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Tonart | Beitrag vom 06.02.2020

Sampling in der Musikproduktion Der Reiz liegt im Wiederentdecken und Neuverbinden

Georg Fischer im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Musikproduktion mit Sampler und Laptop. (Unsplash / Duncan Kidd)
Sampling ist Arbeit am Klang und steht für die Remix-Kultur. (Unsplash / Duncan Kidd)

Seit 20 Jahren streiten Moses Pelham und Kraftwerk über 1,5 Sekunden Musik, die Pelham ungefragt benutzt hatte. Der Soziologe Georg Fischer sieht darin einen exemplarischen Konflikt. In seiner Doktorarbeit untersucht er die Motive fürs Samplen.

Moses Pelham hat 1997 eine Musiksequenz von Kraftwerks "Metall Auf Metall" in dem von Sabrina Setlur gesungenen Lied "Nur Mir" genutzt. Der Streit um die Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens schreibt seit inzwischen 20 Jahren Justizgeschichte. 

Georg Fischer ist Technik- und Innovationssoziologe und glaubt, dass urheberrechtliche Themen noch wichtiger werden, nicht nur in der Musik: "Urheberrecht ist ein Riesenthema in den Medien, in der Wissenschaft, im Internet-Alltag. Das wird in Zukunft auch noch viel größer werden."

Autonomie-Ästhetiker vs. Remix-Kultur

In dem Streit um das Kraftwerk-Sample sieht Fischer einen Konflikt zwischen Grundhaltungen: Eine nennt er Autonomie-Ästhetik, die andere Remix-Kultur. "Diese zwei Seiten arbeiten sehr stark gegeneinander", sagt der Wissenschaftler, der auch in der Musikindustrie im Bereich Lizenzierung und Verwertungsgesellschaften tätig ist.

Autonomie-Ästhetiker gingen davon aus, dass ein Werk, wenn es in die Öffentlichkeit tritt, als abgeschlossen gilt, dass es komplett intakt bleiben müsse, so Fischer. Die Vertreter der Remix-Kultur seien eher der Meinung, dass, wenn ein Werk erstmal in der Öffentlichkeit ist, man sich damit auseinandersetzen dürfe, ja sogar müsse. Demnach dürfe man Teile davon entnehmen, dekontextualisieren und für eigene Werke verwenden. 

Motive fürs Sampling

In seiner Dissertation hat Fischer Musiker zum Thema Sampling und den Motiven der Künstler gefragt. Heraus kam, dass der Reiz vor allem für Hip-Hop-Musiker darin bestehe, alte, vergessene Musikstücke und Platten zu finden.

Musikmachen mit Sampling sei Arbeit am Klang: "Sampling meint, dass man Klang anfassen, bewegen und manipulieren kann. Diese Arbeit am Klangmaterial selbst steht ganz klar im Vordergrund."

"Natürlich ist für sie auch die Praxis interessant, dass man etwas aus einem Zusammenhang nimmt und in einen neuen Zusammmenhang stellt und sich anschaut, was passiert, wenn man verschiedene Samples miteinander spielen lässt, die so bisher noch nicht verbunden warnen."

Fischers Fazit: "Der Reiz am Neuen, am Unbekannten, ist von ganz großem Interesse."

Leistungsschutzrecht 

Beim Urheberrecht geht es laut Fischer immer wieder um die Frage des Verhältnisses von Schutz eines Werkes einerseits, und Freiheit andererseits – und um deren Balance. "Da müssen wir bei jeder neuen Medientechnologie darüber reden."

Fischer sieht eher die Vertreter der Remix-Kultur im Recht: "Die Ausdehnung des Leistungsschutzrechts, über die engen urheberrechtlichen Grenzen hinaus, führt zu mehr Problemen als Nutzen in diesem Fall."

(mfu)

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