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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.11.2013

SachbuchFragen an die israelische Geschichte

Tomer Gardi: "Stein, Papier. Eine Spurensuche in Galiläa", Rotpunkt Verlag, Zürich 2013, 296 Seiten

Beit Lahiya im Gazastreifen am Sonntag, den 26.11.2006 (AP)
In Gardis Buch spielt das Verhältnis zu den Palästinensern eine große Rolle. (AP)

In seinem Buch "Stein, Papier" begibt sich der Autor Tomer Gardi auf Spurensuche in ein dunkles Kapitel der israelischen Vergangenheit. Mit seiner Recherche hat er den Grundstein für ein neues Archiv gelegt, meint unsere Kritikerin.

Stein und Papier bilden den Anfangs- und Endpunkt von Tomer Gardis höchst ungewöhnlicher Spurensuche. Um herauszufinden, warum niemand darüber spricht, dass die Steine für das Kibbuz-Museum Dan aus einem 1948 zerstörten palästinensischen Dorf stammen, beginnt er, Fragen zu stellen - zuerst im Kibbuz, seinem Heimatort, wo er 1974 geboren wurde und aufgewachsen ist, dann zieht er größere Kreise. Er sucht in Archiven der paramilitärischen Organisation Hagana und der israelischen Armee. Dort stößt er auf Dokumente, die Beweise für ein vor 60 Jahren verübtes Verbrechen liefern. Damals wurde das palästinensische Dorf Hounin von israelischen Soldaten zerstört, vier bis heute namenlose Frauen vergewaltigt und danach ermordet, die überlebenden Bewohner vertrieben.

Aus den Steinen von Hounin wurde Baumaterial, für den Straßenbau und das Kibbuz-Museum. Bis heute wird darin über die Natur der Umgebung informiert: den Sumpf, den man trockengelegt hat, die Vögel, die Pflanzen, das Tal. Von den Arabern indes, die damals in Hounin lebten, bis sie zu Flüchtlingen gemacht wurden, existiert kein einziges Lebenszeichen. Nur die Steine sind da. Und bis heute als geheim eingestufte Papiere in israelischen Militärarchiven. Gardi bekommt sie zu lesen, weil er Jude ist. Einem israelischen Araber, das sagt man ihm deutlich, hätte man die Dokumente vorenthalten. Mit ihm aber wird ein "jüdischer Bund" geschlossen, in der Annahme, er werde sie "nur für rechtmäßige Zwecke" benutzen.

Kein Recherchebericht, sondern ein mäandernder literarischer Text

Es ist kein geradliniger Recherchebericht, den Tomer Gardi mit "Stein, Papier" geschrieben hat, sondern ein mäandernder literarischer Text; mal in Liedform, mal als Gedicht, als Märchen und in Dialogen; poetisch, dramatisch, rotzig. Er erinnert an die Kriegsdienstverweigerer des jungen Staates Israel und nimmt die Leser mit zu seiner Spurensuche in Tel Aviv und Worpswede, in Berlin, Jerusalem und Galiläa.

"Stein, Papier" ist zuallererst das Buch eines Israelis für Israelis, wie Gardi in einem Interview sagte. Leser der deutschen Fassung sind manchmal auf das Glossar und die hilfreichen Hinweise des Übersetzers Markus Lemke angewiesen. Denn nicht jede kurze Liedzeile, die in Israel jedes Kind kennt, erschließt sich hiesigen Lesern sofort. Dennoch hat es der Autor geschafft, mit seiner Recherche quasi den Grundstein für ein neues Archiv zu legen. In einem solchen Archiv würde die Vertreibung der Palästinenser ins öffentliche Gedächtnis Israels zurückgeholt - und so mancher Mythos über das Land und die eigene Geschichte erschüttert.

Besprochen von Liane von Billerbeck 

Tomer Gardi: Stein, Papier. Eine Spurensuche in Galiläa.
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Rotpunkt Verlag, Zürich 2013
296 Seiten, 27,50 Euro

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