte früher eine Arbeit, die ich dann verloren habe. Hier bekomme ich zu essen, dreimal die Woche, aber auch die Leute, die das hier machen, müssen sich mal ausruhen."

Eine der bekanntesten Aktionen von Sant'Egidio ist das große Weihnachtsessen in Rom. Mehr als 800 Menschen finden in der Kirche Santa Maria in Trastevere Platz, ca. 2000 in der ganzen Stadt. Es ist ein richtiges Luxus-Essen mit Sekt und Panettone für alle Obdachlosen, die kommen möchten. Und jeder bekommt auch seine persönlichen Geschenke, versehen mit einem persönlichen Kärtchen. Und wenn man sich nicht angemeldet hat und in der letzten Sekunde kommt, finden die Aktivisten eine diskrete Art, um den Namen zu erfahren, und organisieren eine schnelle Überraschung.

Viele Römer engagieren sich als freiwillige Helfer, auch wenn sie sonst nicht regelmäßig bei Sant'Egidio dabei sind. Die Somalierin Zeinab Ahmed Dolal lebt seit 25 Jahren in Rom; sie ist eine der begeisterten ehrenamtlich Tätigen, auch wenn sie muslimisch ist:

"Ich habe so zum ersten Mal Weihnachten kennen gelernt. Ich bin Muslimin, daher wusste ich fast nichts vom Weihnachtsfest. Dann sah ich hier diese wunderschöne Tafel, wo alle eingeladen waren, wo keiner ausgeschlossen blieb. Das galt auch für die Religionen: Alle können kommen. Seit nunmehr 25 Jahren bin ich dabei, in Rom oder in anderen Städten, in denen Sant'Egidio aktiv ist. Und mir, der gläubigen Muslimin, ist es auch schon passiert, dass ich während unseres Ramadan bei Sant'Egidio das Weihnachtsessen serviert habe."

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