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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.01.2014

SachbuchMissbrauch im Beichtstuhl

John Cornwell: "Die Beichte – Eine dunkle Geschichte"

Von Philipp Gessler

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(picture alliance / dpa)
Eine junge Frau kniet in der Laurentiuskapelle im Dom in Mainz in einem Beichtstuhl. (picture alliance / dpa)

Papst Pius X. setzte im Jahr 1905 das Mindestalter für die Beichte auf sieben Jahre herab. Katholische Kinder wuchsen nun in der Furcht vor Sünde und ewiger Verdammnis auf. Mehr noch: Nicht selten kam es zu Übergriffen durch Priester.

„Es ist toll, katholisch zu sein und zur Beichte zu gehen“, hat der italo-amerikanische Schauspieler und Drehbuchautor Chazz Palminteri einmal gesagt, „man kann jede Woche von vorn anfangen.“ Der 61-jährige New Yorker Palminteri, dem besonders gern Mafiosi-Rollen angeboten werden, ist nun wirklich keine theologische Autorität. Aber in diesem Bonmot drückt er etwas aus, was gerade viele Protestanten mit Sehnsucht erfüllt: Ach, hätte man doch so etwas wie eine richtig schöne katholische Beichte - die oft lange andauernden Seelenqualen eines marternden Gewissens wegen eigener Sünden wären so schnell vorbei.

Wer sich diesen schönen Glauben an die erlösende Kraft der katholischen Beichte erhalten will, sollte nicht das neueste Werk von John Cornwell „Die Beichte – Eine dunkle Geschichte“ lesen. Das gerade erschienene Buch schildert die Beichte, die offiziell seit gut 40 Jahren „Sakrament der Versöhnung“ heißt, im wesentlichen als ein Instrument der Kirche, das in den vergangenen Jahrhunderten vor allem der Macht der Hierarchie und der Kontrolle des einfachen Kirchenvolks diente – Kontrolle durch Macht über die Gedanken und das Gewissen der Gläubigen, denen mit Höllenqualen gedroht wurde, sollten sie nicht den Gesetzen der Kirche genügen.

Der Journalist und Autor Cornwell ist kein Kirchenhasser, aber ein kritischer Katholik, der in bald 50 Jahren immer wieder zu kontroversen kirchlichen, theologischen und politischen Fragen Stellung genommen hat. Bekannt wurde er durch das investigative Buch „Wie ein Dieb in der Nacht“, in dem er sich gegen Theorien wandte, der Kurzzeit-Papst Johannes Paul I. sei 1978 ermordet worden. Auch seine Entgegnungen gegen die Atheismus-Bestseller von Richard Dawkins fanden große Aufmerksamkeit. Knallhart war seine Kritik an Papst Pius XII., der während des Zweiten Weltkriegs trotz bester Informationen über den Massenmord an den europäischen Juden öffentlich nicht gegen den Holocaust protestiert hat – Cornwell nannte ihn in einem Buch aus dem Jahr 1999 schlicht „Hitler's Pope“.

Schon Kinder sollten jede Woche beichten

Die Grundthese seines neuen Werks „Die Beichte“, das in diesen Tagen auch auf Englisch erscheint: Es gab einen grundsätzlichen Wandel der Beichte ab der Zeit von Papst Pius X., der von 1903-1914 auf dem Thron Petri saß. War die Beichte in den Jahrhunderten zuvor in der Regel nur einmal im Jahr und erst für Erwachsene oder frühestens ab der Pubertät Pflicht, verlangte Pius X. nun eine möglichst wöchentliche Beichte – und zwar schon für Kinder ab der Kommunion, also mit sieben Jahren.

Eine desaströse Wirkung auf die zarten Kinderseelen habe die dauernde Drohung mit Höllenqualen schon bei kleinsten Sünden gehabt, etwa beim Zu-spät-Kommen zur Messe, was als Todsünde betrachtet wurde. Das verband sich Cornwell zufolge mit einer extremen Körper- und Sexualfeindlichkeit der Kirche, die Papst Pius X. auch durch eine konservative Reform und Disziplinierung der Priesterseminare erreichte. Die Schilderung des anti-modernen, reaktionären Programms von Pius X. gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Werkes – nicht zuletzt, weil dieser erzkonservative Revolutionär im Vatikan mit seinen Reformen das Bild der Kirche und das Leben der Katholiken für etwa 50 Jahre bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) prägte.

Erschütternd, wie die Priester ihre Machtposition ausnützten

Cornwell geht noch einen Schritt weiter: Anhand Hunderter von Briefen oder Interviews, die er nach eigenen Angaben mit Opfern geführt hat, kommt er zu der These, dass gerade die Beichte der schrecklich-ideale Ort war, wo Täter in Priester-Soutane Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten. Immer wieder und geradezu erschütternd schildert Cornwell, wie katholische Priester die Machtposition des Sündenvergebers im Namen des Herrn ausnutzten, um sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen auszuüben – alles vor dem Hintergrund einer völlig verkorksten sexuellen Sozialisation der Täter selbst im katholischen Milieu der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Eine besondere Pointe des Buches besteht darin, dass Cornwell selbst als Kind sexualisierte Gewalt erfahren hat – einmal in einer öffentlichen Toilette in London, wo er von einem Unbekannten missbraucht wurde. Dann von einem Priester in einem katholischen Knabenseminar, wo sich der junge Cornwell im Rahmen eines Beichtgesprächs gerade noch den Zudringlichkeiten eines Geistlichen entziehen konnte, weil er fünf Jahre zuvor die Gewalttat in London erlitten hatte. Trotz dieser Erfahrung im katholischen Internat wollte Cornwell katholischer Priester werden und hat die oft absurde Sexuallehre der damaligen katholischen Kirche in einem Priesterseminar kennen gelernt – ehe er sich schließlich entschloss, den Berufswunsch Priester aufzugeben.

Es ist vor allem die Kombination von klugen historischen Analysen wie persönlichen Erfahrungen, die das Buch Cornwells trotz kleinerer Schwächen und mancher Wiederholungen zu einer fesselnden und lehrreichen, wenn auch deprimierenden Lektüre machen.

John Cornwell: Die Beichte – Eine dunkle Geschichte
Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Enrico Heinemann
Berlin-Verlag, Berlin 2014
319  Seiten, gebunden, 22,99 Euro

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