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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.03.2014

SachbuchNeandertaler im Gen-Labor

Svante Pääbo: "Die Neandertaler und wir"

Von Michael Lange

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Spannend beschreibt Svante Pääbo mit seinem ersten populär-wissenschaftlichen Sachbuch den modernen Forschungsbetrieb. In "Die Neandertaler und wir" spart der schwedische Mediziner und Biologe nicht an Humor und absurden Details.

1996 trat ein kleiner schmächtiger Mann mit schwedischem Akzent erstmals vor die Weltöffentlichkeit. Ihm war gelungen, was lange Zeit niemand für möglich hielt: Svante Pääbo hatte einen Teil der Erbinformationen des Neandertalers isoliert und untersucht. Das war das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit und es war die Geburtsstunde einer neuen Wissenschaft, der Paläogenetik.

In seinem ersten populärwissenschaftlichen Sachbuch verknüpft Svante Pääbo jetzt kompetent und lebendig seine eigene Lebensgeschichte mit der Darstellung seines wissenschaftlichen Wirkens. Schon als kleiner Junge in Schweden begeisterte sich Svante für die Vergangenheit. Vor allem das antike Ägypten hatte es ihm angetan, seit er mit seiner Mutter das Land am Nil bereist hatte.

Mumifizierung im Laborofen

Als Medizinstudent forschte er in einem Labor das Immunsystem und begann ohne Wissen seines Professors zu untersuchen, was an Erbinformation in den antiken Überresten steckt. Da er keine Mumie zur Verfügung hatte, legte er eine Kalbsleber so lange in den Laborofen bis sie aussah wie ein Stück Mumie. Dann versuchte er, das Erbmaterial aus den Überresten zu isolieren. Später besorgte er sich Mumiengewebe in der damaligen DDR und erhaschte so einen skurrilen Einblick in die Welt auf der anderen Seite des "Eisernen Vorhangs".

Genussvoll mit Blick für absurde Details und immer wieder mit aufblitzendem Humor beschreibt Svante Pääbo seine großen Erfolge. Zunächst die Begeisterung, als es ihm und seinem Team in München gelang, das Mitochondrien-Genom eines Neandertalers aus ein paar Knochenkrümeln zu ermitteln, und dann der Kraftakt, als er im Konsortium mit Forschern aus der ganzen Welt das Erbgut im Neandertaler-Zellkern weitgehend entschlüsselte. Noch spannender aber sind die Hindernisse, die der Forscher auf dem Weg dorthin überwinden musste, und die Rückschläge, die er dabei einsteckte. Zwar werden die Labors immer sauberer, die Methoden immer ausgefeilter, aber trotz aller Vorsicht verkündet auch Pääbo Ergebnisse, die er später zurückziehen muss oder sogar selbst widerlegt.

Prozess aus Rückschlägen und Fortschritten

Beim Verzweifeln, beim Kämpfen und beim Jubeln die Leserinnen und Leser sind mit dabei. Das Buch zeigt die Wissenschaft als Prozess aus Rückschlägen und Fortschritten, ebenso wie die Entwicklung des Wissenschaftlers und Menschen Svante Pääbo. Sympathien, Antipathien, sexuelle Vorlieben und Dreiecksbeziehungen stehen zwar nicht im Mittelpunkt des Buches, werden aber auch nicht verheimlicht.

Obwohl das Buch "Die Neandertaler und wir" heißt, beschäftigt sich erst das letzte Drittel mit dem Vergleich von Neandertaler und Jetztmensch, aber das ist egal: Denn selten bekommt man so unerwartet spannende Einblicke in den modernen Forschungsbetrieb und in das Leben eines interessanten Wissenschaftlers.

Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach den Urzeit-Genen
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014
381 Seiten, 22,99 Euro
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