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Zeitfragen | Beitrag vom 24.08.2020

Saisonarbeiter in der Coronakrise Ernten mit Risiko

Von Christoph D. Richter

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Menschen liegen auf einem Wagen und ernten Gurken. (picture alliance/dpa//Patrick Pleul/ZB)
Die Bauern brauchen Saisonarbeiter: Gurkenernte mit einem sogenannten Gurkenflieger. (picture alliance/dpa//Patrick Pleul/ZB)

Die hiesigen Landwirte brauchen die Saisonarbeiter bei der Ernte. Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Die Coronakrise zwingt die Obst- und Gemüsebauern zu Umstellungen: Und nicht immer werden die Arbeiter ausreichend geschützt.

Die Arbeit der osteuropäischen Erntehelfer im Spreewald ist schweißtreibend. Sie liegen auf utopisch aussehenden Erntemaschinen – dem sogenannten Gurkenflieger – und sammeln in rasender Schnelligkeit Gurken vom Feld.

Danach sitzen die erschöpften Arbeiter vor ihren meist beengten Unterkünften. Grillen, trinken ein Bier. Mit den aus Rumänien, Polen oder der Ukraine kommenden Saisonarbeitern ins Gespräch zu kommen, ist so gut wie unmöglich. Keiner will reden, alle ducken sich weg. Schütteln energisch mit dem Kopf, wenn man mit ihnen über den Gesundheitsschutz zu Coronazeiten, die Situation in den Unterkünften sprechen will.

Die Angst, den Job zu verlieren, ist groß. Denn so mancher Landwirt hat zu harschen Mitteln gegriffen. Um die Saisonarbeiter vor dem Virus zu schützen, wie es heißt. So auch Landwirt Christoph Knösels, Geschäftsführer eines Spreewälder Gurkenanbaubetriebes in Kasel-Golzig, das liegt auf halber Strecke zwischen Potsdam und Cottbus. 

"Wir haben ein Verbot den Mitarbeitern erteilt, dass Fremde mit in die Unterkünfte reindürfen. Wir haben Eingriff genommen. Weil wir große Sorgen vor Corona haben. Wenn da einer Corona bekommt, dann kann ich hier den Laden zu machen."

Schon wer sich den Saisonarbeitern nur nähert, wird sofort wild gestikulierend verscheucht. Einzelne Arbeiter, die dennoch reden wollen, werden von anderen Erntehelfern sofort unsanft zur Seite geschoben, ernten böse Blick der eigenen Kollegen.

Viele Verstöße und keine Tests

Für Gewerkschafter Benjamin Wodrich von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, kurz IG BAU, nichts Ungewöhnliches. Er kennt diese Situationen, wenn er als sogenannter "aufsuchender Gewerkschafter" im Spreewald unterwegs ist, um die Erntehelfer vor Ort über ihre Rechte aufzuklären. Und er habe beobachtet, sagt Wodrich, dass die Coronamaßnahmen keineswegs in der Form eingehalten werden, wie es die Landwirte immer versprechen würden. Die osteuropäischen Landarbeiter würden weiterhin in Bussen eng aneinandergedrückt – ohne Maske – auf die Felder gebracht. Coronatests habe es seines Wissens überhaupt nicht gegeben.  

"Und die Unterkünfte sind von den eigentlichen Arbeitsstätten weit entfernt. Es handelt sich, um so kleine Transporter, wo ich mir nicht vorstellen konnte, dass dort Coronamaßnahmen eingehalten werden. Schon alleine wegen der Enge in so einem Transporter. Und: Haben immer noch beobachtet, und die Regelungen sind ja eigentlich andere, dass eben nicht vier Leute in einem Zimmer untergebracht werden. Ist teilweise wie vorher, also vor der Pandemie. Ich habe teilweise Unterkünfte gesehen, da waren auch sechs, acht Leute drin."

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Laut Bestimmungen des Bundesarbeitsministeriums ist das nicht erlaubt.  

"Grundsätzlich ist eine Einzelbelegung von Schlafräumen vorzusehen. Wenn das Prinzip nicht umgesetzt werden kann, ist bei der Belegung von Mehrbettzimmern der Flächenbedarf im Schlafbereich von sechs qm auf zwölf qm zu verdoppeln. Etagenbetten dürfen grundsätzlich nur einfach belegt werden."

Vorgaben, die viele Landwirte nicht einhielten, meint Gewerkschaftssekretär Benjamin Wodrich. Den Mehraufwand, die Mehrkosten könnten sie meist nicht stemmen, weshalb viele Saisonarbeiter wie gewohnt in den üblichen Unterkünften untergebracht würden.

Gurkenanbauer wie Christoph Knösels sind nicht gut auf die Gewerkschaften zu sprechen. Rücksichtslos hätten sie versucht, auf sein Betriebsgelände, in die Unterkünfte der Erntehelfer zu gelangen. Unter Missachtung aller Corona-Schutz-Regeln.

"Die Gewerkschaften haben sich nicht darangehalten, deswegen bin ich sehr enttäuscht von den Gewerkschaften. Zumal die ja jedes Jahr zu uns kommen, und eigentlich wissen müssten, dass bei uns alles in Ordnung ist."

"Unsere Existenz hängt davon ab"

400 Saisonkräfte aus Polen, Rumänien und der Ukraine arbeiten auf den Feldern von Landwirt Knösels, um die etwa 6500 Tonnen Spreewaldgurken zu ernten. Zum Schutz der zumeist männlichen Erntehelfer habe er auf die Felder zwölf mobile Hygienestationen gestellt. Auf den Gurkenfliegern – den Gurkenerntemaschinen – liegen die Erntehelfer eng nebeneinander, jetzt aber getrennt durch eine Folie.

"Unsere Existenz hängt davon ab. Wenn hier ein Coronafall ist und der Laden wird dichtgemacht, dann war es das. Dann können wir zumachen. Das überleben wir nicht. Wir haben für unsere Haupterntemaschine den Flieger, eine separate Hygieneanweisung gemacht, wie sich die Mitarbeiter auf der Maschine zu verhalten haben. Wir haben uns beispielsweise entschieden, dass jeder Mitarbeiter 100ml Handhygieneflasche bekommt. Bevor er was isst, bevor er mit der Ernte beginnt, kann er sich die Hände desinfizieren."

Die Zusammenarbeit mit den Landwirtschaftsbetrieben sei kompliziert, sagt der Gewerkschafter Wodrich. Die Behörden müssten mehr Druck auf die Landwirte ausüben, fordert er. Nur Kontrollen könnten den Schutz der Saisonarbeiter gewährleisten.

"Wenn es sich nicht anders umsetzen lässt, dann wird es nicht anders gehen, als das wir zusammen mit dem Gesundheitsamt, die Besuche auf dem Feld wahrnehmen."

Neben Gewerkschaftern klagen auch Erntehelfer-Vermittlungsagenturen, dass die Unterkünfte in so manchem Erntebetrieb problematisch seien. Der Beelitzer Spargelbauer Jürgen Jacobs schüttelt den Kopf. Er hat 270 Saisonkräfte beschäftigt, die Kosten der Unterbringung waren immens, sagt er.

Trotz Mängel keine Bußgelder

"Wir hatten einen deutlichen Mehraufwand für Übernachtungen, auch für die Reisekosten natürlich. Wir gehen davon aus, dass wir pro Erntehelfer 500 Euro Mehraufwand hatten. Aber ich muss sagen, wir haben mit dem Amt für Arbeitsschutz gut zusammengearbeitet. Es hat Begehungen gegeben, es hat Hygienebelehrungen gegeben, es hat von staatlicher Seite eine ganze Reihe von Überprüfungen gegeben."

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums des Landes Brandenburg wurden bei 16 überprüften Spargelbetrieben insgesamt 21 Mängel festgestellt, davon wurden elf als geringfügig und zehn als mittelschwer eingestuft. Bußgelder wurden keine verhängt, so ein Ministeriumssprecher.

Auch bei Spargelbauer Jacobs waren die Prüfer, aber auch Regierungsmitglieder aus Bukarest kamen, um sich ein Bild über die Arbeitsbedingungen der Landsleute im brandenburgischen Beelitz zu machen.

"Es kam zu einem Besuch der rumänischen Arbeitsministerin, die sich die Arbeitsbedingungen ihrer Landsleute vor Ort angeschaut hat. Sie hat die Unterkünfte besichtigt, sie hat sich von den rumänischen Arbeitnehmern die Arbeitsverträge, – die Unterbringungsverträge aushändigen lassen. Hat sie gelesen."

Beanstandungen? Keine, sagt Jürgen Jacobs. Und strahlt.

Nicht überall läuft es so glimpflich ab. In Bayern mussten kürzlich zwei Gemüsehöfe schließen, weil sich nach Angaben der Behörden 480 Erntehelfer infiziert hatten. In Brandenburg dagegen ist – nach offiziellen Angaben – bislang kein Erntehelfer an Corona erkrankt. Hier musste kein Landwirtschaftsbetrieb vorübergehend geschlossen werden.

Doch darauf könne man sich nicht ausruhen, das wissen auch die Landwirte. Denn optimal, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, optimal sei auch in Brandenburg längst nicht alles gelaufen.

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