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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.09.2014

SachbuchAuf Angst können sich alle einigen

Heinz Bude: "Gesellschaft der Angst"

Von Pieke Biermann

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Eine verzweifelte junge Frau hockt auf einem Bett. Im Vordergrund: Tabletten.  (picture-alliance/ dpa - Maxppp Bertrand Bechard)
Eine verzweifelte junge Frau hockt auf einem Bett (picture-alliance/ dpa - Maxppp Bertrand Bechard)

In "Gesellschaft der Angst" schlägt der Soziologe Heinz Bude vor, Angst als flächendeckende Unterströmung zu begreifen - und das 20. Jahrhundert samt Gegenwart aus dieser Perspektive neu zu sortieren. Ein gewagter, aber plausibler Zugriff.

Angst ist (wie Schmerz) ein Warnsystem, das uns auf Gefahren aufmerksam macht. Im digitalen Zeitalter Aufgewachsene würden sagen: Eine App, die einem eigene Anstrengungen abnimmt. Eine Art Navi zum Überleben. Angst (wie Schmerz) kennt man. Hat man auch mal. Aber darüber redet man nicht, außer als Frau. Dann gehört es zur Rollenausstattung.

Für einen Gesellschaftsmelancholiker wie Sempé wäre "Edith, ich hab Schiss!" ein witzloser Titel gewesen, die Pointe konnte 1964 nur zünden als "Emil, ich hab Schiss!"

Sie hat noch lange gefunkelt. Aber irgendwann muss etwas Grundstürzendes passiert sein, denn neuerdings ist auffallend häufig die Rede von Ängsten (und Schmerzen). Man hat sie, nicht nur hier und da und sogar als Mann: Sie sind regelrecht sozialisiert, also auch politisiert und ökonomisiert. Eine Art Grundmelodie moderner Befindlichkeit. Und nicht nur in Deutschland, der einst weltweit bespöttelten angst-ridden nation. Höchste Zeit also, sich die Sache genauer anzusehen.

Angst steckt in allen Lebensbereichen

Heinz Bude ist leidenschaftlicher Soziologe und höchst präsenter public intellectual. Er lehrt und forscht, er hat einen Blick für reale Vorgänge, die eines neuen Zugriffs bedürfen, und auch das Händchen dafür: Er kann schreiben. Diesmal schlägt er vor, Angst als flächendeckende Unterströmung zumindest der OECD-Welt zu begreifen und das 20. Jahrhundert samt Gegenwart aus dieser Perspektive neu zu sortieren. Ein gewagter, aber plausibler Zugriff.

Angst, sagt Bude mit Niklas Luhmann, ist "vielleicht das einzige Apriori, auf das sich alle Gesellschaftsmitglieder einigen können". Und sie steckt in allen Lebensbereichen und wandelt sich mit ihnen.

Ein paar Felder fundamentaler Verunsicherung: Liebesbeziehungen sind heute, wo keine (noch so ideologische) Unkündbarkeit sie abfedert, prekär; rasante Veränderungen der Arbeitswelt transformieren Statuspanik; das demokratische "Integrationsversprechen" zerschellt am realen "Draußen-vor-der-Tür" ganzer Gruppen mit dramatischen Folgen für friedliche Koexistenz; die Mittelschicht klemmt fest in der Zange von exorbitantem Reichtum über und stets dräuender Armut unter sich.

Kein Luxuswehwehchen saturierter OECD-Bürger

Bude erzählt spannend und elegant, schreibt manchmal reine Gedankenprosa – etwa eines Muslims mit Exklusionserfahrung –, und umgeht in seinen Beispielen das Binnen-I durch locker wechselnde männliche und weibliche Form. Sein Buch ist auch ein synoptischer Überflug.

Er rekapituliert, was andernorts bereits gedacht, geforscht, gewarnt wurde – in Philosophie, Psychologie, Politik und Politologie, den Künsten und von ihm selbst. "Die Gesellschaft der Angst" ist eine Gesamtschau, die man anhand der Literaturliste gut vertiefen kann. Und eins macht die Lektüre ganz klar: Angst ist kein Luxuswehwehchen saturierter OECD-Bürger. Angst ist auch nicht nur ein schlechter Ratgeber – sie ist der fruchtbarste Boden für Totalitarismen aller Art.

Mit Angst wird Raubbau betrieben, und leider erfolgreich, wie sich an den Wahlen der letzten Jahre ablesen lässt. Von regional bis supranational.

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst
Hamburger Edition, Hamburg 2014
150 Seiten, geb., 16 Euro

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