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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.03.2020

Said AlDailami über JemenTragödie unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Moderation: Stephan Karkowsky

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Jemenitische Geflüchtete, Erwachsene und Kinder, in einem UNHCR-Lager im Norden von Jemen. (picture alliance / EPA / Yahya Arhab)
Ein Drama von Krieg, Tod und Vertreibung: Flüchtlinge in einem UNHCR-Camp im Norden von Jemen (picture alliance / EPA / Yahya Arhab)

Über 200.000 Menschen sind seit 2015 im Bürgerkriegsland Jemen gestorben. Die Zustände sind katastrophal. Doch weil nur wenige Flüchtlinge von dort nach Europa kommen, werde dieses Drama kaum wahrgenommen, sagt Said AlDailami von der Hanns-Seidel-Stiftung.

Stephan Karkowsky: Man nennt ihn auch den vergessenen Krieg, den Krieg im Jemen, ein Land ganz im Süden der arabischen Halbinsel mit mehr als 30 Millionen Einwohnern. Seit fünf Jahren herrscht dort Krieg, seit die Huthi-Rebellen das Parlament auflösten und den Übergangspräsidenten Hadi vertrieben haben. Sprechen möchte ich darüber mit Said AlDailami. Der promovierte Staatswissenschaftler arbeitet für die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung und ist im Jemen geboren. Guten Morgen!

Said AlDailami: Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Karkowsky!

Karkowsky: Im November erst ist Ihr Buch erschienen bei C. H. Beck über den Jemen, aber selbst das konnte in der Öffentlichkeit nur ganz kurz Interesse wecken für diesen Konflikt. Bevor wir über das Warum sprechen, sagen Sie mir, wie geht es den Menschen im Jemen heute?

AlDailami: Nun, fünf Jahre nach dem Krieg geht es den Menschen desaströs schlecht im Jemen. Schon vor Ausbruch des Krieges galt der Jemen als das Armenhaus der arabischen Welt. Nun, fünf Jahre später, wurde der Jemen buchstäblich ins Mittelalter zurückbombardiert. Es gibt keinerlei Infrastruktur mehr, Wasserknappheit, Lebensmittelknappheit, seit vier Jahren gibt es keinen Strom mehr in den Großstädten, geschweige denn in den Dörfern. Den Menschen geht es sehr, sehr schlecht. Im Prinzip versuchen sie jeden Tag zu überleben.

Wir zählen bis heute 233.000 mittelbare und unmittelbare Todesopfer dieses Krieges. Die mittelbaren, das sind die, die durch Kampfhandlungen, durch Bombenabwurf getötet wurden, und der Rest sind verhungerte Menschen, auf der Flucht gestorbene Menschen. Das geht weiter, alle zehn Minuten stirbt im Jemen ein Kind. Inzwischen schätzt "Save the Children" 85.000 gestorbene Kinder im Jemen, und diese Zahl ist aus meiner Sicht noch deutlich unter der eigentlichen Zahl, die wir im Jemen haben.

Es werden keine Gehälter mehr ausgezahlt

Karkowsky: Sie haben selbst Verwandte im Jemen. Wie organisieren dort die Menschen ihren Alltag, wie machen die das?

AlDailami: Die Eltern kümmern sich darum. Meistens sind die Männer – das beginnt im Jemen schon ab dem zwölften Lebensjahr – an der Front und kämpfen, und die Frauen und die kleineren, jüngeren Kinder gehen auf die Straße und versuchen zu betteln, etwas zu bekommen, denn es gibt seit drei Jahren keine Staatsgehälter. Es werden keine mehr ausgezahlt, und zwei Millionen Menschen im Jemen lebten von Gehältern des Staates.

Im Prinzip ist es ein tägliches Überleben und Kämpfen ums Überleben. Insofern sind Kinder und Frauen die am meisten betroffenen von diesem Krieg. Und die, die an der Front kämpfen, kämpfen nicht, weil sie für diesen Krieg sind, sondern weil sie dann tatsächlich noch ein wenig Geld nach Hause schicken können, denn an der Front gibt es Geld, von beiden Seiten.

Karkowsky: Und dadurch werden ja auch die Lehrer aus den Schulen abgezogen. Sie tun was dagegen – was genau?

AlDailami: Ja, die Lehrer und das Gesundheitspersonal sind am meisten betroffen von dieser Gehaltseinstellung, und wir haben uns mit dem Verein "Hayati Karamati", das bedeutet auf Arabisch "mein Leben, meine Würde", haben wir uns zum Ziel gesetzt, den Schulbetrieb im Jemen wieder fortzusetzen. Wir haben uns zwei Schulen vorgenommen als Pilotprojekte, und dort versuchen wir über Spendengelder, die wir hier in Deutschland akquirieren, den Lehrerinnen und Lehrern ein Gehalt zu zahlen, damit sie wieder den Schulbetrieb aufrechterhalten. Das gelingt uns sehr gut.

Inzwischen profitieren über 70 Lehrer von diesen Spenden, und ungefähr 2.000 Schulkinder besuchen die Schule, aber das ist immer noch viel zu wenig, denn im Jemen sind zwei Millionen Kinder zurzeit ohne Schulbesuch. Entweder sind die Schulen zerstört, komplett, und müssen wieder neu aufgebaut werden, oder der Lehrbetrieb wurde einfach gestoppt, weil die Lehrer keinen Sinn mehr darin gesehen haben, in die Schule zu gehen und dafür nicht bezahlt zu werden.

In Dschibuti, Kairo oder Amman gelandet

Karkowsky: Erklären Sie uns den Konflikt, worum, gegen was, für wen wird dort eigentlich gekämpft? Warum gibt es noch keinen Frieden?

AlDailami: Der Krieg hat begonnen 2015, davor gab es im Prinzip sehr friedliche Gespräche zwischen den jemenitischen Gruppierungen im Jemen, und erst als von außen eingegriffen wurde, kam es zur Eskalation dieses innerjemenitischen Konflikts. Wer bekriegt sich dort? Es ist einmal die sogenannte legitime Regierung: Das ist die Übergangsregierung, die von Salih, der gestürzt wurde, der Langzeitpräsident, nach 33 Jahren wurde er nach der Revolution 2011 gestürzt. Er übergab friedlich die Macht an seinen Stellvertreter, und dann begann die nationale Dialogkonferenz.

Sie wurde abrupt beendet, weil der Jemen regionalisiert werden sollte, und zwar in verschiedene Regionen, autonom geführte Regionen, fragmentiert werden sollte. Das hat den gestürzten Präsidenten und vielen Stämmen im Nordjemen nicht gepasst. Insofern haben sie Sanaa gestürmt und haben diesen Stellvertreter, den neuen Präsidenten, aus Sanaa vertrieben. Er hat dann um Hilfe gebeten bei den Saudis, und so begann der Krieg. Also, er zerbombt sein eigenes Land, weil er wieder eingesetzt werden soll in Sanaa. Das ist bisher nicht gelungen. Das sollte ein Vier-Wochen-Blitzkrieg werden, daraus sind fünf Jahre Krieg geworden.

Karkowsky: Was glauben Sie, warum dieser Krieg im Jemen, also ein zerstörtes Land, Kinder verhungern, es ist ja nicht weit von uns, hier in Europa weniger präsent ist als der in Syrien, von dem wir fast täglich in den Nachrichten hören?

AlDailami: Ein entscheidender Grund ist wohl, dass wir hier in Deutschland wenig Flüchtlinge aus dem Jemen bekommen. Die meisten, die es geschafft haben, sind nach Dschibuti oder Kairo oder Amman gegangen, aber seit 2016 ist der Flughafen in Sanaa hermetisch abgeriegelt. Kein Zivilist darf den Nordjemen verlassen. Vom Süden her kann man den Jemen verlassen, aber im Süden herrschen die Saudis und die Emiratis, die diesen Krieg anführen. Ich glaube, das ist der entscheidende Grund. Die Flüchtlingsströme aus dem Jemen Richtung Europa sind gar nicht da, also wird darüber nicht geredet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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