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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.04.2014

Sachbuch Ökosystem Mensch

Hanno Charisius/ Richard Friebe: "Bund fürs Leben. Warum Bakterien unsere Freunde sind"

Von Volkart Wildermuth

Billionen von Bakterien: Die Haut ist mit einem ganzen Ökosystem besiedelt. (Stock.XCHNG - Joao Critis)
Billionen von Bakterien: Die Haut ist mit einem ganzen Ökosystem besiedelt. (Stock.XCHNG - Joao Critis)

Gesund ernähren - und bloß nicht zu viel Hygiene: 100 Billionen Bakterien besiedeln den menschlichen Körper. Eklig ist das aber ganz und gar nicht - sondern lebensnotwendig. Charisius und Friebe haben ein sehr unterhaltsames Buch über ein noch junges Forschungsgebiet geschrieben.

Kein Mensch ist allein: Sogar im eigenen Körper ist man in der Minderheit, denn überall auf der Haut und ganz besonders im Darm tummeln sich 100 Billionen Bakterien. Sie stammen von über 1000 Arten ab und haben 100 Mal mehr Gene als der Menschen, berichten die beiden Wissenschaftsjournalisten Hanno Charisius und Richard Friebe in ihrem neuen faszinierenden Buch. "Bund fürs Leben" heißt es und das weist auch schon die Richtung, in die das Buch geht: Denn die Besiedlung durch Bakterien ist kein Grund für Ekel.

Fast alle Mitbewohner im Ökosystem Mensch sind Freunde. Und weil das so ist, entsteht nach Ansicht der Autoren ein neues Menschenbild, ein mikrobielles Selbst. Für ihr Buch haben sie Laboratorien auf der ganzen Welt besucht und unzählige aktuelle Studie ausgewertet. Dank neuester Methoden der Mikrobenzucht und der DNA-Analyse steht fest: Die gewöhnlichen Bakterien auf der Haut halten gefährliche Keime fern, Darmmikroben helfen bei der Verdauung von Ballaststoffen und produzieren Vitamine. Alle zusammen trainieren das Abwehrsystem und beugen so Heuschnupfen, Asthma und Autoimmunerkrankungen vor. "Bakterien können den Stoffwechsel beeinflussen, die Gesundheit, ja die Lebenserwartung, das Leben selbst", lautete der zentrale Satz des Buches.

Allerdings sorgen Antibiotika und Desinfektionsmittel derzeit für ein wahres Artensterben im Mikrobiom. Wer heute in einer Großstadt lebt, hat im Vergleich zu den Jägern und Sammlern der Vorzeit nur etwa halb so viele Bakterienarten auf seinem Körper. Das Ökosystem Mensch gerät so aus dem Gleichgewicht, was aus Sicht der Autoren eine der wichtigsten Ursachen für die Zunahme von Zivilisationskrankheiten ist.

Keine konkreten Ratschläge

Und das, obwohl die Zusammenhänge hoch komplex sind. So verursacht das Bakterium Helicobacter pylori Magenkrebs und gilt als Risikofaktor für Parkinson, gleichzeitig schützt es aber vor Speiseröhrentumoren und Asthma. Ein Beispiel von vielen, die Hanno Charisius und Richard Friebe nicht nur verständlich erklären, sondern auch ausgesprochen unterhaltsam beschreiben. Allerdings müssen sie in ihren Schilderungen oft ein "vielleicht" und ein Fragezeichen verwenden. Das Forschungsgebiet ist einfach zu jung, um wirklich gesicherte Fakten bieten zu können.

Letzteres gilt gerade auch für die Versuche, das Mikrobiom positiv beeinflussen zu wollen, denn konkrete Ratschläge lassen sich aus der aktuellen Studienlage bislang kaum ableiten. Entgiftungskuren und Darmspülungen halten die Autoren aus guten Gründen genauso für Geldschneiderei, wie teure "Effektive Mikroorganismen" in Pillenform. Auch der derzeit im Internet für chronische Leiden aller Art propagierte Transfer von gesundem Stuhl in kranke Därme hilft nachweislich nur gegen schwere Chlostridien-Infektionen.

So bleibt am Ende vor allem die Warnung vor allzu viel Hygiene und der Hinweis, sich gesund zu ernähren: Ballaststoffreich und zuckerfrei. Dazu vielleicht noch ein wenig Probiotika, einfach Joghurt und Sauerkraut. Bleibt also abzuwarten. Da Hanno Charisius und Richard Friebe schon jetzt von so vielen aktuell laufenden Studien berichten, wird es sicher zu einer Neuauflage ihres schon jetzt sehr lesenswerten Buches kommen. Dann bestimmt mit deutlich mehr Hinweise zur Pflege des Superorganismus Mensch.

Hanno Charisius/ Richard Friebe: Bund fürs Leben. Warum Bakterien unsere Freunde sind
Carl Hanser Verlag, München 2014
319 Seiten, 19,90 Euro

 

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