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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.11.2020

Sanierung Frankfurter Paulskirche"Hotspot der Demokratiebewegung"

Christoph Cornelißen im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Die Paulskirche in der Frankfurter Innenstadt. (picture alliance / Fabian Sommer / dpa)
Die Paulskirche in der Frankfurter Innenstadt gilt als Wiege der Demokratie in Deutschland. (picture alliance / Fabian Sommer / dpa)

Die Frankfurter Paulskirche soll umgestaltet und danach saniert werden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters möchte dort ein "Haus der Demokratie" etablieren. Das mache historisch durchaus Sinn, findet der Historiker Christoph Cornelißen.

Bis Ende 2022 soll ein Konzept zur Umgestaltung der Paulskirche vorliegen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat ein Expertengremium dafür berufen. Kulturstaatsministerin Grütters wünscht sich ein "Haus der Demokratie", fußläufig zur Kirche. Im Zuge der Sanierung könnte also auch mit dem Bau eines solchen Hauses begonnen werden.

"Erinnerungspolitisches Desaster"

In der Frankfurter Paulskirche formulierte die erste deutsche Nationalversammlung die Grundrechte des deutschen Volkes und verabschiedete sie in der Reichsverfassung. Die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland wurden von ihr geprägt. Im öffentlichen Bewusstsein ist die Paulskirche heute vor allem als der Ort präsent, an dem jährlich der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird.

Der Historiker Herfried Münkler und Peter Cachola Schmal, Leiter des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, halten den momentanen Zustand der Paulskirche für ein "erinnerungspolitisches Desaster". Christoph Cornelißen lehrt Zeitgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Mit Blick auf den aktuellen Zustand des Gebäudes könne er dem teilweise zustimmen.

So erklärt er: "Die Paulskirche ist einerseits authentischer Erinnerungsort und zugleich historisches Museum. Diese doppelte Funktion ist womöglich Anlass für den Befund eines 'erinnerungspolitischen Desasters'. Weil beides funktioniert nur leidlich."

Laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters braucht Deutschland eine Bundesstiftung "Orte der deutschen Demokratiegeschichte". Als Demokrat und auch als Wissenschaftler müsse man das grundsätzlich begrüßen, findet Cornelißen. Es gehe um die Stärkung demokratischen Bewusstseins.

"Die Idee trifft ohnehin auf eine Bewegung, die sich seit 2017 aufgebaut hat, die Arbeitsgemeinschaft 'Orte der Demokratie in der Bundesrepublik'". Wenn jetzt öffentliche Gelder nicht nur für die Paulskirche, sondern ein Netzwerk bereitgestellt würden, "muss man das begrüßen", so Cornelißen.

Konfliktgeschichten der Demokratie schreiben

Frankfurt würde sich seiner Meinung nach als Ort einer solchen Stiftung anbieten. Berlin würde historisch hingegen nicht recht ins Konzept passen. "Der deutsche Südwesten ist einer der Kernorte der Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts gewesen. Frankfurt als freie Reichsstadt ist über Jahrzehnte Ausweis für Demokratie- und republikanische Begehren geblieben", so Cornelißen.

Um Demokratiegeschichte zu vermitteln, braucht man Cornelißen zufolge symbolische Verdichtungen, die helfen, politische Ordnungen zu begreifen und uns mit ihnen zu identifizieren. "Stolz kann nicht Endzweck eines solchen Demokratiezentrums sein", erklärt er.

Stattdessen gelte es, die besonderen Schwierigkeiten in der Etablierung demokratischer Ordnungen und Aufrechterhaltung aufzuzeigen. "Also stärker Konfliktgeschichten schreiben", sagt der Historiker.

Erst am Wochenende hat sich eine 22-Jährige aus Kassel bei einer Demonstration gegen die Einschränkungen durch die Pandemie mit Sophie-Scholl verglichen. Dass die politische Bildung in Anbetracht dieses Beispiels nicht hinreichend funktioniert, könne man annehmen, sagt Cornelißen.

"Politische Bildung entsteht aber nicht nur in konkreten Bildungszusammenhängen", so Cornelißen. Daran werde auch ein Zentrum zur Stärkung der Demokratie nichts Grundlegendes ändern. 

Praktische Demokratie durch Teilhabe

"Demokratie ist eine Frage der Praxis", so Cornelißen. Von daher müssten wir seiner Ansicht nach versuchen, über die Vermittlung entsprechender praktischer Kenntnisse und die Beförderung der Teilhabe möglichst großer Bevölkerungsgruppen an den demokratischen Aushandlungen für einen solideren Kontext zu sorgen.

"Es wird immer marginalisierte Gruppen geben", räumt er ein. "Die wird man nicht unter Kontrolle bekommen können."

Das sei aber nur dann gefährlich, wenn es in der gesellschaftlichen Mitte zu Auflösungserscheinungen käme. "Dann werden diese Menschen zu einem Problem."

Cornelißen fürchtet, dass man geschichtsvergessene Bürger mit einer Bundesstiftung "Orte der deutschen Demokratiegeschichte" weniger erreichen kann. Es gebe immer einen "Bodensatz der Unbelehrbaren", die diese Art von Bildungsangeboten nicht erreiche.

"Ich glaube, es ist viel wichtiger für die Kommunalparlamente bis hinauf zum Bund, dass man diesen Gruppen, die sich für die Demokratie einsetzen, den Rücken stärkt. Bewusst macht, welche Leistungen sie erbringen, dafür würde ich eine Möglichkeit im Rahmen des Demokratiezentrums sehen."

(mfied)

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