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Konzert / Archiv | Beitrag vom 17.11.2018

Salzburger Festspiele – Oper "Der Prozess"Vom Sinn und Unsinn der Schuld

Moderation: Stefan Lang

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Der Dirigent HK Gruber hält die Partitur zu "Der Prozess" von Gottfried von Einem in die Höhe, vor dem Orchester stehend (Salzburger Festspiele / Marco Borrelli)
Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien spielte unter der Leitung von HK Gruber (Salzburger Festspiele / Marco Borrelli)

Der postum veröffentlichte Roman von Franz Kafka "Der Prozess" ist die Vorlage für die gleichnamige Oper von Gottfried von Einem. Es ist die nebulöse Geschichte von irrwitziger Beschuldigung und undurchdringlichem Gerichtsprozess.

"Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein!", spricht Josef K. und der Geistliche wird gleich entgegnen: "Das ist richtig – aber so pflegen die Schuldigen zu reden!"

Der Dichter Franz Kafka hat in seinem Roman "Der Prozess", der 1925 posthum veröffentlicht wurde, das Gefühl des Ausgeliefertseins seiner Hauptfigur beschrieben. Josef K. wird mehr und mehr durch das undurchdringliche Dickicht äußerlicher Rechtswillkür verunsichert.  

Der Österreichische Komponist Gottfried von Einem greift diese kafkaeske Absudität der Literatur für sein zweites Opernprojekt auf. Sein Lehrer Boris Blacher und auch Heinz von Cramer haben das Libretto verdichtet – aus mehr als sieben Stunden Roman wurden knapp zwei Stunden Oper.

Der österreichische Komponist und Musikpädagoge Gottfried von Einem in einer undatierte Aufnahme (picture-alliance/ dpa - UPI)Der österreichische Komponist und Musikpädagoge Gottfried von Einem (picture-alliance/ dpa - UPI)

Als Gottfried von Einem 1949 mit der Arbeit an der Oper begann, warf auch geradee die jüngste Geschichte eine unglaubliche Parallele auf: Die McCarthy-Ära brachte die irreale Situation der Hauptfigur Josef K. für viele ein erschreckendes Stück näher in ihre eigene Erfahrungswelt.

Wiederaufführung am Ort der Uraufführung

Wie bereits Einems überaus erfolgreiche Erstlingsoper Dantons Tod (1947) wurde auch "Der Prozess" bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt: am 17. August 1953. Doch das war nicht selbstverständlich, erlebte von Einem gerade hier eine große Verleumdungsaktion, die ihm sein Wirken in Salzburg unmöglich machte: "Dr. Tassilo Nekola denunzierte mich [...] als Kommunisten. Es wurde eine Direktionssitzung einberufen, und ich wurde hochnotpeinlich befragt, warum ich mich denn für Brecht eingesetzt hätte, wo es doch klar wäre, daß Brecht ein Schädling sei ..."

Weiter erinnert sich der Komponist: "Damals war schon Josef Klaus Landeshauptmann und prägte den Satz, ich sei eine 'echte Schande für Österreich'. Als ich mich gegen diese ungerechtfertigten Vorwürfe und Anschuldigungen emotionsgeladen zur Wehr setzte, wurde ich wegen 'schlechten Benehmens' aus dem Salzburger Direktorium ausgeschlossen".

So einnerte sich der spätere Ehrenringträger des Landes Salzburg, Gottfried von Einem, in dem mit dem Titel "Der Rausschmiß aus dem Salzburger Festspieldirektorium" überschriebenen Kapitel seiner Autobiografie (Einem 1995, S. 189f.).

Die Bühne der Felsenreitschule in Salzburg in einer schwarz-weiß Fotographie in der Nacht (Salzburger Festspiele / Luigi Caputo)Die Felsenreitschule in Salzburg (Salzburger Festspiele / Luigi Caputo)

Von Einem hat für seine Oper eine flotte, tonale Musik gesetzt, rhythmisch komplex, sachlich angemessen – nie langweilig. Knifflig für die Sänger: In kaum einer anderen Oper wird so viel auf einem Ton gesungen wie hier. Den Protagonisten wird äußerste deklamatorische Präzision abverlangt, es ist eigentlich Sprechtheater mit anderen Mitteln.

Die Solisten Jörg Schneider, Anke Vondung, Ilse Erens und Michael Laurenz stehen vor dem ORF Fadio-Symphonieorchester Wien. (Salzburger Festspiele / Marco Borrelli)Jörg Schneider, Anke Vondung, Ilse Erens und Michael Laurenz waren Solisten an diesem Abend (Salzburger Festspiele / Marco Borrelli)

Aufzeichnung der konzertanten Aufführung vom 14. August 2018 in der Felsenreitschule in Salzburg

Gottfried von Einem - Der Prozess 
Oper in zwei Teilen und 9 Bildern auf ein Libretto von Boris Blacher und Heinz von Cramer nach Franz Kafka

Josef K. – Michael Laurenz, Tenor  
Aufseher/ Geistlicher/ Fabrikant/ Passant – Jochen Schmeckenbecher, Bariton  
Student/ Direktor Stellvertreter – Matthäus Schmidlechner, Tenor  
Titorelli – Jörg Schneider, Tenor  
Untersuchungsrichter/ Prügler – Lars Woldt, Bass  
Willem/ Gerichtsdiener/ Advokat – Johannes Kammler, Bariton   
Franz/ Kanzleidirektor/ Onkel Albert – Tilmann Rönnebeck, Bass  
Fräulein Bürstner/ Frau des Gerichtsdieners/ Leni/ Buckliches Mädchen – Ilse Eerens, Sopran  
Frau Brubach – Anke Vondung, Mezzosopran  
Bursche/ drei Herren/ Drei junge Leute: Alexander Hüttner, Martion Kiener und Daniel Gutmann

ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: HK Gruber

In einer Pause wird ein Gespräch mit HK Gruber zu hören sein, in dem er sich an seinen Lehrer Gottfried von Einem erinnert.

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