Sachbuch

Der flüssige Kontinent

Ein umfunktioniertes Fischerboot lädt Touristen in der Türkei zur Uferschau. © Janine Wergin
Von Pieke Biermann · 27.11.2013
In fünf "Mediterrane Zeitalter" unterteilt präsentiert der britische Historiker David Abulafia die Geschichte des Mittelmeers. Das Gewässer zwischen Europa, Afrika und Asien begreift er als aufregende Grenzlandschaft.
Das Mittelmeer: Traumziel bleicher Nordmenschen, Sehnsuchtsort klassischer Bildungsbürger, Wiege der Kultur plus Demokratie, ganz zu schweigen von guter Küche, quecksilbrigem Geist und kreativem Müßiggang, und Fußpunkt der drei großen monotheistischen Religionen. Soweit der Blick aus der Landrattenperspektive. Wer sich aufs Wasser hinaus begibt, merkt schnell: Ein sanftes Binnenmeer ist das nicht. Das Mittelmeer ist sprunghaft, tückisch, gewalttätig. Es brodelt, klimatisch wie politisch, und gerade wieder sehr augenfällig – Stichwort: Lampedusa, Gaza, arabischer "Frühling".
Der britische Historiker David Abulafia hat, um im Bild zu bleiben, die Wasserrattenperspektive gewählt. Er betrachtet das kleine Mediterraneum, an dem sich die drei Kontinente der "alten Welt" – Europa, Afrika, Asien – begegnen, wie eine historische Landschaft im eigenen Namen. Wenn man Menschheitsgeschichte dynamisch begreift, als ständige Bewegung über Grenzen hinaus, dann entpuppt sich dieses "Meer zwischen den Ländern" tatsächlich als aufregende Grenzlandschaft.
Es ist Nervenzentrum und Energiequelle für Mobilität aller Art: Entdeckungen, Handel, Kriege, eben Migrationen, ob aus Neugier oder fluchtbedingt. Für Abulafia, dessen sephardisch-jüdische Vorfahren es durch die Jahrhunderte an vielen Ufern bewohnt haben, ist es "der 'flüssige Kontinent', der wie ein echter Kontinent viele Völker, Kulturen und Ökonomien innerhalb genau definierter Grenzen umfasst".
Unterteilung in "mediterrane Zeitalter"
Man kann sein Buch als Anti-Braudel lesen. Abulafia macht keine punktuelle Tiefenbohrung wie Fernand Braudel 1949 mit seiner Studie "Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II". Er hat den ganzen Raum im Blick und zeichnet seine Entwicklung durch die uns bekannte Historie in fünf "Mediterranen Zeitaltern" nach: von 22000 v. Chr. bis Trojas Fall über die hellenisch-phönizisch-römischen Phasen, das Mittelalter mit Kreuzzügen und Pest, die osmanisch-östliche Epoche, in der der Atlantik immer bedeutender wird, und schließlich die Moderne, in der der Suezkanal die zwei Nadelöhre in Ost (Dardanellen) und West (Gibraltar) strategisch marginalisiert. Kurz: Der Autor erzählt "von den ersten Siedlern auf Sizilien bis zu den Bettenburgen an den spanischen Küsten".
Abulafias "Mittelmeer", fast 1000 Seiten prallvoll mit Wissen, dazu Karten und zwei Bildteile, ist ein Steinbruch an Erkenntnissen und Entdeckungen gerade für die identitätskrisengebeutelten Europäer. Und es ist ein immenses Lesevergnügen, denn Abulafia kann wunderbar erzählen (und Michael Bischoff ebenso übersetzen), und er tut es stets anhand von Menschen und Mentalitäten, Orten und Zeiten und deren wechselseitigen Dynamiken von 22000 v. Chr. bis heute. Er nimmt Fäden immer wieder auf, knüpft sie kreuz und quer neu, lässt in der "Mikro-" die "Makroperspektive" aufscheinen und macht die alte Weisheit sinnlich, nach der alles Leben aus dem Wasser kommt: Kein Europa ohne das römische mare nostrum, das hebräische Große und das türkische und arabische Weiße Meer.

David Abulafia: Das Mittelmeer – Eine Biographie
Aus dem Englischen von Michael Bischoff
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2013
960 Seiten, gebunden, 34,- EUR