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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.12.2017

Sandra Konrad: "Das beherrschte Geschlecht"Die Missachtung der weiblichen Würde

Von Susanne Billig

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Buchcover: "Das beherrschte Geschlecht - Warum sie will, was er will", Piper Verlag, 2017 (imago/JOKER/Piper Verlag)
Sandra Konrad hat für ihr Buch "Das beherrschte Geschlecht" auch mit vielen sehr jungen Frauen gesprochen. (imago/JOKER/Piper Verlag)

Schönheitsoperationen für elfjährige Mädchen. Verschleppte, zur Prostitution gezwungene Frauen. Verstümmelungen, Prügel und Verachtung weltweit. In ihrem neuen Buch "Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will" trägt die Psychologin Sandra Konrad eine beklemmende Bestandsaufnahme der Lage der Frau im frühen 21. Jahrhundert zusammen.

In drei großen Teilen – weibliche Lust und männliche Normen, Pornografie und Prostitution, sexualisierte Gewalt – geht es um die zahllosen Formen der Kontrolle und Unterdrückung, die das durchziehen, was wir heute als Sexualität bezeichnen. Spannend an diesem Buch ist vor allem, dass Sandra Konrad es – von Exkursen in das misogyne, aber unsere Wahrnehmungen noch heute prägende 19. Jahrhundert abgesehen – intensiv auf aktuelle Entwicklungen ausrichtet.

So hat sie mit vielen sehr jungen Frauen gesprochen – und was die über ihre ersten sexuellen Erfahrungen erzählen, kann einer Frau 30 Jahre nach dem Beginn der zweiten Frauenbewegung nur die Tränen in die Augen treiben: Der internetgestählte, pornografische Blick überlagert inzwischen jede erotische Erfahrungsmöglichkeit. Hauruck-Vorstellungen von männlicher Lust werden zum Maßstab dessen, was Mädchen meinen, sexuell schon beim ersten Mal leisten zu müssen.

Einfühlsam und faktenbasiert

Gewiss, betont die Autorin, junge Menschen bekommen es irgendwie hin, ihren persönlichen Weg zwischen den immer gewalttätigeren pornografischen Bildern und eigener Neugier und Unkenntnis zu finden. Wenn Liebe im Spiel ist, seien die Machtverhältnisse in Beziehungen sogar ausgeglichener und partnerschaftlicher geworden. Dennoch: Nach freudvoller sexueller Befreiung junger Frauen klingt das alles nicht.

Verständlich und einfühlsam im Ton, entschieden und faktenbasiert in der Sache lesen sich auch Sandra Konrads Ausführungen zur Prostitution. Naiven Träumen von selbstbestimmten Arbeitsbedingungen stolzer Sexarbeiterinnen erteilt sie, indem sie das Massenelend in der Rotlichtwelt schonungslos realistisch beschreibt, eine deutliche Absage.

Lesbische Liebe bleibt unerwähnt

Leider bleibt eine Form weiblicher Sexualität in diesem Buch völlig unerwähnt: die lesbische Liebe. Das ist ärgerlich, schließlich ereignet sich lesbische Sexualität nicht auf einem anderen Stern, sondern wird allein in Deutschland von hunderttausenden Frauen gelebt, von jüngeren auch immer häufiger im Wechsel mit heterosexuellen Beziehungen. Doch auch hier drücken, zu beobachten vor allem seit den 1990er-Jahren, patriarchale Muster oft massiv durch, etwa rigide Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit. Zu diesem Phänomen hätte man die klugen Analysen der Autorin ebenfalls gern gelesen.

Gibt es einen Ausblick? Vorsichtig wagt ihn dieses wichtige Buch im vierten Teil: als Appell an Frauen, die Freiheit, die ihnen heute gesetzlich zusteht, auch im vollen Umfang persönlich zu realisieren und von anderen einzufordern.

Sandra Konrad: "Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will"
München, Piper Verlag, 2017
384 Seiten, 24 Euro

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