Sadismus, Geldgier, Hass

Ein stadtbekanntes Gruftie-Girl tötete vor 20 Jahren eine Klassenkameradin. © picture alliance / dpa / Eliot Schechter
08.03.2013
Von den Ermittlungen zu einem längst vergangenen Ritualmord erzählt Cathie Unsworth in "Opfer". Mit ihrem Kriminalroman liefert sie das Porträt einer kaputten nordenglischen Kleinstadt, in der Korruption und Gewalt zum Alltag gehören.
Der Krieg wird nur ein einziges Mal, in einem Nebensatz, erwähnt. 2003, George Bush und Tony Blair machen mobil gegen Saddam. Der Einmarsch in Irak ist beschlossene Sache, und eine weltpolitische Farce um angebliche Massenvernichtungswaffen nimmt ihren Lauf.

Cati Unsworth setzt die politischen Akzente sparsam, und vielleicht liegt darin die größte moralische und kritische Energie von "Opfer". Ihr Roman spielt in einem Kaff an der nordenglischen Küste – London und das Weltgeschehen scheinen mindestens eine Galaxie weit entfernt. Aber die Ermittlungen, die der Privatdetektiv Sean Ward 2003 anstellt und die zurückführen zu einem bestialischen Mord an einem Teenager 20 Jahre zuvor, finden im Schatten einer auf Krieg eingestimmten Gesellschaft statt.

1983 tötet Corrine Woodrow, ein stadtbekanntes Gruftie-Girl, eine Klassenkameradin. Ein Ritualmord, man findet die zerstückelte Leiche, umgeben von einem Pentagramm aus Blut. Der Fall scheint klar: Die Außenseiterin hatte sich derart in ihren Magie- und Fantasywahn gesteigert, dass irgendwann ein Opfer fällig war. Und dann kam das Mädchen auch noch aus einer üblen Familie: Vater abgehauen, die Mutter Prostituierte ...

Unworth rollt diesen Fall aus doppelter Perspektive auf. Sie lässt ihren Detektiv, einen ramponierten Expolizisten, die Gegenwart dieses Kaffs erforschen, in dem Korruption und Gewalt quasi strukturbildend geworden sind. Und sie blendet zurück ins Jahr 1983, in die Jugend der vermeintlichen Mörderin. Haare färben, Punk hören, Jungs anhimmeln: Das ist die Welt dieser Teenagermädchen. Und weil sie alle aus kaputten Familien kommen, spitzen sich die pubertären Konflikte hier noch einmal zu. Corrinne hasst Samantha, die will Debbie den Freund ausspannen. Und Alex weiß nicht, wie er sich entscheiden soll.

1983 war Thatcher auf dem Höhepunkt ihrer Macht, der Falklandkrieg hatte ihre Stellung gefestigt, gleichzeitig explodierten die Arbeitslosezahlen, die Gewerkschaften gingen auf die Barrikaden, das Bildungswesen stand vor dem Kollaps. Auch dies kommt in Unsworths Krimi nicht explizit zur Sprache – aber sie zeigt, wie sich Machtverhältnisse ins Private hineinfräsen und wer die Opfer einer auf Härte und Erfolg setzenden Ideologie am Ende sind: die Jungen, die Schwachen und Außenseiter. Die, die anders sind.

Der Filz, dessen Gewebe aus Sadismus, Geldgier und Hass der Detektiv am Ende zerstört, ist entsetzlich. Unsworth ist auch eine feministische Autorin, das heißt, sie zeigt vor allem, wie gnadenlos jene Schuldzusammenhänge sind, in denen junge Frauen zerstört werden. Dass Familie dabei der Ort maximaler Nähe, aber auch der des maximalen Grauens ist, diese Lektion ist nicht neu. Aber im Medium des Kriminalromans bekommt sie noch einmal eine bestürzende Wucht.

Besprochen von Daniel Haas

Cathi Unsworth: Opfer
Aus dem Englischen von Hannes Meyer
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
384 Seiten, 14,99 Euro
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