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Buchkritik | Beitrag vom 15.10.2019

Salman Rushdie: "Quichotte"Bitterböse Abrechnung mit Trumps Amerika

Von Johannes Kaiser

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Buchcover von Salman Rushdies neuem Roman "Quichotte" vor orangem Hintergrund (C. Bertelsmann / Deutschlandradio)
Salman Rushdie hat den Stoff von "Don Quijote" ins Amerika der Gegenwart übertragen. (C. Bertelsmann / Deutschlandradio)

Salman Rushdie hat Miguel de Cervantes' Klassiker "Don Quijote" ein Update verpasst. In seinem neuen Roman lässt der britisch-indische Autor einen modernen "Quichotte" durch die USA reisen – und erzählt so von Rassismus, Fake-News und Opioid-Krise.

Salman Rushdie ist wieder eingetaucht in das Hier und Heute, in das Amerika unter Trump, in eine Welt, die Fiktives von Realität nicht scheiden kann oder mag, die Lügen für Wahrheit hält, in neu aufblühendem Rassismus erstickt. Es ist eine bitterböse Abrechnung mit den USA.

Im Vordergrund des Romans steht ein Schriftsteller, der sich bislang mit billigen Spionageromanen seinen Lebensunterhalt verdient hat und jetzt eine Geschichte über einen zeitgenössischen Quichotte erfindet. Das ist ein einsamer alter Mann, ein in die USA ausgewanderter Inder, der als Vertreter für einen Pharmakonzern durch die USA gezogen ist, inzwischen pensioniert. Er ist ein fernsehsüchtiger Mann, der in der Welt der Shows und Serien innere Ruhe findet und sich dabei unsterblich in eine berühmte Fernsehmoderatorin verliebt. Sie zu erobern, bricht er mit seinem alten Chevy Cruze zu einer Reise durch die USA auf. Er hat eine Reihe von Herausforderungen zu bestehen, um schließlich zu ihr zu gelangen. Als Begleitung erfindet er sich einen Sohn, Sancho. Als dunkelhäutige Reisende müssen sie mehrmals vor weißen Fremdenhassern fliehen.

Zugleich erfahren wir die Lebensgeschichte des Autors, im Roman nur "Bruder" genannt. Der stammt auch aus Indien, hat eine Schwester, mit der er so zerstritten ist, dass sie seit Jahrzenten keinen Kontakt mehr miteinander haben.

Der Schriftsteller als Gott

Salman Rushdie wechselt zwischen diesen beiden Geschichten hin und her, erzählt parallel, wie beide wurden, was sie heute sind. Der Autor des "Quichotte" hat seiner Figur zahlreiche eigene Erlebnisse verliehen.

Damit spielt Rushdie auf die alte Frage der Literaturwissenschaft an, wie viel Autobiographisches im Roman eines Autors steckt. So lässt er seinen Autor über jenen sinnieren, der ihn und Quichotte geschaffen hat, "der all das in mich hinein gegeben hat". Der Autor nennt diesen Jemand Gott - eine ironische Volte Rushdies: der Schriftsteller als Gott, der eine eigene Welt erschafft.

Rushdie lässt zudem seinen Autor erzählen, worum es im "Quichotte"-Roman geht, und beschreibt damit sein eigenes Buch und dessen Themen. Es erzählt von obsessiver Liebe, Vater-Sohn Beziehungen, Geschwisterkonflikten und verhandelt außerdem offenen Rassismus, Missbrauch von Opioid-Schmerzmitteln, Cyber-Kriege, Fake-News. Außerdem taucht Rushdie mit seiner Quichotte-Figur in phantastische Science-Fiction-Visionen ein.

Geschicktes Spiel mit den Ebenen

Rushdie benennt auch die literarischen Mittel, mit denen er gearbeitet hat, indem er seinen Autor sagen lässt, dass der Roman "Elemente der Parodie, der Satire und der Persiflage" enthielte.

Da bleibt einem als Kritiker nur, genau das zu bestätigen. Ja, all dies trifft zu, ist aber so phantasievoll und geschickt in die Geschichten verwoben, dass man nicht aufhören mag zu lesen. Rushdies Roman ist ein verstörendes, erschreckendes Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft, die der Schriftsteller als unerträglich und beängstigend beschreibt. Es sind die zahlreichen Einsprengsel der Wirklichkeit, die Rushdies Fiktion zu einem atemberaubenden Leseerlebnis macht. Sein bester Roman seit langem.

Salman Rushdie: "Quichotte"
Aus dem Englischen von Sabine Herting
C.Bertelsmann Verlag, München 2019
464 Seiten, 25 Euro

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