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Vollbild | Beitrag vom 29.09.2018

Ruth Beckermann über ihren Film "Waldheims Walzer"Die große Lüge und ihr Weg durch die Geschichte

Moderation: Susanne Burg

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Ein Bild aus Kriegstagen: Kurt Waldheim (2.v.l.) 1943 als Wehrmachtsoffizier in Podgorica (picture-alliance / dpa / Jüdischer Weltkongress)
Ein Bild aus Kriegstagen: Kurt Waldheim (2.v.l.) 1943 als Wehrmachtsoffizier in Podgorica (picture-alliance / dpa / Jüdischer Weltkongress)

Kurt Waldheim wurde 1986 Österreichs Bundespräsident − und log über seine Führungsposten in der Wehrmacht. Die Regisseurin Ruth Beckermann nutzt die Bilder und Töne aus den 80-ern und zeigt in ihrer Dokumentation, wie das große Leugnen funktionierte.

Susanne Burg: "Waldheim nein, Waldheim nein" – so klang es bei einer Demonstration in Wien 1986. Aktivisten und Aktivistinnen demonstrierten gegen die Kandidatur von Kurt Waldheim als österreichischer Bundespräsident. Mit dabei war auch Ruth Beckermann. Es war die Zeit, in der der österreichische Journalist Hubertus Czernin, der Jüdische Weltkongress und internationale Medien Lücken in der Erinnerung von Kurt Waldheim aufdeckten. Unter anderem, was Waldheims Tätigkeit bei der Wehrmacht von 1942 bis 1944 anging. Die hatte er stets verschwiegen und wollte auch nichts von den Gräueln der NS-Verbrechen gewusst haben. Bundespräsident wurde "Waldheims Walzer" dann trotzdem.

Die Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann hat sich nun über drei Jahrzehnte nach der Waldheim-Affäre noch mal mit dieser Zeit auseinandergesetzt. "Waldheims Walzer" heißt der Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt, und ich freue mich, dass Ruth Beckermann für uns in ein Studio des ORF in Wien gegangen ist. Guten Tag, Frau Beckermann!

Ruth Beckermann: Hallo!

Burg: Sie haben sich, 30 Jahre, nachdem Sie selber bei der Demonstration waren, noch mal Ihr eigenes Material angesehen. Was war der Anlass dafür?

Regisseurin Ruth Beckermann beim RadioEins Berlinale-Nighttalk aus der XXLounge anlässlich der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin (imago)Die Regisseurin Ruth Beckermann (imago)

Beckermann: Eigentlich gab es keinen wirklichen Anlass. Das war im Jahr 2013. Ich hatte diese VHS-Kassetten eigentlich vergessen gehabt und dann auf einem Regal gesehen und mir gedacht, ah, schauen wir mal da rein, und sah sie mir mit einigen jungen Männern, in dem Fall, an. Wir waren eigentlich alle sehr schockiert über diese Art der Politiker zu reden, vor allem über diese antisemitischen Rülpser, mehr als Rülpser, Schreiereien am Stephansplatz. Und diese jungen Leute haben mir so viele Fragen gestellt, wer ist Waldheim, und haben sofort von Nixon geredet und von Lügen und von Fake News und so weiter. Mich hat dann dieser internationale Kontext besonders interessiert. Also in Österreich sah man ja damals immer nur die österreichische Seite der Geschichte, und ich bin dann immer mehr reingekommen und fand es sehr spannend, weil wenn man so selber mittendrin ist, dann sieht man ja auch immer nur einen kleinen Ausschnitt.

Heute wie damals das selbe Prinzip: Alles auf die anderen schieben 

Burg: Wenn man selber mittendrin ist in der Zeit, aber das ist für Sie ja auch schon alleine spannend gewesen offensichtlich, 30 Jahre später noch mal auf das Material zu gucken, und dann haben Sie eben gesagt, Sie haben dann international recherchiert. Sie waren unter anderem in den Archiven der BBC. Da gab es, denke ich, auch große Mengen an Material. Wie haben Sie sich das Material, dieses Archivmaterial, dann angeeignet?

Beckermann: Ja, das ist ein langwieriger Prozess gewesen, weil ich zum ersten Mal einen reinen Kompilationsfilm gemacht habe und eine ganz andere Beziehung zu dem Material hatte, nämlich am Anfang gar keine. Normalerweise dreht man sein Material selbst und erinnert sich an die Drehsituation. In dem Fall war das ja Fernsehmaterial, das heißt, es ist völlig anonym. Man weiß nicht, wer die Journalisten waren, wer die Kameraleute waren, die Cutter. Es sind kurze Clips, denn meistens wird ja nur aufgehoben, was gesendet wurde. Das heißt, das Material war kalt. Es hat lange gedauert, bis es begonnen hat, zu mir zu sprechen, und natürlich musste ich vorher reduzieren. Also ich habe gefühlte 2.000 Stunden gesehen, dann mal circa 200 Stunden bestellt, überspielen lassen und diese circa 200 Stunden mal gesichtet. So hat das begonnen.

Burg: Und dann haben Sie sehr viel Material auch von der BBC benutzt, also auch zu sehen sind immer wieder Stimmen oder zu hören vom Jüdischen Weltkongress, die sich massiv für eine Aufklärung eingesetzt haben, und dann dagegengeschnitten Kurt Waldheim bei verschiedenen Veranstaltungen, der sich dann auch immer wieder äußert, unter anderem so:

Kurt Waldheim: Ich war nicht Mitglied. Das ist eingetragen worden von Verwandten. Es handelt sich hier um eine groß angelegte Verleumdungskampagne einer ganz kleinen, allerdings sehr einflussreichen Gruppe, auf die Medien einflussreiche Gruppe.

Burg: Soweit also Kurt Waldheim, und diese einflussreiche Gruppe, die er meint, ist der Jüdische Weltkongress, und man kommt irgendwie nicht umhin, da sofort an diese täglichen Twitter-Kaskaden des US-amerikanischen Präsidenten zu denken, der ständig alle Medien der Fake News beschuldigt. Wie haben Sie auf genau diese Bilder und Aussagen reagiert, wie groß sind die Parallelen zu heute?

Beckermann: Als ich den Film begonnen habe, gab es noch keinen Trump. Es gab so gut wie keine AfD, es gab in Österreich keine rechte Regierung.

Burg: Es gab noch keine Kurz-Strache-Regierung.

Beckermann: Genau, ja. Ich sage immer, es ist ein Wermutstropfen, dass der Film so erfolgreich ist, das ist einerseits sehr schön, andererseits ist er natürlich sehr aktuell geworden durch Trump und Konsorten. Die Strategien sind natürlich dieselben, und die gab es ja schon vor diesen Herrn, die jetzt in verschiedenen Ländern regieren, und das war mir sehr wichtig, diese Parallelen auch zu zeigen: Also wie gewinnt man Wahlen, nämlich immer mit diesem gleichen, sehr simplen Trick, such dir einen anderen, auf den man alles Böse schieben kann. Also damals das Weltjudentum, die Ostküste, Nordamerika, das gegen das arme Österreich agitiert, und heute und ja schon lange ist es eine Strategie der FPÖ, die sogenannten Ausländer für alles verantwortlich zu machen, was irgendwie nicht so ganz funktioniert und damit Angst zu schüren, Gefühle aufzuhetzen und so weiter. Das war mir sehr wichtig, sozusagen eine Parabel oder Parallelen herzustellen, jedenfalls hoffe ich, dass die zu sehr diese erkennen.

Erst nach Waldheim startete die Geschichtsaufarbeitung

Burg: Wenn wir noch mal nach 1986 schauen, Sie zeigen auch viel dieser Auseinandersetzungen auf der Straße. Es war ja auch für Österreich ein Wendepunkt, denn das erste Mal wurde öffentlich über die Rolle von Österreich auch an der NS-Zeit geredet, also dieser Opferdiskurs, der vorher war, der wurde so ein bisschen aufgebrochen. Wie schätzen Sie diese Zeit aus heutiger Sicht ein, in dieser Konfrontation zwischen auf der einen Seite Waldheim und dann aber auch denjenigen, die für eine Aufklärung gekämpft haben?

Beckermann: Aus heutiger Sicht sage ich manchmal: Danke, Herr Waldheim, denn endlich ist dieses Kartenhaus, dieses Lügengebäude zusammengebrochen. Das war zwar schmerzhaft, denn man war diesen Schreiereien und diesem Antisemitismus ausgesetzt, aber rückblickend gesehen hat es für Österreich wirklich eine Wende zum Besseren bedeutet, denn ab 86 haben viele Diskussionen begonnen, viele Studienprojekte, die die österreichische Vergangenheit ab 45, also die Gründung der Zweiten Republik Österreich neu aufgearbeitet haben. Und zum ersten Mal ist über die wirklichen Opfer der Nazis, nämlich die Juden, die Roma und Sinti, die Homosexuellen et cetera, gesprochen worden und darüber, dass die Österreicher, auch wenn der Staat Österreich existiert hat, natürlich den Deutschen absolut gleichgestellt waren hierarchisch. Denken wir nur daran, dass Adolf Hitler ein Österreicher war, was ja in Österreich sehr gerne vergessen wird.

Burg: Interessant ist auch bei Ihnen im Film die Rolle, die Waldheims Sohn spielt, Gerhard Waldheim, der immer wieder zu Wort kommt, am deutlichsten bei einer Anhörung, bei der er seinen Vater verteidigt, aber dabei ziemlich ins Schwitzen kommt, weil ihm sehr kritische Fragen gestellt werden. Er gehört offensichtlich nicht zu den Söhnen, die ihre Eltern damals kritisch hinterfragt haben. Ist er damit auch irgendwie so ein typischer Stellvertreter seiner Generation, also eben dieser anderen Seite?

Beckermann: Ja. Der Sohn ist mir heute noch ein bisschen rätselhaft, weil er seinen Vater so hundertprozentig verteidigt. Natürlich gibt es solche, wahrscheinlich mehr als wir denken. Ich kenne halt eher diejenigen, die ihre Eltern dann doch irgendwann kritisiert haben und sich von dieser Ideologie abgewendet haben, aber natürlich sehen wir heute, gerade in Österreich, vielleicht auch in Deutschland, wie sehr dieses wirkliche Nazi-Milieu weitergelebt hat. Nicht, dass die Waldheims Nazis waren – die waren Christlich-Sozial –, aber wir sehen heute an so vielen Skandalen, die es ja wöchentlich in Österreich gibt mit Mitgliedern der FPÖ, dass es ein Milieu gab, das wirklich unter sich blieb, die Kinder genau oder mehr oder weniger im Sinne des Nationalsozialismus weiter erzogen hat, und vielleicht ist es ja ganz gut, dass das jetzt einmal rauskommt, falls wir es schaffen, das auch wieder einzudämmen und die jungen Leute davon abzuhalten, von dieser Ideologie wieder fasziniert zu sein.

Burg: Nun ist der Film auf vielen Festivals gelaufen inzwischen. Er hatte seine Premiere im Forum bei der Berlinale, und dann aber auch auf internationalen Festivals war er. Wie haben Sie denn die Reaktionen des Publikums bislang erlebt, auch in den unterschiedlichen Ländern vielleicht?

Beckermann: Ja, das ist ganz unerwartet spannend geworden, denn in sehr, sehr vielen Ländern, in denen ich war, zog das Publikum Parallelen zu der Situation im eigenen Land. Zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu geben, in Spanien besonders, wo mir so viele Leute gesagt haben: "Wir sind heute dort, wo Österreich 1986 war." Zum ersten Mal spricht man über Franco, über die Franco-Zeit. Also es dauert manchmal sehr lang. Aber auch in Belgrad haben die Menschen Parallelen zu Alexander Vučić gezogen, der so tut, als wäre er immer der große Demokrat gewesen und Angela Merkel hofiert, und in Wirklichkeit war er in der Milošević-Regierung ein großer Nationalist. Es ist sehr, sehr interessant.

Burg: "Waldheims Walzer", das ist der Dokumentarfilm von Ruth Beckermann, der bei uns nun am Donnerstag ins Kino kommt. Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Beckermann!

Beckermann: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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