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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.02.2018

Sanierungsstau an Berliner Schulen"Es stinkt einfach aus den Rohren"

Von Claudia van Laak

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Aussenfassade des Schadow-Gymnasiums (Anja Schäfer / Deutschlandradio)
Das Schadow-Gymnasium in Berlin: Im Amtsdeutsch ist die Schule ein "Großschadensfall". (Anja Schäfer / Deutschlandradio)

Bröckelnder Putz, stinkende Toiletten und gesperrte Turnhallen: viele Berliner Schulen sind in einem katastrophalen Zustand. Geld für die überfälligen Investitionen ist mittlerweile da - und dennoch kommen die Sanierungen nicht richtig voran.

Das Schadow-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf, im Südwesten der Hauptstadt. Hier sind die Schauspielerin Martina Gedeck und die Komiker Eckart von Hirschhausen und Loriot zur Schule gegangen. Heute lernen hier 1150 Schülerinnen und Schüler in zwei denkmalgeschützten, mehr als 100 Jahre alten Gebäuden. Der Turm aus rotem Backstein ist schon von weitem zu sehen, doch keine der vier rundherum angebrachten Uhren zeigt die korrekte Zeit an. Der Turm ist gesperrt. Ein Symbol für die ganze Schule. Das Schadow-Gymnasium ist ein "Großschadensfall". So heißt es im Bürokratendeutsch der Berliner Senatsverwaltung für Bildung. 

Andreas Krenz, Schulleiter des Schadow-Gymnasiums:

"Ja, das hört sich furchtbar an. Aber ich denke, es ist wichtig, dass das so offen benannt wird. Was man dann natürlich auch Eltern von den neuangemeldeten Kindern vermitteln muss, ist natürlich, dass wir hier ja trotzdem gute Arbeit leisten."

Und deshalb hat Schulleiter Krenz zum Rundgang eingeladen. Andreas Krenz zeigt zuerst die Aula: die Decke abgehängt, die Seitenwände dominiert von einer dunkelroten Metallkonstruktion aus den 1980er-Jahren, als der Denkmalschutz offenbar keine wichtige Rolle spielte. Schulleiter Krenz möchte gerne eine Tonanlage installieren, um die Aula besser für Veranstaltungen nutzen zu können.

"Und das scheitert im Augenblick daran - obwohl ich Rücklagen gebildet habe, um das alles anzuschaffen -, dass die Elektrik nicht ausreicht. Mein jetziger Stand ist, dass wir im Prinzip zwei Steckdosen mehr bräuchten, die lassen sich aber nicht legen. Das ist natürlich dramatisch."

Eine Schule - ein Computerraum

Die Elektrik ist auf dem Stand der 1960er-Jahre. Aus diesem Grund kommt das Schadow-Gymnasium auch mit der Digitalisierung nicht voran. Nur einen Computerraum für 1150 Schülerinnen und Schüler – mehr kann und darf Schulleiter Krenz nicht anbieten. Jedes weitere elektrische Gerät könnte die gesamte Stromversorgung zusammenbrechen lassen. Geld für Laptops wäre da, sagt der 48-Jährige.

"Aber auch die müssen irgendwann wieder an den Strom oder an den Server, dass sie sich wieder neu aufsetzen können. Das muss ja alles geregelt sein. Und da hapert es im Augenblick. Wir brauchen ein funktionierendes WLAN-Netz. Ganz Berlin kriegt ein WLAN-Netz - jedes Krankenhaus, alle U-Bahn-Stationen, nur in der Schule ist das nicht ganz so einfach."

Andreas Krenz läuft einen langen Gang entlang, zeigt auf Putz, der von den Wänden abblättert und auf verrottete Holzfenster, die schon vor Jahrzehnten hätten neu gestrichen werden müssen.

"Abgeplatzter Putz, abgeschlagene Ecken. Das sieht man nicht mehr, wenn man jeden Tag hier ist. Wir verbringen ja einen Großteil unseres Lebens in diesem Gebäude. Die Kinder ja auch und die Jugendlichen. Das vergisst man aber häufig. Man gewöhnt sich dran."

Nächste Station: die Toiletten.  

"Es stinkt. Genau. Es stinkt. Und das ist erstmal nicht menschengemacht oder die Folge davon, dass es eine Toilette ist, sondern es stinkt einfach aus den Rohren. Da kann man machen was man will."

Gesperrte Toilette am Schadowgymnasium (Anja Schäfer / Deutschlandradio)Der Gestank dringt ins das gesamte Schulgebäude. (Anja Schäfer / Deutschlandradio)

Es stinkt überall

Im Schadow-Gymnasium stinkt es nicht nur auf den Toiletten. Im Sommer auch in den Gängen und in einigen Klassenzimmern.

"Da gibt es so Heizschächte, dass unten aus dem Heizungskeller die Warmluft aufsteigt. Und da möchte ich nicht wissen, was alles in den Schächten drin liegt. Manchmal, wenn es sehr heiß ist, stinkt es wirklich sehr in diesen Räumen."

Im Nachbargebäude lässt Schulleiter Krenz gerade die Toiletten malern. "Mal sehen, wie weit die Handwerker sind", sagt er und wirft einen Blick hinein. Die Handwerker-Rechnung zahlt nicht der Bezirk Steglitz-Zehlendorf, dem das Schulgebäude gehört, sondern die Schule selber aus ihrem eigenen kleinen Budget. Diese Mittel würde ich lieber für die Lehrerfortbildung nutzen, seufzt Andreas Krenz.

"Mach´ ich nicht, sondern ich lasse malern. Dafür sind sie auch, aber ich könnte mir natürlich sehr viele andere Sachen damit vorstellen, für dieses Geld. Aber nun gut, muss eben gemalert werden."

Ein wenig schicksalsergeben klingt Andreas Krenz, der seit neun Jahren Sport, Erdkunde und Ethik am Berliner Schadow-Gymnasium unterrichtet. Wann mit der Sanierung seiner Schule begonnen werden kann, ist völlig unklar. Sicher ist nur, dass sie geschätzte 20 Millionen Euro kosten wird. Das Schadow-Gymnasium steht auf Platz 1 der Großschadensfälle – keine Schulsanierung in Berlin ist teurer.

"Irgendwann muss jetzt der Durchbruch kommen. Dass ich den Eltern was sagen kann und den Schülern."

Andreas Krenz führt über den Schulhof. Die historische Turnhalle neben dem Basketballfeld ist seit den Sommerferien baupolizeilich gesperrt – Folge eines Starkregens. Mit der Fassadensanierung des zweiten Schulgebäudes wurde begonnen, aber irgendwann war wieder Schluss, große Teile des Putzes bröckeln seitdem ab.

"Meine große Sorge ist immer, dass einfach nur die Fassade gemacht wird. Aber nicht darüber nachgedacht wird, wie können wir es besser machen. Ich will nicht saniert werden auf einem 100 Jahre alten Stand. Sondern es muss geguckt werden, was wird daraus."

Der Sanierungsstau beläuft sich auf 3,9 Milliarden Euro

Der marode Zustand von vielen der 759 Berliner Schulen ist für Lehrer, Eltern und Schüler ein fortwährendes Ärgernis, die Probleme sind seit Jahren allen bekannt. Kein Vater, keine Mutter, der oder die nicht eine dramatische Geschichte erzählen könnte: Kinder, die sich in die Hose machen, weil sie die Schultoiletten eklig finden. Eine Grundschule, deren Turnhalle zehn Jahre lang nicht benutzbar war. Eltern, die klapprige Fenster selber kitten. Kinder, die im Winter dicke Mäntel im Klassenzimmer tragen müssen, weil es zieht. Schimmel und Legionellen in Turnhallen. Die Liste der Zumutungen ist endlos lang.

Der Sanierungsstau beläuft sich in Berlin auf 3,9 Milliarden Euro. Ein Grund dafür ist die Finanzsituation des Landes. Die Hauptstadt ist extrem verschuldet, musste deshalb einen rigiden Sparkurs fahren, den die zwölf Bezirke besonders zu spüren bekamen. Personal wurde abgebaut, dringend notwendige Investitionen unterlassen.  

Dass das Thema "Marode Schulen" erst jetzt in der Landespolitik angekommen ist, liegt an der Aufgabenteilung zwischen Land und Bezirken. Die Lehrerinnen und Lehrer sind beim Land angestellt, die Schulgebäude gehören den Bezirken. Berlins Regierender Bürgermeister und SPD-Landeschef Michael Müller sagte auf dem letzten Landesparteitag der Sozialdemokraten:

"Ich will nie wieder von einem Bezirk einen Brief bekommen, der mir mit trauriger Stimme dann darstellt, ja, es ist tatsächlich richtig, die eine Schule, die wird schon seit zehn Jahren saniert, da sind die Wände immer noch offen. Aber wir haben eine andere Schule, da ist es noch dringender. Wir alle müssen einig dafür stehen, dass diese Zustände jetzt, jetzt, nicht irgendwann, sondern jetzt beendet werden in unseren Schulen."

Zwist zwischen Land und Bezirken

Lange Jahre haben sich Land und Bezirke gegenseitig den Schwarzen Peter zugeschoben. Das Land sagte: Die Schulen gehören den Bezirken. Die Bezirke erwiderten: Wir bekommen zu wenig Geld vom Land. Als die Senatsverwaltung für Bildung versuchte herauszufinden, wie groß der Sanierungsstau überhaupt ist, mussten die Experten feststellen: Wir wissen es gar nicht, denn jeder Bezirk rechnet anders. Erst seit letztem Frühjahr existiert eine Liste aller sanierungsbedürftigen Schulen. Doch nicht nur bei der Sanierung drängt die Zeit. Da Berlin jährlich um 50.000 Menschen wächst, werden zudem viele neue Schulen benötigt. Bildungssenatorin Sandra Scheeres, SPD:

"Das Land hat sich ganz klar dafür ausgesprochen, in den nächsten zehn Jahren 5,5 Milliarden Euro in die Hand zu nehmen."

Jetzt ist das Geld für Sanierung und Neubau also da, kann allerdings nicht so schnell wie gewünscht ausgegeben werden. In den Bezirken fehlt das entsprechende Fachpersonal – die Bauabteilungen wurden aufgrund des Sparzwangs im letzten Jahrzehnt zusammengeschrumpft. Der bildungspolitische Sprecher der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus, Paul Fresdorf:

"Die Leute haben wir nicht. Wir bekommen sie auch am Markt nicht. Weil sie für diese Vergütung, die die Bezirksämter zahlen können aufgrund des Tarifsystems des Landes Berlin, eigentlich auf dem freien Markt keine Leute mehr bekommen."

Nun fehlt das Personal in den Bauabteilungen

Die oppositionelle FDP sieht deshalb nur eine Lösung: Um schnell neue Schulen bauen sowie die vorhandenen zügig sanieren zu können, müsse das Land den Bezirken die Schulen zeitweise wegnehmen. Dies sei ganz im Sinne der 310.000 Berliner Schülerinnen und Schüler.

"Wir müssen jetzt einmal sagen: Liebe Bezirke, ihr könnte es einfach nicht schaffen. Und das wissen wir. Weil ihr die Leute nicht ranbekommt. Also helfen wir Euch für einen Übergangszeitraum von zehn Jahren, nehmen Euch das komplett ab, kümmern uns um alles, was Schulsanierung betrifft. Und danach bekommt Ihr ordentliche Schulen wieder zurück. Wir wollen Euch ja nicht dauerhaft was wegnehmen."

Ein radikaler Vorschlag der Opposition, den die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung ablehnt. Ist doch das Verhältnis von Land und Bezirken auch eine wichtige parteipolitische Frage. So braucht der Regierende Bürgermeister Michael Müller die sozialdemokratischen Bezirksbürgermeister und Stadträte, um seine Macht als Chef der Landes-SPD zu stabilisieren. Auch aus diesem Grund hat man sich nun zu einer Sowohl-als-auch-Lösung durchgerungen. Die "Großschadensfälle" – zu denen auch das Schadow-Gymnasium gehört – fallen jetzt in die Zuständigkeit der Senatsverwaltung für Bau und Stadtentwicklung, auch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge mit ihren Bauexperten wird beteiligt. Bei Schulen, deren Sanierungskosten zwischen 5,5 und 10 Millionen Euro liegen, kann der jeweilige Bezirk entscheiden, ob er die Schule in Eigenverantwortung saniert oder lieber an das Land abgibt.

Wann die Sanierung des Großschadensfalls Schadow-Gymnasium endlich losgeht, weiß Schulleiter Andreas Krenz allerdings immer noch nicht. Er wartet sehnsüchtig auf den längst überfälligen Sanierungsplan des Landes Berlin.

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