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Tonart | Beitrag vom 30.08.2016

Sängerin Imany mit neuem AlbumSinnliche Akustik statt Clubmusik

Von Kerstin Poppendieck

Die Sängerin Imany während des Top of the Top Festivals 2013 in Polen (picture alliance/ PAP/ Adam Warzawa)
Die Sängerin Imany während des "Top of the Top Festival 2013" in Polen (picture alliance/ PAP/ Adam Warzawa)

Der diesjährige Sommerhit heißt "Don't be so shy" von Imany, aber in der Remixversion des russischen DJ-Duos Filatov & Karas. Mit dem Originalsong von Imany hat diese Version allerdings kaum etwas zu tun. Wie der Remix zum Problem für ihre eigentliche musikalische Identität wird, erzählt Imany und stellt außerdem ihr neues Album vor.

"In der Minute, in der Du einen Song veröffentlichst, ist er nicht mehr deiner. Wenn man das erstmal verstanden hat, geht's einem besser."

In der Minute, in der Du einen Song veröffentlichst, ist er nicht mehr deiner. Wenn man das erstmal verstanden hat, geht's einem besser. Was Imany da sagt, klingt ein bisschen, als würde sie sich selbst trösten oder sich die Situation schön reden.

Das ist der Song, mit dem sie seit 190 Wochen in den europäischen Charts ist. In Deutschland, Österreich, Bulgarien, Polen, Russland und der Ukraine ist sie sogar die Nummer eins. Irgendwie jedenfalls, denn da steht ja ihr Name. Irgendwie aber auch nicht, weil dieser Remix so gut wie nichts mit dem Song zu tun hat, den Imany vor zwei Jahren komponiert hat.

Vom sinnlichen Akustik-Song zum stampfenden Clubtrack, der an Eurodance und Großraumdisco erinnert. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Imany ihren Frieden mit dieser, sagen wir mal freundlich "Neuinterpretation", gemacht hat.

Der Remix machte sie bekannt

Imany: "Das ist nicht mein Musikstil. Deshalb ist es gut, dass ich daran nicht beteiligt war. Als ich den Song geschrieben hab, hatte ich etwas ganz anderes im Kopf. Wenn ich jetzt unglücklich über den Remix wäre, könnte ich genauso gut unglücklich über die vielen privaten Youtube-Videos sein, wo Leute meinen Song auf der Ukulele nachspielen oder auf der Geige. Und ehrlich gesagt, bin ich sehr dankbar für den Remix, weil er mich an Orte gebracht hat, die ich sonst vielleicht nicht gesehen hätte."

Das stimmt. Bisher war die Französin eher unbekannt. Dabei hat sie bereits ein Album veröffentlicht und einen Filmsoundtrack komponiert. Die Zeiten des Unbekanntseins sind jetzt allerdings vorbei. Ihr neues Album "The Wrong Kind of War" bekommt viel Aufmerksamkeit. Und verantwortlich dafür sind eben die beiden russischen DJs Filatov und Karas und ihr "Don't be so shy"-Remix.

Imany: "DJ Filatov hatte schon vorher zwei andere Songs von mir geremixed. Und beide Tracks waren Nummer eins in Russland. So wurde ich dort bekannt. Als sie dann diesen Song remixen wollten, hab ich natürlich nicht nein gesagt. Das war vor anderthalb Jahren und der Song ist immer noch erfolgreich. Jedes Mal, wenn der Erfolg in einem Land nachlässt, steigt er in einem anderen an. Ich hab das Gefühl, das hört einfach nicht auf."

Kunst gegen Marktwirtschaft

Getroffen hat sie die beiden DJs bisher noch nie persönlich. Auch wurde sie nie um Erlaubnis gefragt, ob man denn ihren Song remixen könnte. Das lief alles über die Plattenfirma. Deren Idee war es auch, sowohl den Remix als auch eine Live-Einspielung von "Don't be so shy" mit auf das neue Album zu nehmen. Imany selbst hätte das nicht gemacht. Aus marktwirtschaftlicher Sicht ist es natürlich sinnvoll, aus Imanys künstlerischer Sicht allerdings nicht. Sie schrieb diesen Song bereits vor zwei Jahren für den Soundtrack des Films "Sous les jupes des filles" – bei uns unter dem Titel "Was Frauen wirklich wollen". Ein Leben außerhalb dieses Films, sollte der Song nie haben.

Die Herausforderung für Imany ist jetzt keine leichte. Fans des Remixes werden sicher ins neue Album reinhören. Und dann ungläubig die Augen aufreißen. Und wer den fröhlich oberflächlich stampfenden Clubtrack nicht mag, wird wahrscheinlich nicht ins Album reinhören. Und etwas verpassen. Imanys Stimme ist unglaublich. Warm, tief, samtig, erinnert an Tracy Chapman, nur noch einen Ton tiefer. Und dazu kommt, dass Imany alles andere ist, als eine Studiosängerin, die man für das Einsingen von House-Tracks bucht. Imany hat eine Haltung und die äußert sie in ihrer Musik deutlich.

"Ich nehme diesen Job sehr ernst"

Imany: "Ich war schon immer so. Selbst als Kind. Ich hab gegen Ungerechtigkeiten protestiert, hab meine Eltern gezwungen anzuhalten, wenn sie Müll aus dem Fenster geschmissen haben. Und heute singe ich über die Dinge, die mir wichtig sind. Ich weiß, dass es viele Künstler gibt, denen das zu heikel ist. Aber wenn ich im Fernsehen sehe, wie Kinder in die Luft gesprengt werden, dann muss ich darüber einen Song schreiben."

Gewaltdarstellungen in den Medien, Hilflosigkeit ob der aktuellen politischen Situation weltweit, Umweltzerstörung, Engagement gegen Ungerechtigkeiten– all das sind Themen über die sie in ihren Songs zwischen Soul, Folk und Pop singt. Der Remix von "Don't be so shy" ist sicher gut für ihr Bankkonto. Aber die wahre Künstlerin Imany, der man zuhören sollte, die hört man bei den ersten dreizehn Songs des Albums.

Imany: "Nina Simone sagte: 'Ein Künstler hat die Pflicht, die Zeit zu reflektieren, in der er lebt.' Daran muss ich immer denken. Sie hat so recht. Das ist unser Job und ich nehme diesen Job sehr ernst."

Hören Sie hier den Originalsong in Akustik

und den Remix des Sommerhits "Don't be so shy":

 

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